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Juli Zeh - Leere Herzen

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    Leere Herzen

    von

    4|8)

    Verlag: Luchterhand Literaturverlag

    Bindung: Gebundene Ausgabe

    Seitenzahl: 352


    ISBN: 9783630875231


    Termin: November 2017

    • Juli Zeh - Leere Herzen

      2025, Deutschland lebt in Sicherheit und Wohlstand, es gibt das bedingungslose Grundeinkommen. Dass die regierende BBB (BesorgteBürgerBewegung)-Partei währenddessen den demokratischen Staat sukzessive zurückfährt, immer mehr Freiheitsrechte beschneidet und die Überwachung auch im Privaten praktisch lückenlos ist, scheint nur wenige zu stören. "Die Leute wurden gefragt, was sie tun würden, wenn sie sich zwischen dem Wahlrecht und ihrer Waschmaschine entscheiden müssten. ... 67% wählten die Waschmaschine. 15% waren unentschieden."
      Britta Söldner (!) hat sich in dieser Welt eingerichtet und mit einem Freund und Partner ein perfides Geschäft aufgebaut, mit dem sich gutes Geld verdienen lässt. Doch sie bekommen Konkurrenz und bald schon scheinen sie verfolgt zu werden.
      Es ist ein düsteres Bild, was Juli Zeh in diesem Buch entwirft. Und erschreckenderweise nicht sooo weit entfernt von unserer Welt. 'Wehret den Anfängen' soll uns wohl deutlich gemacht werden - doch das leider in einer Intensität, dass es anfing mir auf die Nerven zu gehen. Ja, mir ist bewusst, dass das Wahlrecht ein wichtiges ist; dass Mitwirkungs- und Mitbestimmungsrechte auf allen Ebenen relevant sind für unser Zusammenleben, auch wenn sie umständlich und zeitraubend wirken und manchmal vielleicht sogar sind; dass es etwas geben muss FÜR das man lebt - und dass das nächste Shoppingerlebnis bestimmt nicht dafür ausreicht; dass Überzeugungen, Prinzipien, Standpunkte überholt klingen mögen (kann man sich doch nix für kaufen) - aber ob 1.587 Likes ausreichen, um dem Leben einen Sinn zu geben? Auch wenn Frau Zehs Anliegen mehr als gerechtfertigt ist, hat mich 'Leere Herzen' nicht überzeugt. Den erinnernden Zeigefinger sah ich ständig im Hintergrund und die Figuren waren (was sie wohl auch sein sollten) weitestgehend gleichgültig - was sich dann aber bedauerlicherweise auch auf die Geschichte auswirkte (hach, wenn ich da an 'Unterleuten' zurückdenke; was für ein Buch!). Zudem blieben diverse Fragen offen: Was machte beispielsweise Hatz anschließend? Und die Beteiligung? Wo kam die eigentlich her?
      So bleibt es trotz der eigentlich guten Idee bei einem durchschnittlichen Krimi in einer nahen Zukunft, wie sie uns hoffentlich erspart bleiben wird. Ob dieses Buch dann mit dazubeigetragen haben wird, wage ich allerdings zu bezweifeln :wink:
      :study: Kühn hat zu tun von Jan Weiler
      :musik: QUALITYLAND von Marc-Uwe Kling
    • Leere Herzen - Juli Zeh

      Britta Söldner lebt mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter in Braunschweig. Sie betreibt mit ihrem Geschäftspartner und Freund Babak "Die Brücke", bei der es sich offiziell um eine psychologische Beratungspraxis handelt. Doch in Wirklichkeit versteckt sich eine ganz andere Geschäftsidee in den unscheinbaren Praxisräumen. Britta und Babak verdienen mit ihrem Unternehmen viel Geld. Das scheint plötzlich Neider auf den Plan zu rufen. Es gibt Trittbrettfahrer, die anscheinend die gleiche lukrative Idee nutzen wollen. Britta und Babak geraten in Zugzwang und plötzlich müssen sie nicht nur um ihre berufliche Existenz kämpfen, sondern um ihr Leben......

      Die Handlung von "Leere Herzen" trägt sich in Deutschland, im Jahre 2025, zu. Juli Zeh beschreibt eine Welt, in der die "Besorgte-Bürger-Partei" an der Macht ist und die Politikverdrossenheit und Gleichgültigkeit der Bürger für ihre Zwecke nutzt. Der Einstieg in die in naher Zukunft angesiedelte Dystopie gelingt relativ mühelos. Man beobachtet zunächst Britta Söldner und erfährt nach und nach, wie sie ihr Leben in der politikverdrossenen Gesellschaft eingerichtet hat. Dabei tappt man über weite Teile der Handlung im Dunkeln, was für eine Geschäftsidee wirklich hinter ihrer psychologischen Beratungspraxis steckt. Da man das aber unbedingt erfahren möchte, ist das Interesse sofort geweckt.

      Juli Zeh versteht es hervorragend, die ferne Zukunft so zu beschreiben, dass man sich das Leben dort mühelos vorstellen kann. Man lernt diese Welt Schritt für Schritt durch Britta Söldner kennen und fügt dabei langsam ein Puzzleteil zum nächsten. Der Schreibstil ist gewohnt flüssig, sodass man förmlich über die Seiten fliegt, um alle Hintergründe zu erfahren. Dabei schwebt eine angespannte und zuweilen auch recht bedrohliche Atmosphäre zwischen den Zeilen. Die Handlung ist nicht nur tiefgründig, sondern regt außerdem zum Nachdenken an. Die Protagonisten wirken lebendig und vielschichtig. Ihre Emotionen werden glaubhaft vermittelt, sodass man sich ganz auf die Handlung einlassen kann und dabei fasziniert beobachtet, welche Wendung die Erzählung nimmt und welche Ausmaße die Politikverdrossenheit und Gleichgültigkeit der Bürger annimmt.

      Ich habe mich beim Lesen dieser faszinierend erzählten Gesellschaftskritik sehr gut unterhalten und konnte das Buch deshalb nur schwer aus der Hand legen. Einmal angefangen, hing ich auch schon am Haken, sodass ich unbedingt erfahren wollte, was hinter allem steckt. Die Beschreibungen der dystopischen Welt wirkten auf mich durchaus vorstellbar und haben mich zum Nachdenken angeregt. Auf meiner persönlichen Bewertungsskala erhält "Leere Herzen" deshalb auch alle fünf Bewertungssternchen und eine klare Leseempfehlung!

      :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:
    • eine Gesellschaftskritik und ein Sittenbild

      Juli Zehs neuer Roman "Leere Herzen" spielt in nicht allzu ferner Zukunft in Deutschland. In weniger als 10 Jahren ist die BBB-Partei (Besorgte-Bürger-Bewegung) an der Macht, die alle demokratischen Werte systematisch zurückfährt. Britta Söldner und ihr Geschäftspartner Babak haben in dieser Welt ihre Nische gefunden: gemeinsam betreiben sie die Heilpraxis "Die Brücke". Doch hinter dieser freundlich wirkenden, aber nichts sagenden Fassade betreiben sie ein Geschäft mit dem Tod. Nach einem plötzlichen Anschlag ist klar - es will einer teilhaben an dem Geschäft - und er schreckt vor nichts zurück.
      Dieses Buch ist erschreckend realistisch, duster und leider nicht sehr weit entfernt von unserem Heute. Trotzdem bleiben die Charaktere leider gleichgültig bis zur Arroganz und ziemlich blass.
      Die Stärke des Buchs liegt hingegen im Aufbau und der langsamen Steigerung: zu Beginn haben wir nur ein bisschen Gesellschaftskritik, später auch an unserem politischen System, an Ausländerfeindlichkeit, politischem Desinteresse usw.
      Mit jedem Gedanken kommt ein neuer Puzzlestein dazu, bis es fast zu viel ist. Das Buch ist ziemlich überfrachtet, einfach nicht ganz geglückt. Der Schluss ist dermassen übertrieben, dass ich ihn nicht ernst nehmen kann.
      Wer ein wirklich gutes Buch von Juli Zeh lesen will, dem empfehle ich lieber "Unterleuten" :thumleft:
      für Leere Herzen vergebe ich :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:
      Wer a sagt, muss nicht b sagen. Er kann auch erkennen, dass a falsch war. :P
      ( Bertold Brecht, 1898 - 1956 )
    • Neu

      So, nun habe ich diesen Roman auch gelesen und ich muss sagen, es ist schon interessant, dass die INhaberin der "Brücke" tatsächlich mit Nachnamen Söldner heißt. Denn eigentich vermittelt sie ja genau das. Und sie sieht es ähnlich kritisch, wie die meisten Waffen- und Militärmaterialhändler wohl ihre eigene Arbeit sehen. "Wenn ich es nicht täte, täte es ein anderer - so kann ich wenigestens die Kollateralschäden kontrollieren."

      Aber eigentlich scheint dies Britta, die im Prinzip jedes Prinzip leugnet, auch nur vordergründig zu interessieren. Sie glaubt einfach an nichts mehr. Noch nicht enmal genug um auch nur zynisch zu wirken.

      Die hier gezeichnete nahe Zukunft ist unerwartet – aber auch nicht weniger plausibel als andere Szenarien, die sich finden lassen. Insbesondere ist bedenkenswert, wie hier Grundrechte und – strukturen eines demokratischen Systems nach und nach ausgehöhlt und fallengelassen werden, ohne dass sich dagegen eine wirkliche Opposition auftut. Eine Tendenz, die man in Teilen der Bevölkerung eigentlich immer beobachten kann (zum Glück aber in anderen Teilen auch das Gegenteil). Eine lohnende Lektüre.
      Mehr Bücher finden sich auf Sandammeer und Lesezeit hier. Manches produzieren wir sogar selbst: Kegelberge.
      Hilfe, die ankommen soll geht an Ärzte ohne Grenzen.
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