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Alexander von Schönburg – Die Kunst des stilvollen Verarmens

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Die Kunst des stilvollen Verarmens: Wie ...

von

3.3|3)

Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 240


ISBN: 9783499616686


Termin: August 2006

  • Alexander von Schönburg – Die Kunst des stilvollen Verarmens

    Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?

    Als Graf Alexander von Schönburg-Glauchau im Jahr 2005 "Die Kunst des stilvollen Verarmens" schrieb, war er gerade entlassen worden als Berlin-Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. In dem Buch jammert er gleich zu Beginn seiner goldenen Zeit nach: „...hatte Visitenkarten in der Tasche, die mich als Angestellten eines der angesehensten Medienunternehmen des Landes auswiesen...“ und: „Ich wäre also langsam, aber sicher reich geworden.“
    Graf von Schönburg erschien die verbleibenden Wochen seines Angestelltendaseins „betont fröhlich“ im Büro und achtete darauf, durch sein Äußeres „den Anschein zu vermeiden“, er würde „mit seinem Schicksal hadern“. Im Gegensatz zu früher, zog er nun jeden Tag eine Kravatte an und verabschiedete sich am letzten Tag mit dem devoten Hinweiss, dass er sein Büro „besenrein“ hinterlassen habe.
    Irgendwie klingt das, als habe von Schönburg bis zuletzt darauf gehofft, sein Arbeitgeber würde die Kündigung wieder zurücknehmen wegen guten Benehmens.
    Trotz seines Bemühens muss der Abschied für den Grafen schmerzhaft gewesen sein. Er schwärmt von dem „weichen, schwarzen Ledersessel“, auf dem er saß, während sein Vorgesetzter die Kündigung aussprach und ihm zugleich versicherte, welcher Verlust sein Weggang für die Firma sei. Er ist dankbar, dass er für die Zeitung noch das Sommerfest des Bundespräsidenten „aufsuchen darf“ und dabei Gelegenheit hat, sich „noch einmal richtig satt zu essen“. Sogar der Regierende Bürgermeister habe ihn dieses Mal ausnahmsweise begrüsst. Für von Schönburg, der gerade seinen Job verloren hat, scheint dies ein Trost zu sein.
    Doch bald nach seiner Entlassung kehrte die Realität bei dem Grafen ein, denn er lebte von der Stütze und konnte seine Strom- und Telefonrechnungen nicht mehr bezahlen. Für jemanden, der Partys mit Mick Jagger feierte, muss dieser Zustand die Hölle gewesen sein. Alexander von Schönburg stammt aus einer uralten Adelsfamilie, die zwar über die Jahrhunderte verarmte, aber noch viele Kontakte hat, auch durch seine Schwester, Fürstin Gloria von Thurn und Taxis.
    Auf seinem achtzehntem Geburtstag hielt Friedrich Dürrenmatt die Festrede. Als der Graf seine Frau, Prinzessin Irina von Hessen heiratete, eine Großnichte der Queen, war Königin Sophia von Spanien zu Gast.
    Doch seit man ihm Telefon und Strom abstellte, hat von Schönburg nichts mehr übrig für reiche Leute. Den Münchener Stadteil Grünwald bezeichnet er als „Reiche-Leute-Slum“, und wir dürfen vermuten, dass es jener Slum ist, in dem von Schönburg nur zu gerne wohnen würde, wenn er könnte. Indirekt gibt er das sogar zu. Er stöhnt ein wenig zynisch über die Sparsamkeit seiner Eltern (sie seien „hochqualifizierte Verarmer“) und erzählt, wie er darauf reagierte, als er endlich sein erstes Geld verdiente: durch heimliches Erste-Klasse-Reisen, durch den Kauf teuren Briefpapiers von Prantl in München, durch Übernachtung im Brenner`s Park Hotel in Baden-Baden. Auch als er in einer Londoner WG wohnte, habe er das Geld schneller ausgegeben, als er es einnahm. Von Schönburg, soviel dürfte inzwischen klar geworden sein, lebt gerne auf großen Fuss, auch wenn er jetzt eine Krise zu beklagen hat. Natürlich fällt dem Grafen dazu noch der bekannte Spruch ein, wonach in jeder Krise eine Chance stecke.
    Von Schönburg will uns weiß machen, dass er kein Besitzender mehr sein möchte, denn die müssten um ihren Besitz ja ständig bangen und präsentiert uns seine „Helden der Armut“, allen voran Helmut Berger. Der Graf hegt für Berger Bewunderung, weil der einstige Weltstar vom Olymp der Superstars herabstieg, sein ganzes Vermögen verlor und jetzt in Salzburg bei seiner Mutter wohnt. Natürlich ist die Wiener Presse 'respektlos', wenn sie über den meist betrunkenen Berger berichtet, der aussieht wie ein Clochard und heute mehr dem Wahnsinn zugeneigt ist, denn der Schauspielerei.
    Laut von Schönburg erhielt Berger in seinen Glanzzeiten häufig Hausverbot in den Hotels, weil er, wie im Münchener "Vier Jahreszeiten", die Lüster als Lianen benutzte und die Gobelins von den Wänden riss. Heute dagegen, lasse Berger im Lidl lediglich das Lachsfilet mitgehen. Für von Schönburg gehört Berger offenbar zu den Leuten, die „ohne Geld eine gute Figur machen“, so der Untertitel seines Kapitels.
    Nach dem heruntergekommenen Weltstar kommt von Schönburg auf die Städte zu sprechen, von denen es auch „Neureiche“ und „Emporkömmlinge“ gebe. Berlin zum Beispiel und natürlich München. Einige Gebäude in der Münchener Innenstadt seien eine „Las-Vegas-hafte Rekonstruktion“ florentinischer Paläste, lästert er. Mit Pisa dagegen sympathisiert der Graf, denn dieser Stadt sei ihr eigener Bedeutungsverlust völlig gleichgültig. Eine Einstellung, die er offenbar nachzuahmen versucht.
    Trost für seine missliche Lage, findet er auch bei den Engländern. Der Abstieg Englands vom einst mächtigsten und reichsten Land der Welt begann schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, schreibt er, aber: ihr „ausgeprägtes Selbstbewusstsein erlaube es ihnen, unter Anwendung geschickter Autosuggestion über ihre Situation hinwegsehen“. Irgendwie ein Widerspruch: sich selbst bewusst zu sein und sich gleichzeitig selbst zu täuschen, aber dies ist wohl genau das, was von Schönburg jetzt braucht: Realitätsflucht vor der eigenen wirtschaftlichen Situation.
    Der Graf versucht dies durch „Benehmen und Sprache“ und, ebenso wie die Engländer und Ungarn, durch ein wenig Nationalitätsstolz, um „in bitteren Momenten wenigstens das Gefühl haben zu können, Teil von etwas Besonderem zu sein“. Wenn einem stupiden Geist nichts mehr einfällt, worauf er stolz sein kann, kommt er auf das zurück, wofür er am Wenigsten kann: seine Herkunft. Alexander von Schönburg ist stolz darauf, ein Adeliger zu ein, wenn auch ein Verarmter.
    Soweit zum ersten Teil seines Buches. Im Zweiten predigt er den Konsumverzicht auf Teufel komm raus. Eigentlich die logische Folge seines stark reduzierten Einkommens. Dass bei dem arbeitslosen Grafen jetzt Schmalhans Küchenmeister ist, verwundert niemand. Peinlich nur, dass er nun alles, was er früher gemocht hat, als unattraktiv hinstellt, bloß weil es ihm zu teuer geworden ist. So findet er schon die Frage nach der beruflichen Tätigkeit als völlig anzüglich, weil „spießbürgerlich und überholt“. Doch hätte er wohl, stünde er noch in Lohn und Brot, sofort seine tollen Vistitenkarten gezückt, von denen er sechzig Seiten zuvor so sehr schwärmte.
    Zwar kämpfe er zuweilen darum, die „laufenden Kosten zu bestreiten“, doch dafür sitze er im Gegensatz zu früher nicht mehr in einem voll gequalmten Büro. Dass von Schönburg dieses Büro selbst voll qualmte, in dem er Kette rauchte, verschweigt er.
    Der Graf freut sich jetzt auch über seinen Arbeitsplatz zu Hause am Computer, während er früher viel Zeit verschwendet habe in öffentlichen Verkehrsmittel. In einem Interview mit der Welt dagegen bezeichnete er „die drei Stunden“, die er täglich im Zug verbrachte, als seine „kreativste Zeit“: „Da konnte ich lesen, nachdenken, ein Luxus...“
    Von Schönburg, der jetzt „stilvoll“ verarmen will, hat Städtetipps parat, um die Lebenshaltungskosten zu drücken: Berlin und Wien seien ein „Paradies für Schnorrer“. Er präsentiert seinen „ultimativen Schnorrertipp“: „Lassen Sie sich vom Bundespräsidenten zum Bankett einladen“. Ersatzweise tue es auch eine der ausländischen Vertretungen oder eine der vielen Buchvorstellungen, Vortragsveranstaltungen, Ausstellungseröffnungen, die täglich in der Hauptstadt stattfinden.
    Der Gang ins Restaurant sei ohnehin eine Qual, „eine Unsitte, zu der wir als Verarmende nicht mehr gezwungen sind“. Auch eine Einladung zum Essen bei Neureichen sei für von Schönburg der Horror, denn er erinnere sich noch gut daran, wie ihm „der penetrante Kourosgeruch des Mietbutlers“ in die Nase stieg. Für alle, die wie er nicht mehr „vom Berufsleben unterjocht“ werden, sei es doch viel angenehmer, in einer kleinen Zweizimmer-Wohnung auf der Bettkante zu sitzen und mit zwei Dutzend Gästen „Pasta mit dehydrierten Pilzen“ zu essen und „billigen Wein“ zu trinken.
    Weil von Schönburg sich jetzt natürlich auch keinen Urlaub mehr leisten kann, plädiert er dafür, es wie die Italiener zu machen und die Urlaubsreise nur vorzutäuschen: Anrufbeantworter einschalten, Hund beim Nachbar abgegeben, Kühlschrank mit Essen vollstopfen und das Haus zwei Wochen nicht verlassen.
    Im dritten Teil seines Buches redet von Schönburg die Vorteile des Reichtums immer weiter herunter. „Die armen Reichen“ heisst sein Kapitel. Hatte er bisher bloß gepredigt, Glücklichsein sei auch ohne Geld möglich, so steht es jetzt sogar „dem Glück im Weg“. Die meisten Reichen seien unerträglich, schimpft er und berichtet über Kinder reicher Eltern, die ihren Status zu verbergen suchten. Dass viele dieser Kinder in jungen Jahren politisch eher links orientiert und gegen ihre reichen Eltern sind, ist ein bekanntes Phänomen und gehört zu deren Trotz– und Flegeljahren.
    Weil von Schönburg sein wahre Natur nie ganz unterdrücken kann, kommen immer wieder Widersprüche ans Licht. So zum Beispiel, wenn er berichtet, dass die Bank manchmal seine Daueraufträge nicht überweist. Gleichzeitig aber er es als Luxus empfinde, eine Armbanduhr zu tragen, eine schweizer Sonderanfertigung, die mehr wert sei als ein Kleinwagen. Der Satz ist deshalb so peinlich, weil ihm eine zweihundert Seiten lange Predigt vorausging, wie sehr von Schönburg, geläutert durch sein neues Leben, den Luxus jetzt angeblich verachte. Man merkt, von Schönburg würde ganz gerne protzen, wenn er es nur könnte.
    Dann zählt er ein paar „Bedürfnislosigkeits-Dandys“ auf: Franz von Assisi, die heilige Clara, Siddharta, Ludwig Wittgenstein, Allen Ginsberg und sogar Ché Guevara. Nur wer kein Geld habe, könne Luxus empfinden. Seine „uneingeschränkte Bewunderung“ gehöre einem Lottospieler aus Nordrhein-Westfalen. Der gewann 9,1 Millionen Euro und verschenkte alles bis auf einen kleinen Rest. Zum Schluss schwärmt von Schönburg von Robinson Crusoe, dem Meister der Selbsttäuschung. Nur so habe dieser auf seiner einsamen Insel überleben können.
    Eine beängstigende Prophezeihung hat er auch noch für uns parat: „...werden wir alle, wirklich alle, bald deutlich ärmer sein als jetzt.“ Von Schönburg meint alle, wirklich alle, also auch die, die schon jetzt ganz unten sind, die Hartz IV-Empfänger. Hier sein Rat: „Je eher man lernt, damit stilvoll und gelassen umzugehen, desto sorgenfreier wird man.“
    Kommt dieser letzte Satz nicht einer Verhöhnung der sozial Schwachen gleich? Sie mögen ihrem tristen Alltag doch bitte etwas mehr Stil verleihen, dann ginge es ihnen bedeutend besser? Nach dem Ausfüllen des Wohngeldantrages vielleicht einen Sonnenuntergang bewundern? Beim Besuch der gemeinnützigen Essenstafel jene Freunde treffen, deren Lebenssituation der eigenen so sehr ähnelt?
    Alexander von Schönburg vertrat schon völlig andere Ansichten. Sein erstes Buch erschien 1989. Es hieß "Das Beste vom Besten" und war ein Almanach der feinen Lebensart. Vier Jahre später folgten "Die besten Seiten des Lebens von A-Z". 1999 dann das bekanntere "Tristesse Royale". 2001 veröffentlichte er ein Theaterstück mit dem bezeichnenden Titel "Karriere".
    2002 verlor er, wie beschrieben, seinen Job und 2005 erschien dann sein Bestseller "Die Kunst des stilvollen Verarmens". Zum Interview mit der TAZ traf sich der „frühere Held der Armut“ bei einem Berliner Edelitaliener. Die Zeiten des gesperrten Kontos waren wohl vorbei.
    Peter Waldbauer, Jahrgang 1966, ist Betriebswirt und wohnt als freiberuflicher Dozent und Autor in der Nähe von Heidelberg. Er veröffentlichte bisher Essays und fünf Bücher.
  • @Peter Waldbauer es wäre schön, wenn Deine Rezensionen mehr eigene Meinung und weniger Inhaltsangabe wären. Die minimalistischen eigenen Eindrücke deinerseits gehen unter in einer voluminösen exakten Wiedergabe des Buches, so dass niemand mehr dieses Buch zu lesen braucht, wenn er am Ende Deines Beitrags angelangt ist. Wir haben zur Hilfestellung ein Rezensionsmuster erstellt, in dem Tipps von uns zusammengefasst wurden, wie eine Rezension aussehen kann ohne den kompletten Buchinhalt zu verraten.
    viele Grüße vom Squirrel

    :study: Reiner Engelmann - Wir haben das KZ überlebt
    :study: Norman Davies - Verschwundene Reiche (Langzeit-MLR)
  • Das hoffe ich, dass das deutlich geworden ist, dass niemand dieses Buch aus inhaltlichen Gründen zu lesen braucht, weil es nämlich nur viel heiße Luft ist. Lesen sollte man es höchstens aus stilistischen Gründen, weil der Autor nämlich schön zu formulieren versteht. Darauf beruht größenteils auch der Erfolg.
    Peter Waldbauer, Jahrgang 1966, ist Betriebswirt und wohnt als freiberuflicher Dozent und Autor in der Nähe von Heidelberg. Er veröffentlichte bisher Essays und fünf Bücher.
  • Peter Waldbauer schrieb:

    Das hoffe ich, dass das deutlich geworden ist, dass niemand dieses Buch aus inhaltlichen Gründen zu lesen braucht, weil es nämlich nur viel heiße Luft ist. Lesen sollte man es höchstens aus stilistischen Gründen, weil der Autor nämlich schön zu formulieren versteht. Darauf beruht größenteils auch der Erfolg.
    Aber eine Rezension sollte dem Leser das eigene Lesen nicht abnehmen bzw. ganz verleiden durch extensives Spoilern, sondern eine eigene Meinung ausdrücken ohne zuviel vom Inhalt zu verraten. Für eine Nacherzählung in der Mittelstufe hätte es volle Punktzahl gegeben, für eine Rezension nicht. [-(

    nach Rücksprache im Team wurde der Beitrag in den Papierkorb verschoben
    viele Grüße vom Squirrel

    :study: Reiner Engelmann - Wir haben das KZ überlebt
    :study: Norman Davies - Verschwundene Reiche (Langzeit-MLR)
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