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Hannah Kent - Wo drei Flüsse sich kreuzen / The Good People

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    Wo drei Flüsse sich kreuzen

    von

    4.6|4)

    Verlag: Droemer HC

    Bindung: Gebundene Ausgabe

    Seitenzahl: 432


    ISBN: 9783426199794


    Termin: September 2017

    • Hannah Kent - Wo drei Flüsse sich kreuzen / The Good People

      Kurzbeschreibung:
      Der neue Roman "Wo drei Flüsse sich kreuzen" von Bestseller-Autorin Hannah Kent ist ein mitreißendes Drama um die Macht von Angst und Aberglaube - basierend auf einer wahren Geschichte aus dem 19. Jahrhundert.
      Irland 1825: Die 14-jährige Mary soll der verwitweten Bäuerin Nora mit deren schwer behindertem Enkel Michael zur Hand gehen. Der kleine Junge, so munkelt man im Dorf, sei ein Wechselbalg, ein Feenkind, und mache die Kühe krank. Mary gibt nichts auf das Gerede, doch als Nora davon hört, reift in der einsamen, verzweifelten Frau eine ungeheuerliche Idee: Wenn es ihr gelingt, den Wechselbalg zu vertreiben, würde sie den gesunden Michael wiederbekommen und endlich wieder eine echte Familie haben. Getrieben von Angst und Aberglaube und unterstützt durch die geheimnisvolle Kräuterfrau Nance ist sie bald bereit, alles zu versuchen – und Mary fällt es immer schwerer, sich gegen die beiden Frauen durchzusetzen.
      Hannah Kent gelingt es durch ihre kristallklare Sprache erneut, eine grausame und wahre Geschichte eindringlich zu erzählen; die rauhe Schönheit Irlands verschmilzt mit dem Seelenleben ihrer Figuren, die dem Leser, wie schon in ihrem Debüt-Roman "Das Seelenhaus", ganz nahe kommen.
      (Quelle: Verlagswebsite)

      Autorin:
      Hannah Kent, geboren 1985 in Adelaide, Australien, ist die Mitbegründerin der australischen Literaturzeitschrift 'Kill Your Darlings'. 2011 gewann sie den Writing Australia Unpublished Manuscript Award für ihr Debüt 'Das Seelenhaus'. Seit seiner Publikation 2013 ist der Roman in fast dreißig Sprachen übersetzt worden, stürmte die Bestsellerlisten und gewann weitere zahlreiche Preise. 'Wo drei Flüsse sich kreuzen' ist Hannah Kents lang erwarteter zweiter Roman, mit dem sie ihrer Faszination für archaische Mythen des Nordens treu bleibt.
      (Quelle: Verlagswebsite)

      Allgemeines:
      Erschienen bei Droemer HC im September 2017
      Das Original „The Good People“ (978-1447233350) wurde von Leonie Reppert-Bismarck und Anja Kirchdörfer-Lee aus dem australischen Englisch übersetzt.
      432 Seiten in 3 Teile und 21 Kapitel unterteilt. Es schließen sich Anmerkungen der Autorin zum historischen Hintergrund sowie eine Danksagung an.
      Vorangestellt ist ein Kartenausschnitt des Südwestens von Irland, der auch Schauplatz des Romans ist. Die Handlung spielt in den Jahren 1825-1826 und wird in der dritten Person aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt.

      Meine Meinung:
      Es gibt wenige Geschichten, die es schaffen, den Leser schon nach wenigen Zeilen in eine andere Welt zu versetzen. „Wo drei Flüsse sich kreuzen“ ist eins dieser Schätzchen. Hannah Kent gelingt es, den Leser mitten hineinzustellen in diese ursprüngliche Landschaft, dieses recht abgelegene Dorf in Irland, wo die Zeit irgendwie stehengeblieben scheint. Man riecht die Mischung aus Torfrauch und Vieh, dass direkt nebenan steht (wenn es nicht sogar den Raum teilt), fühlt die Binsen unter den Füßen und sieht die Schönheit der grünen Wiesen und des blauen Himmels.

      Die Handlung beginnt direkt mit einem Schicksalsschlag und es werden noch viele folgen. Die Stimmung ist düster im Tal, denn Hunger droht. Die Kühe geben weniger Milch und die Bewohner können ihre Pacht kaum bezahlen. Und wie immer in solchen Situationen braucht der Mensch etwas, das schuld an seinem Kummer und Elend hat. Und wie immer fürchten die Menschen das, was sie sich nicht erklären können. So ist es nur ein kleiner Schritt, das Wechselbalg zum Schuldigen zu machen oder noch besser: die weise Frau und Heilerin, die Dinge weiß, die sonst keiner versteht, die mit Kräutern und Sprüchen heilen kann und die ihre Gabe vom Feenvolk erhalten hat. Schnell bricht sich eine Mischung aus Angst und Missgunst Bahn und das Verhängnis nimmt seinen Lauf.
      Wir erleben eine Welt, die gefangen ist zwischen alten Gebräuchen, Aberglauben und Gottesfurcht. Niemand kommt auf den Gedanken, die alten Sitten abzulegen (Rituale bei Tod oder Geburt oder Schutzzauber gegen die Feen z.B.), aber als der neue Pfarrer gegen die alte Nance Roche zu predigen beginnt, die fest im alten Wissen verwurzelt ist, wenden sich die Menschen von ihr ab. Im besten Fall suchen sie sie noch heimlich auf, aber einige gibt es auch, die ihre eigenen Fehler nur zu gern auf die alte Vettel abwälzen möchten. Diese glaubt fest an das Gute im Menschen und vertraut darauf, dass es Gottes Hand ist, die ihre Taten lenkt (denn wer wenn nicht Gott hat dafür gesorgt, dass ausgerechnet sie mit der Gabe gesegnet ist). So schmerzt es den Leser umso mehr, ihre Enttäuschung miterleben zu müssen, wenn die Dörfler sie um Rat fragen, ihre Medizin dann aber nicht oder falsch anwenden und das Scheitern wiederum der alten Nance anlasten. Ich hätte immer wieder schier verzweifeln können an so viel Verbohrtheit. Am schlimmsten war für mich dieser Zwiespalt aus der Furcht vor dem Bösen Blick und Flüchen auf der einen Seite und dem Glaubenseifer und der blinden Hörigkeit dem Pfarrer gegenüber auf der anderen. Man könnte die Leutchen pausenlos schütteln und anschreien und zur Vernunft bringen wollen. Aber das kann man ebenso wenig, wie es der alten, vom Leben gezeichneten Frau gelingt. Und so verfolgt man, wie das Schicksal seinen Lauf nimmt, hofft auf eine glückliche Wendung und muss tatenlos zusehen, wie alles auf eine große Tragödie zusteuert.

      Es ist einfach großartig, wie die Autorin Land und Leute zu schildern weiß und eine einzigartige Atmosphäre schafft, der man sich nicht entziehen kann. Und sehr gut gelungen ist auch der Bruch, als die Handlung aus dem Dorf am Rande der Zeit in die Stadt verlagert wird – mit Polizei, Gefängnis und Gericht. Ich war beinahe genauso verstört wie die Protagonisten bei dem plötzlichen Tempo- und vor allem auch Tonwechsel.

      Hannah Kent hat hier einen Roman geschaffen, der nachhallt. Sie erzählt eine wahre Geschichte mit ihren wunderbar gewählten Worten und lässt den Leser die Welt um sich herum vergessen. Von mir gibt es :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: und eine uneingeschränkte Leseempfehlung. Dem Leser muss klar sein, dass das Leben zu Beginn des 19. Jahrhunderts in den abgelegenen Dörfern Irlands nicht leicht und die Sitten keineswegs zimperlich waren – es geht also an einigen Stellen auch rau zur Sache. Und wem das Leiden eines missgestalteten Kindes sehr zu Herzen geht, der sollte sich wappnen. Verzichten sollte er aber auf diese wunderbare Geschichte dennoch nicht.

      Zwei Dinge möchte ich noch erwähnen: vorangestellt ist eine traditionelle irische Ballade, die einen schon einiges vom Geist der Geschichte erahnen lässt. Und was mir auch sehr gut gefallen hat: alle Kapitel sind mit einer Heilpflanze betitelt, die auch in irgendeiner Form dann in der Handlung Erwähnung findet. Das spricht ein wenig vom Wissen um die Kräuter, das in der heutigen Zeit immer mehr verloren zu gehen droht, obwohl es doch einst so selbstverständlich zum täglichen Leben gehörte.
      Winziges kleines Manko: ich hätte mir ein Glossar für die gälischen Begriffe gewünsch. Weniger wegen der Begriffserklärung (die ergibt sich aus dem Text) sondern mehr wegen der Aussprache der Begriffe und Namen. Aber das wäre sozusagen das Sahnehäubchen und schmälert die Klasse des Romans überhaupt nicht.

      Fazit:
      Eine berührende Geschichte, die uns nach Irland in ein einsames Dorf am Rande der Zeit entführt. Großartiger Lesestoff nicht nur für graue Herbsttage.
      Gelesen in 2017: 54 - Gehört in 2017: 24 - SUB: 340

      "Wie das Schwert den Wetzstein braucht ein Verstand Bücher, um seine Schärfe zu behalten." (Tyrion Lennister)
    • Dies ist das Original. Ausnahmsweise finde ich den deutschen Titel mal besser, da diese Flusskreuzung eine ganz entscheidende Rolle in der Geschichte spielt.
      Gelesen in 2017: 54 - Gehört in 2017: 24 - SUB: 340

      "Wie das Schwert den Wetzstein braucht ein Verstand Bücher, um seine Schärfe zu behalten." (Tyrion Lennister)
    • Danke @Hirilvorgul für diese tolle Rezension. Diese Veröffentlichung ist wirklich bisher komplett an mir vorbei gegangen, dabei habe ich "Das Seelenhaus" so sehr gefeiert. Doch heute berichtete mir meine Mutter, dass sie von diesem Buch hier gelesen hätte. Und -tada-, hier finde ich schon eine Rezi, die mich wissen lässt, dass das Buch garantiert nicht lange auf meiner Wunschliste stehen bleibt!
      ~ Wer Schmetterlinge lachen hört, der weiß, wie Wolken schmecken. ~
      Carlo Karges
    • Ich habe die Originalausgabe heute beendet und stimme @Hirilvorgul darin zu, dass die Autorin das karge Leben in dem irischen Dorf ebenso anschaulich wie eindrücklich beschreibt. "The Good People" ist auf jeden Fall ein Roman, der lange im Gedächtnis des Lesers bleiben wird.
      Aber es ist auch ein sehr deprimierender Roman. Nicht mal so sehr wegen der geschilderten Armut, die offenbar nur das Vegetieren in kleinen strohgedeckten Hütten unter primitivsten hygienischen Bedingungen erlaubt und ausschließlich Kartoffeln und die Milch der Nutztiere als Nahrungsmittel zulässt, sondern vor allem aufgrund der unbeschreiblichen Dummheit und Beschränktheit der Dorfbewohner, deren Leben von kritiklos übernommenem Aberglauben geprägt ist. Immerhin spielt die Handlung nicht im Mittelalter, sondern im 19.Jahrhundert und es ist (für mich) schwer vorstellbar, dass es zu dieser Zeit in Europa noch solche Hinterwäldler gegeben hat, bzw. dass nicht wenigstens die intelligenteren Dorfbewohner bestimmten abergläubischen Praktiken (z.B. bei der Totenwache oder bei der Geburt) Einhalt geboten haben.
      Die Charakterisierung der Romanfiguren ist sehr gut gelungen, Father Healy als Vertreter der katholischen Kirche tritt so auf, wie man diese Pfarrer kennt: moralische Reden schwingend und keinerlei praktische Hilfe anbietend! :thumbdown: Nóra wird als sehr unsympathische Frau geschildert, man kann sich jedoch in sie hineinversetzen. Nach dem Verlust von Tochter und Mann am Boden zerstört, ist sie von der Betreuung des "missgestalteten", behinderten Enkels völlig überfordert. Das könnte man verstehen, selbst wenn sie wüsste, dass der Junge "nur" krank ist und sie ihn nicht für einen Wechselbalg halten würde. Nance wäre meiner Meinung nach ein Fall für die Psychiatrie, was angesichts ihrer Kindheit nicht so erstaunlich ist.
      Die Sympathieträgerin ist die vierzehnjährige Mary, die - obwohl am stärksten mit der Versorgung Michéals belastet - am meisten Menschlichkeit und Nächstenliebe zeigt und offenbar verstanden hat, dass der Junge behindert ist.
      Auch ich habe die Erklärung der gälischen Begriffe vermisst. Das ist bei einem Roman von dieser literarischen Qualität ein schwerwiegender Fehler!

      "The Good People" ist ein lesenswerter Roman, aber es ist keine leichte Kost und definitiv nicht stimmungsaufhellend!
      :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:

      @diejenigen, die das Buch schon gelesen haben: Woran leidet Michéal Eurer Meinung nach? Steht dazu etwas in der deutschen Ausgabe? Ich habe an eine Art von Muskeldystrophie gedacht. :-k
      "Books are ships which pass through the vast sea of time."
      (Francis Bacon)
      :study:
      Paradise on earth: 51.509173, -0.135998
    • €nigma schrieb:

      @diejenigen, die das Buch schon gelesen haben: Woran leidet Michéal Eurer Meinung nach? Steht dazu etwas in der deutschen Ausgabe? Ich habe an eine Art von Muskeldystrophie gedacht.
      Nein, es wird nicht explizit gesagt, aber ich habe auch in diese Richtung gedacht.
      Gelesen in 2017: 54 - Gehört in 2017: 24 - SUB: 340

      "Wie das Schwert den Wetzstein braucht ein Verstand Bücher, um seine Schärfe zu behalten." (Tyrion Lennister)
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