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Was man als Romanautor von Sylvester Stallone lernen kann (by Peter Waldbauer)

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    • Was man als Romanautor von Sylvester Stallone lernen kann (by Peter Waldbauer)

      Kennt Ihr den Film „Cliffhanger“ mit Sly Stallone?
      Erinnert Ihr euch an die Anfangsszene, in der Stallone die Freundin seines Bergkameraden retten will und diese abstürzt? Stallone (alias Gabe Walker) erleidet danach ein Trauma und will nie wieder in die Berge. Später macht ihn auch noch seine Freundin (Janine Turner) fertig. Man will ihr zurufen: Jetzt hör doch mal auf, laß` den armen Sly in Ruhe.

      Oder Rambo I. Diese Abneigung, die Rambo (wieder zu Beginn) entgegenschlägt als er seinen Vietnamkameraden besuchen will. Die ältere Frau, die die Wäsche aufhängt (wahrscheinlich dessen Mutter) ist dermaßen abweisend zu Rambo, dass man sofort für ihn Partei ergreift.Erst recht danach, wenn der Sheriff ihn nicht in der Stadt haben will und ihn wegen „Landstreicherei“ (so etwas Harmloses) verhaftet. Soviel Ungerechtigkeit für den armen Sly („ich hab` nichts getan“) ist schwer zu ertragen.

      Was Stallone in seinen Filmen macht, ist ganz einfach: Mitleid wecken. Der Held muss leiden und zwar so, dass er dem Zuschauer leid tut. Stallone (der seine Drehbücher selbst schreibt) folgt hier radikal der amerikanischen Drehbuchautoren-Schule, die mit der amerikanischen Creative-Writing-Schule fast identisch ist. Diese wiederum fusst auf den 3.000 Jahre alten Regeln des Dramas seit Aristoteles.

      Konflikt ist – wie hinlänglich bekannt – ja die Basis jeder Geschichte, aber Konflikt ist schon Streit, Bankraub, Verfolgungsjagd, etc. Mitleid ist viel stärker, Mitleid schafft Identifikation mit der Figur. Bloßen Konflikt kann man auch als unbeteiligter Zuschauer verfolgen. Bei Mitleid will ich, dass die Figur zu ihrem Ziel kommt.

      Stallone weiß also genau, was er macht. Es genügt ihm nicht „Aktion“ zu drehen. Er baut den Mitleidseffekt immer in seine Filme ein, selbst dort, wo es komisch und absurd wirkt.Zum Beispiel in Rambo II (der Auftrag). Mit einer Vietnamesin, die er eben erst kennengelernt hat, bahnt sich eine Liebesbeziehung an („ich bin entbehrlich“) und prompt wird sie von den Feinden erschossen. Rambo ist daraufhin wütend und wütet nun erst recht unter seinen Verfolgern. Das ist natürlich Unsinn, denn so schnell kann sich der Zuschauer für die weibliche Figur gar nicht erwärmen. Aber Stallone ist eben ein Besessener. (Brigitte Nielsen schildert in ihrer Autobiographie, dass er schon früh morgens am Schreibtisch saß und an seinen Drehbüchern feilte.)

      In Rocky III stirbt sein Trainer Mickey,in Rocky IV stirbt seine Freund Apollo, in Rocky V verliert er sein ganzes Vermögen – der Held muss leiden. In „Over the Top“ ist sein Schwiegervater die ganze Zeit gegen ihn, in „Lock up“ wird er vom Gefängnisdirektor tyrannisiert, in „Copland“ basiert der ganze Film auf dem Mitleideffekt, usw. Immer hat die Figur, die Sly spielt, seelische Probleme, wird benachteiligt, gehänselt, nicht für voll genommen, ungerecht behandelt, erleidet Schicksalsschläge, stirbt der Freund oder Vertraute. Wohin man schaut Mitleid, Mitleid, Mitleid. Danach kommt die Action – schon klar – aber zuerst muss die Figur mitleidsvoll eingeführt sein. Auch im Film Cliffhanger zittert und friert Sly später noch genügend im Schnee, um dem Mitleidseffekt neuen Antrieb zu geben.

      Stallone ist natürlich nicht der einzige in Hollywood, der den Dreh raus hat. Michael Douglas kann es genauso (natürlich nur, wenn er den Guten spielt). Bei Polizisten gehört es ja schon zur Grundausstattung ihrer Figur: Alkoholproblem + geschieden + Krach mit Exfrau/ Freundin + Geldprobleme + Tochter ist rebellisch + Dienstaufsichtsbeschwerde + Vorgesetzter hat ihn auf dem Kicker (Eddie Murphy in Beverly Hills Cop). Wenn man das Muster einmal erkannt hat und in Filmen darauf achtet, wirkt es fast schon wieder amüsant - ein Einheitsbrei, der aber im einzelnen Film funktioniert, sodass man die übergeordnete Struktur vergisst.

      Und in Romanen? In Romanen ist es genauso.
      Clarice Starling in Schweigen der Lämmer: Nein, es genügt dem Autor nicht, dass sie aus dem Waisenhaus kommt, sie muss auch noch von Krendler (Justizministerium) fertig gemacht werden und anfangs (Anfang ist immer sehr wichtig) wird sie von Lecter traktiert und ganz abscheulich von Mick (aus der Zelle nebenan). Zudem besteht die Gefahr, dass sie bei der Prüfung durchfällt, weil sie wegen der Jagd auf Buffalo Bill nicht zum Lernen kommt. Ach ja, und gegen das Anbaggern von Dr. Chilton, dem schmierigen Anstaltsleiter, muss sie sich auch noch wehren.Die arme Clarice hat ein ganz schönes Päckchen zu tragen. Und das, obwohl sie es als Frau ohnehin schwer hat, in einem Männerberuf. Clarice ist genau wie Stallone ein Underdog. Und ihr Vorgesetzter John Crawford? Der hat`s natürlich besser, weil er männlich ist und erfahren und in der Hierarchie weiter oben angesiedelt,aber – dessen Frau (Bella) ist schwer krank und sie stirbt schließlich, so dass auch Crawford – gemäß den Regeln des Dramas – leidet.

      Der arme Holden Caufield im „Fänger im Roggen“ – ein einziger Mitleidsroman, der arme Art in „Die Geheimnisse von Pittsburgh“ wird von seinem Vater im Restaurant zum Weinen gebracht, der arme Grenouille (das Parfüm) wird in der Gerberei schamlos ausgebeutet, der arme Oliver Twist und erst der arme Pinocchio… Ja, es ist wirklich einfach dieses Schema, aber so läuft das Spiel mit den Figuren.

      Also, liebe Romanschreiber. Wenn ihr wollt, dass die Leser mit euren Figuren mitfiebern, dass sie wissen wollen, wie es es mit ihnen weiter geht, und dass sie euer Buch auf keinen Fall vorzeitig aus der Hand legen, dann sorgt dafür, dass es euren Helden erst einmal so richtig dreckig ergeht!
      Peter Waldbauer, Jahrgang 1966, ist Betriebswirt und wohnt als freiberuflicher Dozent und Autor in der Nähe von Heidelberg. Er veröffentlichte bisher Essays und fünf Bücher.
    • Ich überlege seit einer Weile, wo ich mit einer Erwiderung auf diesen Post beginnen soll, der zweifellos mit der Aussage, Mitleid sei ein wirkungsvoller Anker für Identifikation eine wahre Kernaussage trifft, mir aber doch in so vielen Einzelheiten Bauchschmerzen bereitet. Ich habe mich für folgenden Satz entschieden:

      Peter Waldbauer schrieb:

      Ja, es ist wirklich einfach dieses Schema, aber so läuft das Spiel mit den Figuren.
      Nein, ich sehe das ganz und gar nicht als so einfaches Patentrezept. Denn wenn man genauer hinsieht, stellt man fest, dass es in der Regel um mehr geht als diese eine Emotion. In einigen der Beispiele wird der Charakter angegriffen. Das ist etwas anderes als irgendein Schicksalsschlag, bei dem man sagen kann "och, der tut mir aber leid, schon wieder ist er über seine eigenen Füße gefallen". Der Protagonist ist im Recht, er ist wenigstens ein Stück weit der Gute, ganz egal, was er später für Verbrechen begeht. Das ist für Actiontypen wichtig, aber auch für eine obskure Figur wir Grenouille, der im Handlungsverlauf ein immenser Teil seiner Menschlichkeit verloren geht.
      Bei anspruchsvolleren Geschichten sind solche Angriffe (oder sonstiges Leiden bzw. die Reaktionen des Protagonisten) auch ein Teil des Kennenlernprogramms. Es schafft eine Situation, die für sich genommen schon nicht langweilig ist, aber erlaubt, den Charakter zu erleben, bevor es ans Eingemachte geht.

      Einfachheit fehlt bei der Angelegenheit auch in anderer Hinsicht: Die Mitleidstour kann gehörig nach hinten losgehen. Bei Filmen wie Rambo wird sie für viele einfach zu platt und offensichtlich angewendet. Und wenn es auch ohne Zweifel ein Publikum gibt, bei dem sie als billiger Trick immer funktioniert, erzielt sie ganz schnell das Gegenteil der gewünschten Wirkung: Der Zuschauer/Leser hat nur noch Mitleid mit sich selbst, erklärt sich zum interessanteren Protagonisten und beschließt, selbst etwas zu erleben, statt sich eine solche Geschichte weiter anzutun. Allein schon wegen des ansonsten zu offensichtlichen Manipulationsversuchs ist das Universalrezept, dem Leser gleich zu Beginn möglichst viel Mitleid abnötigen zu wollen, nicht das delikateste Menü, was man zubereiten kann. Zumindest mundet es nicht alle Tage. Sicher, Mitleid ist ein starkes Mittel. Aber gerade deswegen tut man ggf. gut daran tun, dieses dramaturgische Glutamat nicht immer schon in die Vorspeise seines literarischen Siebengängemenüs zu rühren. Ich will diesen kulinarischen Vergleich noch etwas länger bemühen: Mitleid als einzige Würze taugt nichts, ist eben nur Leid. Wer den Leser nicht zugleich noch auf ganz ander emotionaler Ebene anspricht, läuft Gefahr, ihn zu quälen.

      Dennoch: Der Rat, dieses mächtige Identifikationsinstrument nicht zu vergessen, ist ein guter. Außerdem wird dadurch ein verbreitetes Problem behoben. Einige Autoren haben ihre Figuren einfach zu lieb, um sie in Schwierigkeiten zu bringen. Aber Probleme sind nun einmal der Stoff, aus dem sich viele gute Geschichten erst ergeben. Einem Protagonisten dabei zuzusehen, wie er mühelos die Checkliste der Aufgaben abarbeitet, die sich ihm stellen, ist nicht sehr fesselnd.
    • Martin Hühn schrieb:

      ich sehe das ganz und gar nicht als so einfaches Patentrezept
      Da Patentrezept gilt mehr für Filme à la Hollywood (die allerdings auf den Dramaregeln basieren). Bei (dicken) Romanen muss naturgemäß mehr dazukommen. Man hat hier ja auch mehr Zeit, die Figuren einzuführen, sie differenzierter zu zeichnen (und sollte das auch tun).

      Martin Hühn schrieb:

      Das ist etwas anderes als irgendein Schicksalsschlag, bei dem man sagen kann "och, der tut mir aber leid, schon wieder ist er über seine eigenen Füße gefallen".
      Wenn die Figur sich allerdings dumm verhält, bröckelt die Identifikation da hin. Man mag keine Helden, die Idioten sind. Also kein Mitleid bei dummem Verhalten, aber Mitleid bei Ungerechtigkeiten von außen.

      Martin Hühn schrieb:

      ür eine obskure Figur wir Grenouille, der im Handlungsverlauf ein immenser Teil seiner Menschlichkeit verloren geht.
      Eigentlich hat er die schon von Beginn an nicht, die Menschlichkeit ("sie konnten ihn nicht riechen").

      Martin Hühn schrieb:

      Bei Filmen wie Rambo wird sie für viele einfach zu platt
      Yes!

      Martin Hühn schrieb:

      Wer den Leser nicht zugleich noch auf ganz ander emotionaler Ebene anspricht, läuft Gefahr, ihn zu quälen.
      Absolut!

      Martin Hühn schrieb:

      Dennoch: Der Rat, dieses mächtige Identifikationsinstrument nicht zu vergessen, ist ein guter.
      Danke, Martin.

      Martin Hühn schrieb:

      Einige Autoren haben ihre Figuren einfach zu lieb, um sie in Schwierigkeiten zu bringen
      Sehr treffend. Vor allem, wenn sie (teil-) autobiographisch schreiben. Da müssen die Hosen runter. Gnadenlos.
      Und dies ist für viele problematisch.

      P.S. Hoffe, deine Bauchschmerzen sind wieder einigermaßen weg. :wink:
      Peter Waldbauer, Jahrgang 1966, ist Betriebswirt und wohnt als freiberuflicher Dozent und Autor in der Nähe von Heidelberg. Er veröffentlichte bisher Essays und fünf Bücher.
    • @Peter Waldbauer:

      Das, was Sly nach deiner Beobachtung macht, unterscheidet ihn in wohltuender Art und Weise von Tom Cruise,
      der immer nur den strahlenden Gewinner und Zahnpasta-Helden darstellen möchte. Gähn ....
      Wenn Schuld und Leid sich plötzlich begegnen, wird selbst der Frömmste in Versuchung geführt, dem Hass zu erliegen.
      Paul Goodway erleidet diesen Konflikt in:
      BLUE EYED BASTARD - Folgen eines Sündenfalls
    • Paul Goodway schrieb:

      unterscheidet ihn in wohltuender Art und Weise von Tom Cruise
      scharf beobachtet, Paul :thumleft:
      bei Tom Cruise ist mir in den Spielberg-Filmen (Minority Report, Krieg der Welten) aufgefallen, dass er als Held belastet ist (aber in milderer Form als Sly)
      bei Krieg der Welten ist es harmloses Gezänk mit seinem pubertierenden Sohn, Cruise ist im Film außerdem geschieden
      bei Minority Report ist sein Leid stärker (Sohn entführt)
      aber unterm Strich: absolut Paul, Cruise ist meist der Held mit dem Zahnpasta-Lächeln, tiefer gehende Verletzungen werden höchstens angedeutet
      Peter Waldbauer, Jahrgang 1966, ist Betriebswirt und wohnt als freiberuflicher Dozent und Autor in der Nähe von Heidelberg. Er veröffentlichte bisher Essays und fünf Bücher.
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