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Robert Menasse - Die Hauptstadt

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    Die Hauptstadt

    von

    3.6|7)

    Verlag: Suhrkamp Verlag

    Bindung: E-Book Download

    Seitenzahl: 459


    eISBN: 9783518735824


    Termin: September 2017

    • Robert Menasse - Die Hauptstadt

      Klappentext:
      In Brüssel laufen die Fäden zusammen – und ein Schwein durch die Straßen. Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Sie soll das Image der Kommission aufpolieren. Aber wie? Sie beauftragt den Referenten Martin Susman, eine Idee zu entwickeln. Die Idee nimmt Gestalt an – die Gestalt eines Gespensts aus der Geschichte, das für Unruhe in den EU-Institutionen sorgt. David de Vriend dämmert in einem Altenheim gegenüber dem Brüsseler Friedhof seinem Tod entgegen. Als Kind ist er von einem Deportationszug gesprungen, der seine Eltern in den Tod führte. Nun soll er bezeugen, was er im Begriff ist zu vergessen. Auch Kommissar Brunfaut steht vor einer schwierigen Aufgabe. Er muss aus politischen Gründen einen Mordfall auf sich beruhen lassen; »zu den Akten legen« wäre zu viel gesagt, denn die sind unauffindbar. Und Alois Erhart, Emeritus der Volkswirtschaft, soll in einem Think-Tank der Kommission vor den Denkbeauftragten aller Länder Worte sprechen, die seine letzten sein könnten. In seinem neuen Roman spannt Robert Menasse einen weiten Bogen zwischen den Zeiten, den Nationen, dem Unausweichlichen und der Ironie des Schicksals, zwischen kleinlicher Bürokratie und großen Gefühlen. Und was macht Brüssel? Es sucht einen Namen – für das Schwein, das durch die Straßen läuft. Und David de Vriend bekommt ein Begräbnis, das stillschweigend zum Begräbnis einer ganzen Epoche wird: der Epoche der Scham. (Suhrkamp-Verlagsseite)

      Zum Autor:
      Robert Menasse wurde 1954 in Wien geboren und ist auch dort aufgewachsen. Er studierte Germanistik, Philosophie sowie Politikwissenschaft in Wien, Salzburg und Messina und promovierte im Jahr 1980 mit einer Arbeit über den »Typus des Außenseiters im Literaturbetrieb«. Menasse lehrte anschließend sechs Jahre - zunächst als Lektor für österreichische Literatur, dann als Gastdozent am Institut für Literaturtheorie - an der Universität São Paulo. Dort hielt er vor allem Lehrveranstaltungen über philosophische und ästhetische Theorien ab, u.a. über: Hegel, Lukács, Benjamin und Adorno. Seit seiner Rückkehr aus Brasilien 1988 lebt Robert Menasse als Literat und kulturkritischer Essayist hauptsächlich in Wien. (Suhrkamp-Verlagsseite)

      Allgemeine Informationen:
      Abschnittweise aus verschiedenen Perspektiven der Haupzpersonen erzählt
      Prolog, elf Kapitel, Epilog
      459 Seiten
      Träger des Deutschen Buchpreises 2017

      Meine Meinung:
      Natürlich sind wir froh, dass sich die europäischen Länder seit 1945 nicht mehr bekriegen und gegenseitig zu vernichten trachten. Natürlich sind wir froh, dass die europäischen Länder sich vertraglich zusammengeschlossen haben. Natürlich sind wir froh, Europäer zu sein.
      Trotzdem leidet die EU unter dem Ruf, vor allem sich selbst zu verwalten.

      Menasse bestätigt das Vorurteil: Konferenzen, Meetings, Termine – daraus besteht der Tagesablauf der meisten EU-Angestellten. Aufgaben werden von oben nach unten durchgereicht. Entscheidungen verzetteln sich zwischen nationalen Interessen. Was in den Kommissionen diskutiert und beschlossen wird, fällt im Parlament durch. Arbeit vertan, Energie vertan, Lebenszeit vertan.

      Ein Schwein läuft durch Brüssel, verursacht einen Medienrummel. Besteht Gefahr für die Bevölkerung durch ein frei laufendes Schwein? Soll man ihm nicht einen Namen geben? Das Schwein generell – nicht nur dieses eine konkrete – wird zum wieder kehrenden Motiv des Romans.
      Ein Mann wird in einem Hotel umgebracht, doch dem zuständigen Kommissar wird der Fall entzogen, denn es darf keinen Fall geben.
      Derweil rüstet man sich in den europäischen Kommissionen für ein Jubiläum, um das angeschlagene Image bei der Bevölkerung zu retten. Fenia, die bei der Kommission für Kultur arbeitet, delegiert die Planung an den Österreicher Martin Susmann, von Hause aus Archäologe. Für die europäische Kultur arbeiten nur diejenigen, die es nicht in die wichtigen Sparten wie Wirtschaft oder Finanzen geschafft haben. Susmanns Bruder ist Vorsitzender im Schweinezuchtverband und will die Unterstützung der EU für seine Geschäfte mit China.
      Man sollte sich beim Jubiläum an die unrühmliche Vergangenheit, v.a. den Holocaust erinnern und sich der heutigen besseren Zeiten freuen; schließlich ist die EU Garant für Frieden, Freiheit und Würde. Doch einer der letzten Überlebenden, David de Vriend, ist gerade ins Seniorenheim gezogen und kämpft gegen seine Demenz.
      Alois Erhart, emeritierter Professor für Ökonomie, soll einen Vortrag vor einem Think-Tank halten.
      Jeder Figur ordnet der Autor einen Handlungsstrang zu; diese Stränge laufen parallel, kreuzen sich einmal oder ständig und laufen am Ende lose zusammen oder bleiben offen.

      Mit zwinkerndem Auge, oft bissig und mit ironischem Unterton erzählt Menasse. „Deutsche Unterwäsche ist das Beste für Auschwitz!“ – braucht Mann für eine KZ-Besichtigung im strengen Winter.
      Oder, als Schrift auf einem Aschenbecher mit Afrikaner-Karikatur „Le Congo recoit la civilisation belge“ (der Kongo erhält die belgische Zivilisation).
      Es sind die kleinen eingestreuten Sätze ebenso wie die großen Handlungszusammenhänge, die den Esprit des Buches ausmachen.

      „Die Hauptstadt“ ist sicher kein leichtes Lesevergnügen. Aber ein Vergnügen ist das Buch. Und das ist mehr als man von vielen Prämierten des Deutschen Buchpreises sagen kann.
      Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. (Oscar Wilde)

      Bücher sind auch Lebensmittel. (Martin Walser)
    • Vielen Dank für die Vorstellung, @Marie! Ich liebäugle schon ein Zeitl mit dem Buch.

      Marie schrieb:

      Und das ist mehr als man von vielen Prämierten des Deutschen Buchpreises sagen kann.
      Aber von Robert Menasse fast immer. Robert Menasse ist toll - nicht nur seine Bücher, auch er selbst ist beeindruckend, intelligent und interessant.
      Ein Leser hats gut: er kann sich seine Schriftsteller aussuchen.
      (Kurt Tucholsky)
      ____________________________________
      meinebuecherwelt.wordpress.com/
    • Normalerweise schreibe ich eine Rezension und gut ist. Es hätte noch drei, vier Aspekte gegeben, über die ich nicht geschrieben habe, sonst wäre meine Vorstellung doppelt so lang geworden. Und außerdem möchte ich noch ein paar Gedanken für zukünftige Kommentatoren übrig lassen. Z.B. wie Dich, @Susannah.

      Ich werf auch mal ein paar freundliche :lol: Blicke zu @Conor und @Yurmala, die das Buch schon gelesen haben und noch :bewertungHalb: über meiner Bewertung liegen.
      Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. (Oscar Wilde)

      Bücher sind auch Lebensmittel. (Martin Walser)
    • @Susannah schreibt:
      Aber von Robert Menasse fast immer. Robert Menasse ist toll - nicht nur seine Bücher, auch er selbst ist beeindruckend, intelligent und interessant.


      Den Autor kannte ich, ehrlich gesagt, noch nicht bis ich vor Kurzem eine wunderbare Dokumentarserie bei Arte entdeckte, die ich nur jedem Bücherverrückten weiterempfehlen kann. Da war Robert Menasse ein Repräsentant für Österreich. Und ich notierte mir den Namen. Und - schwupp! - findet man eben, wie es halt so läuft, bald darauf den Namen wieder! Danke Marie!

      Am besten hier:
      boutique.arte.tv/detail/europe_ecrivains_serie

      oder:
      Maurizio Maggiani - Reisende in der Nacht/ Il viaggiatore notturno
      Swetlana Alexijewitsch - Tschernobyl: Eine Chronik der Zukunft
      Bernard Sesboüé - Introduction à la théologie-Histoire et intelligence du dogme
      Yoshida Kenko - Betrachtungen aus der Stille/Das Tsurezuregusa

      (Un-)Gelesenes: buechertreff.de/user/2161-tom-leo/#shelf
    • Eigentlich bin ich mehr oder weniger zufällig in eine Lesung von "Don Juan de la Mancha" gestolpert und war begeistert. Die Geschichte ist sehr humorvoll und Robert Menasse hat die Lesung großartig gemacht. Sehr unterhaltsam, aber eben auf den ersten Blick hochintelligent.

      Ich weiß es nicht sicher, weil ich nur zwei seiner Bücher (oben genanntes und "Selige Zeiten, brüchige Welt") kenne, aber ich habe den Eindruck, seine Bücher sind alle lesenswert.

      Nebenbei bemerkt gefallen mir auch seine Kommentare zur politischen Entwicklung in Österreich ( :puker: ) immer sehr. Es tut gut, die zu lesen und lässt hoffen...
      Ein Leser hats gut: er kann sich seine Schriftsteller aussuchen.
      (Kurt Tucholsky)
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    • Robert Menasse schätze ich als europäischen Intellektuellen und Schriftsteller. In „Die Hauptstadt“ vereint er beide Qualitäten, indem er seine Vision für Europa aus der Vergangenheit aufbaut. Ob dieser zentrale Punkt der europäischen Idee Auschwitz sein muss, bleibt Menasse überlassen. Zumindest weiß er es gut darzulegen. Sein Protagonist David de Vriend ist kein Karikatur behafteter Mensch wie andere Figuren des Romans.

      Beim Lesen musste ich häufig an einen Spruch aus der 1968er Bewegung in Frankreich denken, «L’histoire ne se répète pas, elle bégaye.»(*) Bei Menasse wiederholt sich gekonnt die tragische Geschichte als Farce, wobei das Böse versteht sich zu verharmlosen. Das ist ihm schon in seinem Roman „Die Vertreibung aus der Hölle“ gelungen, wo er den Bogen vom 17. Jahrhundert über die NS-Zeit ins endende 20. Jahrhundert spannte. Jetzt steht für die Farce die europäische Wirtschaft am Beispiel des Fleischmarkts mit allen Mitspielern und deren Lobbyisten. Ich sag nur Schweinsohren, und muss schon schmunzeln wie schwülstig und doch greifbar nah Menasse an diesem Beispiel die aberwitzigen Kräfte zeichnet, die auf solch einem Markt mit- und gegeneinander wirken.

      Gefallen haben mir auch die einzelnen Referenzen zu Musils "Mann ohne Eigenschaften". Hätte ich doch nur die Zeit beide Romane nebeneinander wieder zu lesen. Da würden wahrscheinlich noch mehr Parallelen aufkommen, als wie sie mir bei einigen Anspielungen jetzt auffielen.

      Ich finde den Roman durchwegs gelungen und habe „Die Hauptstadt“ beim Lesen sehr genossen, daher auch meine großzügige Notierung.

      (*) Die Geschichte wiederholt sich nicht, sie stottert. (Dabei waren damals mit ‚Geschichte‘ die Streikbewegungen in Frankreich vom Frühjahr 1936 gemeint, die die Regierung des Front Populaire unter Léon Blum an die Macht brachten.)
      Viele Grüße von Yurmala

      :study: Zabor ou Les psaumes von Kamel Daoud

      :musik: Hundert Jahre Einsamkeit von Gabriel García Márquez, vorgelesen von Ulrich Noethen

      »You can never get a cup of tea large enough or a book long enough to suit me.«. C.S. Lewis
    • Schweine und ein Fundament aus Asche
      :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:
      Brüssel, Hauptsitz der Europäischen Kommission, ihres Zeichens supranationales Herz der Europäischen Union und Hüterin der Verträge. Die EU-Kommissare werden zwar von ihren jeweiligen Regierungen nominiert, sollen aber nicht nur nationale Interessen vertreten, sondern die gemeinsamen Ziele der Union.

      Union – also Einheit! –, gemeinsame Ziele? Welch hehres Ideal.

      Doch Menasse zeigt in seinem Roman gnadenlos, wie wenig die Realität diesem Ideal entspricht. Wie ein Leitmotiv zieht es sich durch das Buch: das gnadenlose Scheitern, das durch Zusammenarbeit hätte verhindert werden können, im Großen wie im Kleinen. Der moralische Bankrott. Absurd, lachhaft, aber das Lachen bleibt einem ab und an im Halse stecken.

      Da gönnen sich die Ressorts der Kommission gegenseitig nicht die Butter auf dem Brot. Von Union keine Spur, man macht sich kaum die Mühe, Eigeninteressen zu verschleiern. Wen schert es schon, wenn die Suizidrate in Griechenland alarmierend steigt? Nur die Griechen. Und wenn es der eigenen Sache dient, wechselt man sogar die nationale Identität.

      Da kommt direkt mehreren Menschen eine Erleuchtung: Auschwitz als Geburtsort der Europäischen Kommission – Auschwitz als zwingender Grund dafür, dass nationale Interessen supranationalen Interessen weichen müssen, damit sich die Geschichte niemals wiederholt! Zwar begegnen sie sich, nichtsahnend, aber dennoch kommen sie nicht zusammen. Der Gedanke verliert sich in den Plattitüden von Menschen, für die Auschwitz nur noch ein lästiger Klotz am Bein ist, den man seit dem Zweiten Weltkrieg hinter sich herschleppt, oder bestenfalls eine Gelegenheit, in regelmäßigen Abständen die eigene Ergriffenheit zur Schau zu stellen.

      Und derweil sterben die letzten Zeitzeugen. Ein alter Mann streicht Name für Name von einer Liste, die überaus wertvoll hätte sein können, wäre sie zur rechten Zeit in die rechten Hände gelangt.

      Am ehesten sorgt noch das Schwein für Einheit, das durch die Stadt geistert – und sogar das fügt sich wieder in das Leitmotiv, gelingt es doch nicht, in einer gemeinschaftlich organisierten Aktion das Schwein einzufangen. Wer sich jedoch über das Schwein profilieren kann, der tut es. Das Schwein als verkörperte Bürokratie?

      Und dennoch: "Die Hauptstadt" ist meines Erachtens nicht anti-EU, sondern lediglich kritisch gegenüber deren Umsetzung. Als Leser fragt man sich, wie es weitergehen kann, soll, muss.

      Die Grundidee ist bestechend, die Umsetzung glänzt durch feinen Humor und genaue Beobachtung zwischenmenschlicher Nuancen. Ich kann durchaus nachvollziehen, warum diesem Buch der Deutsche Buchpreis verliehen wurde.

      Und dennoch.

      Das Fragmentarische der Handlung unterstreicht zwar die eklatante Uneinigkeit von Menschen, die sich von Berufs wegen der Einigung verschrieben haben, macht es aber auch ermüdend, den verschiedenen Handlungssträngen zu folgen. Menasse verliert sich im Detail, und bis zu einem gewissen Punkt war ich bereit, ebenfalls verloren zu gehen und zu sehen, wohin die Reise geht. Und tatsächlich: vieles ist hochinteressant, feinsinnig, bietet lohnende philosophische Denkansätze. Vieles liest sich aber auch wie eine Sammlung politischer Essays, die allerhöchstens lose verknüpft sind, angesiedelt irgendwo zwischen Sachbuch und Politsatire.

      Vieles ist grandios, keine Frage. Manche der Charaktere sind lebendig, komplex und glaubhaft – andere hingegen nur eine Handbreit vom Klischee entfernt. Der Schreibstil kann so wunderbar sein, dass man sich ganze Passagen abschreiben und an die Wand hängen will – dann wiederum merkwürdig flach und zugleich übertrieben. Allerdings hege ich bei beidem den Verdacht, dass Menasse in voller Absicht mit den Erwartungen des Lesers spielt, um die Absurdität gewisser Situationen herauszustellen! Die Europäische Kommission, war mein Eindruck, parodiert sich im Grunde selbst.

      Die Lesbarkeit wird erschwert durch einen generellen Mangel an Anführungszeichen in der direkten Rede und gleichzeitig eine Vielzahl an fremdsprachigen Sätzen, die nirgendwo erläutert, geschweige denn übersetzt werden. Soll auch das betonen, dass die innereuropäische Kommunikation nicht funktioniert? Wenn ja, vermittelt es zumindest einen Hauch der Frustration darüber.

      An manchen Stellen erschien mir die Symbolik zu gewollt. So versucht zum Beispiel ein Mitarbeiter der Kommission seiner Vorgesetzten die Bedeutung von Auschwitz für die Gründung der Kommission zu erläutern, sie indes hört ihm nur mit halbem Ohr zu – und wischt sich beiläufig Asche von der Bluse.

      Die Vermischung von Fakt und Fiktion funktioniert in meinen Augen meistens gut; da unterstützt das eine die Wirkung des anderen. Manchmal überschreitet Menasse jedoch die Grenze dessen, was für mich noch glaubhaft ist. Die Profilkiller des Vatikan wollten sich für mich zum Beispiel nicht so recht in die Handlung einfügen, außer vielleicht als Kontrapunkt zum europäischen Grundgedanken.

      Fazit:
      Mein Leserherz blutet – wollte ich diesen Roman doch eigentlich in den Himmel loben. Nicht nur hat es den Deutschen Buchpreis gewonnen, nein: der Autor wirkte bei der Verleihung so charmant verblüfft und überrumpelt, dass ich bereit war, sein Werk zu lieben. Stattdessen muss ich mich damit begnügen, dass ich es 'nur' gut finde... Ja, manches finde ich sogar wunderbar, aber eben nicht alles.

      Es ist in meinen Augen vor allem eine (selbst-)ironische Satire, angereichert durch philosophische Gedanken und Betrachtungen über den Grundgedanken der Europäischen Union und das Wesen des Menschen – mit einer Prise Krimi. Aber über lang(atmig)e Strecken geht es eben um Bürokratie: deren Fallstricke, Intrigen und absurde Auswucherungen. Und was sagt man über die Mühlen der Bürokratie? Richtig. Da kommt auch die turbulenteste Geschichte kreischend zum Stillstand.

      Was allerdings wiederum die Botschaft unterstreicht: Stillstand ist hier der Tod guter Ideen.

      Auch, wenn ich den Roman nicht so innig lieben konnte, wie ich es mir gewünscht hätte, ist er doch lohnend, wenn man sich für die Thematik interessiert. Bis auf kleinere Durststrecken fand ich die Geschichte durchaus unterhaltsam, sogar spannend, mit einem intelligenten feinen Humor und vor allem: zum Nachdenken anregend.
    • Mikka Liest schrieb:

      An manchen Stellen erschien mir die Symbolik zu gewollt. So versucht zum Beispiel ein Mitarbeiter der Kommission seiner Vorgesetzten die Bedeutung von Auschwitz für die Gründung der Kommission zu erläutern, sie indes hört ihm nur mit halbem Ohr zu – und wischt sich beiläufig Asche von der Bluse.
      Über diese und ähnliche Stellen habe ich mich amüsiert. Meiner Meinung nach haben sie allerdings nicht die Bedeutung eines Symbols - das würde ihnen eine unpassende Tiefe zugestehen -, sondern sind ein typisches Beispiel für Menasses Biss und seinen Sarkasmus.
      Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. (Oscar Wilde)

      Bücher sind auch Lebensmittel. (Martin Walser)
    • Die Hauptstadt von Robert Menasse ist ein Roman, den man eigentlich zweimal lesen müsste. Er verdient die doppelte Lektüre, denn erst, wenn man ihn beendet hat, weiß man, wie man die Facetten zusammensetzen muss, nein darf. Kernthema ist die Europäische Union.
      Inhalt
      Die Handlung ist verzwickt durch die Vielzahl der Romanprotagonisten, aber mit ein wenig Aufmerksamkeit dennoch leicht zu verstehen. Ein Mord geschieht im Hotel Atlas in Brüssel. Der zuständige Kriminalbeamte wird von dem Fall alsbald abgezogen, da höhere Interessen bestehen, mit anderen Worten, der Mord wird unterschlagen und vertuscht. Es gibt keine Leiche, keine Aufzeichnungen, kein rein gar nichts. Kommissar Brunfaut forscht nach. Das ist die Rahmenhandlung, wenn man so will, die man als Leser jedoch immer wieder aus dem Blick und dem Gedächtnis verliert, weil so viele andere Abläufe passieren. Da wäre eben die Europäische Kommission, deren Kulturabteilung ein anstehendes Jubiläum feiern möchte. Ein Schwein rennt durch Brüssel und bekommt mediale Aufmerskamkeit. Schweinefabrikanten haben eine Lobby gegründet, weil sie die Schweinsohren nach China verkaufen wollen. Das ist nicht EU-konform. In den Gremien und Untergremien der EU wird um Kompetenzen, um Jobs, um Posten und um Einfluß gerangelt. Es geht um Korruption, Vertuschung, Gemauschel..... Und letztendlich geht es um die Frage, was eigentlich der Gedanke eines vereinten Europas ist. Worauf ist Europa begründet? Hat der Nationalismus ausgedient, kann man ihn überwinden, hat die Europäische Idee Bestand, gar eine Zukunft und inwiefern spielt die blutige europäische Vergangenheit eine Rolle in dem Ganzen? Drittes Resümee: bei aller Gewitzheit und Ironie steckt doch ein ernstes Thema hinter allem!


      Meine Meinung
      Der Autor fabrizierte mit diesem Roman eine hervorragende Persiflage über aufgeblasenen, unnötigen und kostspieligen Bürokratismus sowie Kompetenzstreitigkeiten, die mit jeder Zeile amüsant zu lesen sind. Der Roman ist spritzig, lehrreich, manchmal böse. Ich musste oft lachen, manchesmal brüllen. Und irgendwann wollte ich beim Lesen des Romans alle in der EU-Kommission entlassen.
      Menasses Protagonisten sind lebendig und agil, karrieregeil, wunderbar skizziert, obwohl sie dem Plot untergeordnet sind, sie sind skurril, normal, seltsam, depressiv, aufgeblasen, eingebildet, ängstlich, von ihrer Bedeutung durchdrungen und sind letztlich doch nur arme Schweine, die bei Bedarf durchs Dorf getrieben werden, um im Schweinebild zu bleiben.
      Der Schluss lässt einige lose Enden übrig. Das macht zunächst etwas
      ratlos, aber dann ergibt es durchaus Sinn. Wie soll es keine losen Enden
      geben in einem Betrieb, der einst aus einer hehren Idee heraus
      entstanden ist, aber dann überbürokratisiert einfach nur ins Leere
      läuft, wie sollte dabei jedes Quäntchen einen Sinn ergeben und ein
      rationales Plätzchen finden. Sobald die Medien nicht mehr darüber
      berichten, werden die Ereignisse uninteressant, einfach vergessen, haben
      nie existiert oder werden zur Not übertüncht mit einem Staatsbegräbnis.
      Von mir eine klare Leseempfehlung. Vielen Dank Robert Menasse für
      dieses Lesevergnügen.9 Punkte
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