Colson Whitehead - Underground Railroad

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    • Diamondgirl schrieb:

      Ich fand das auch die fürchterlichste Stelle des ganzen Buches - von meiner eigenen Vorstellungskraft in Gang gesetzt, wohlgemerkt. Denn diese Stelle ist absolut sachlich, keine übertriebene Gefühlshascherei, kein Voyeurismus, keine übertrieben detailreiche Schilderung. Nur mit dem nötigsten Informationswert - denn es ging ja an dieser Stelle durchaus darum darzustellen, welche Behandlung sich ein krankes Hirn ausdenken kann - und aus einer wohlgewählten Distanz heraus geschildert.
      Was sie aber nicht weniger oder gerade entsetzlicher macht. Ich habe es nicht bereut das Buch abgebrochen zu haben und es heute in der Bücherei wieder abgegeben.
      Wie gesagt, den Schreibstil fand ich gut und mich hätte das weitere Schicksal von Cora auch interessiert aber Schilderungen von Grausamkeiten, egal ob diese nun sachlich oder ausufernd beschrieben werden, gehören für mich nicht unbedingt dazu dass ein Buch authentisch rüberkommt. Wer das so empfindet, bitteschön, ich sehe das halt anders.
      " Vom Wahrsagen läßt sich' s wohl leben in der Welt, aber nicht vom Wahrheit sagen. " (Georg Christoph Lichtenberg)
    • @serjena
      Das ist zwar richtig, aber auch dieses Buch ist ja ein Roman mit fiktiven Personen. Daher konnte ich auch das gut ertragen. Probleme bekomme ich bei Büchern von realen Geschehnissen z. B. während der Nazizeit. Wenn Zeitzeugen berichten, was sie selbst gesehen haben oder gar ertragen mussten. Aber Cora ist auch nur eine Phantasiegestalt wie die allermeisten Personen in diesem Buch.
    • Diamondgirl schrieb:

      @serjena
      Das ist zwar richtig, aber auch dieses Buch ist ja ein Roman mit fiktiven Personen. Daher konnte ich auch das gut ertragen. Probleme bekomme ich bei Büchern von realen Geschehnissen z. B. während der Nazizeit. Wenn Zeitzeugen berichten, was sie selbst gesehen haben oder gar ertragen mussten. Aber Cora ist auch nur eine Phantasiegestalt wie die allermeisten Personen in diesem Buch.
      Ich verstehe absolut was Du meinst . Ich mochte das halt trotzdem nicht lesen. Sowas verfolgt mich immer in meinen Gedanken. Für mich soll lesen Entspannung sein, nicht die Ursache für schlechte Gedanken/Stimmungen und Albträume. Die hab ich auch so schon genug. Aber da ist jeder anders gestrickt und das ist ja auch gut so. :)
      " Vom Wahrsagen läßt sich' s wohl leben in der Welt, aber nicht vom Wahrheit sagen. " (Georg Christoph Lichtenberg)
    • Noch zur Ergänzung:
      Ich wollte niemanden überzeugen für oder gegen irgendetwas. Es war eher Ausdruck meines Erstaunens, da ich genau diese beiden harten Bücher nacheinander las und mich über mich selbst wunderte, dass ich mit diesem Buch über die schrecklichen Erlebnisse der amerikanischen Sklaven so gut zurecht kam, während mich das vergleichsweise harmlose (was die Quälereien angeht) Buch von Lize Spit so abschreckte. Verwirrt von den eigenen Skrupeln und der Versuch, das zu entwirren.
    • Diamondgirl schrieb:

      Ich wollte niemanden überzeugen für oder gegen irgendetwas.
      Das hab zumindest ich auch nicht so verstanden.

      Diamondgirl schrieb:

      während mich das vergleichsweise harmlose (was die Quälereien angeht) Buch von Lize Spit so abschreckte.
      Das hab ich hier auch noch zu liegen :wink: Na, mal schauen, wieviele Seiten ich da schaffen werde :lol: Reinlesen möchte ich unbedingt. Hattest Du es zu Ende gelesen ?
      " Vom Wahrsagen läßt sich' s wohl leben in der Welt, aber nicht vom Wahrheit sagen. " (Georg Christoph Lichtenberg)
    • Diamondgirl schrieb:

      @serjena
      Das ist zwar richtig, aber auch dieses Buch ist ja ein Roman mit fiktiven Personen. Daher konnte ich auch das gut ertragen. Probleme bekomme ich bei Büchern von realen Geschehnissen z. B. während der Nazizeit. Wenn Zeitzeugen berichten, was sie selbst gesehen haben oder gar ertragen mussten. Aber Cora ist auch nur eine Phantasiegestalt wie die allermeisten Personen in diesem Buch.
      Natürlich sind diese im Roman fiktive Personen, jedoch der Hintergrund ist ein ganz anderer (es sind wirkliche Geschehnisse welche realen Menschen angetan wurde ). Aber ich verstehe jeden der das Buch nicht lesen mag, das ist überhaupt kein Kritikpunkt. Mir ist es einfach wichtig diesen Roman nicht mit irgendwelchen fiktiven zu vergleichen. Ich hoffe man versteht was ich meine.

      Vielleicht hat jemand von euch den Film gesehen, dieses Buch ich ein echter Bericht eines Zeitzeugen.
      Das Bewußtsein, vor dem Schlafengehen gute Lektüre zu haben, ist eines der angenehmsten Gefühle, die ich kenne.
      peter e. schumacher (1941 - 2013), Aphorismensammler und Publizist
    • Jessy1963 schrieb:

      Hattest Du es zu Ende gelesen ?
      Ja klar - um ein Buch abzubrechen muss ich es wirklich schlecht finden und obendrein noch nicht als Rezensionsexemplar bekommen haben. Beim Rezi-Exemplar breche ich nur ab, wenn ich es wirklich nicht ertrage es weiter zu lesen, was bisher nicht mal bei Coelho der Fall war (...weil es dünn genug war - bei über 200 Seiten hätte ich da tatsächlich die Segel gestrichen um nicht noch mehr Lebenszeit an ihn zu verschwenden). Aber schlecht war es ja nicht wirklich, denn schreiben kann sie wirklich ganz gut.

      serjena schrieb:

      Natürlich sind diese im Roman fiktive Personen, jedoch der Hintergrund ist ein ganz anderer
      Finde ich weniger, denn ähnliches oder sogar noch schlimmeres passiert vermutlich tagtäglich irgendwo. Womöglich ist es auch der zeitliche Abstand, der es für mich erträglicher machte, denn von den Sklaven lebt heute ja niemand mehr. Die Naziopfer hingegen leben z. T. heute noch und Kinder die Schreckliches durchmachen gibt es heute wie gesagt noch überall auf der Welt.
      Aber ich bin bei mir ziemlich sicher, dass die Sachlichkeit und Schlichtheit der Schilderungen für mich den Ausschlag gibt. Bei Lize Spit erinnerte mich die Ausführlichkeit der Schilderung an die zahlreichen Handy-Filmer an Unfallstellen, die beim Erzählen jammern, wie furchtbar der Unfall war, wie verstümmelt das Opfer, wie das Blut floss - man konnte kaum hingucken... Aber filmen ging, um es hinterher möglichst allen auch ganz genau in Nahaufnahme zeigen zu können. Die Faszination des Grausamen, die ich regelrecht abartig finde. Voyeurismus trifft es m. E. immer noch am ehesten.
    • Diamondgirl schrieb:

      von den Sklaven lebt heute ja niemand
      Entweder wir denken in zwei vschiedene Richtungen und schreiben somit aneinander vorbei. Zudem auch wenn heute von den damaligen Sklaven niemand mehr lebt, die Nachkommen...
      Aber ich denke wir könnten noch mehrmals miteinander schreiben, wir werden uns wohl nicht ganz verstehen. Das macht jedoch nichts, lassen wir es einfach so stehen. :friends:
      Denn in einem Punkt sind wir uns vollkommen einig, dieser Roman ist sehr gut und verdient viele Leser.
      Das Bewußtsein, vor dem Schlafengehen gute Lektüre zu haben, ist eines der angenehmsten Gefühle, die ich kenne.
      peter e. schumacher (1941 - 2013), Aphorismensammler und Publizist
    • Danke für eure interessanten Beiträge an dieser Stelle! Ich habe die Lektüre ja noch vor mir und bin gespannt wie mein Eindruck von dem Buch sein wird.
      In einer Rezension beim Deutschlandfunk habe ich die vermutlich von @Jessy1963 gemeinte Szene, die bei ihr zum Abbruch geführt hatte, gelesen und noch ein paar andere Dinge. So im ersten Moment war ich mir da nicht mehr so sicher, ob das Buch da noch etwas für mich wäre. Aber nachdem ich deinen Beitrag gelesen habe @Diamondgirl, denke ich, dass ich damit umgehen kann.

      Diamondgirl schrieb:

      Ich fand das auch die fürchterlichste Stelle des ganzen Buches - von meiner eigenen Vorstellungskraft in Gang gesetzt, wohlgemerkt. Denn diese Stelle ist absolut sachlich, keine übertriebene Gefühlshascherei, kein Voyeurismus, keine übertrieben detailreiche Schilderung. Nur mit dem nötigsten Informationswert - denn es ging ja an dieser Stelle durchaus darum darzustellen, welche Behandlung sich ein krankes Hirn ausdenken kann - und aus einer wohlgewählten Distanz heraus geschildert.
      Die für mich wichtigsten Stichworte habe ich hervorgehoben. Ich denke mit einer derartigen Darstellung kann ich noch umgehen. Denn wenn es zu sehr auf Effekthascherei gepaart mit einem guten Schuß Voyeurismus hinaus gelaufen wäre, dann wäre es absolut kein Buch für mich. So kann ich mich vor dem lesen besser darauf einstellen.
      Bücher müssen mit soviel Überlegung und Behutsamkeit gelesen werden, als sie geschrieben wurden.
      Henry D. Thoreau




      :montag: Ich lese gerade
    • Meriva_3010 schrieb:

      Ich hatte das Hörbuch - die Sprechstimme ist sehr angenehm zum zuhören mit einem passenden Sprechtempo. die Geschichte ist optimal als Hörbuch.

      Marie schrieb:

      Der / die sicher einen Namen hat.

      edit: Habe ihn gefunden: Helene Grass. Obwohl Du schreibst, als handle es sich um einen Mann.
      Und hier ist das Hörbuch
      :study: Ich bin alt genug, um zu tun, was ich will und jung genug, um daran Spaß zu haben. :totlach:
    • Ein Tipp für die Berliner BücherTreffler: Am 24. Oktober um 20.00 Uhr liest Coleson Whitehead im Literarischen Colloquium am Wannsee. Wenn nichts dazwischenkommt, gehe ich hin. Vielleicht sieht man sich. :winken:
      :montag: Betty Smith - Ein Baum wächst in Brooklyn

      "Sehnsucht nach Liebe ist die einzige schwere Krankheit, mit der man alt werden kann, sogar gemeinsam."
      (Bodo Kirchhoff: Die Liebe in groben Zügen)

    • Über den Inhalt wurde schon alles gesagt, daher nur soviel: Obwohl mir bei Romanen aus der Historie die gesicherten Fakten sehr wichtig sind, habe ich keine Probleme damit, dass Whitehead aus dem Netzwerk der Railroad Underground eine reale unterirdische Eisenbahnlinie gemacht hat. Dadurch hat er "abstrakt" zu "konkret" gewandelt.

      Der Autor schreibt in einem gefälligen Erzählstil, so dass man der Handlung leicht folgen könnte, wären nicht die vielen Personen; manche von ihnen spielen nur in einer Episode eine Rolle, andere tauchen immer mal wieder sporadisch auf, den dritten gönnt Whitehead einen eigenen Handlungsstrang.

      Die Sklaverei wie im Buch geschildert wurde 1865 abgeschafft. Doch der Rassismus, der sie möglich machte, wirkt noch heute, 150 Jahre später, fort. Dass Amerika inzwischen von einem schwarzen Präsidenten regiert wurde und dass Schwarze in höhere Gesellschaftsschichten aufsteigen können, beweist nicht das Gegenteil. Eine Google-Suche mit den Stichwörtern "Sklaverei" und "modern" fördert erschreckende Beispiele zutage, nicht nur in Amerika. Insofern kann auch ein historischer Roman aktuell sein.

      Was ich absolut nicht verstehe: Dass man dem Buch mangelnde Emotionalität vorwirft. Ist es nicht Sache des Lesers, die Emotionen beizusteuern? Die Handlung wühlt auf alle Fälle auf und lässt (fast) niemanden unberührt.
      Sicher ist "Underground Railroad" eins der Bücher, die mich in diesem Jahr am stärksten gepackt haben, und sicher hätte es Zeiten gegeben, in denen ich das Buch nicht hätte lesen können.
      Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. (Oscar Wilde)

      Bücher sind auch Lebensmittel. (Martin Walser)
    • "Die Menschen tragen Ketten und sind Sklaven; aber sie sind nicht geboren, es zu sein, und haben die Hoffnung nicht verloren, wieder frei zu sein." (Matthias Claudius)
      Cora arbeitet ebenso wie ihre Großmutter auf der Randall Farm, für sie gab es nie etwas anderes, als Sklavin sich auf Plantagen zu schinden. Eines Nachts flüchtet dann Coras Mutter von der Farm und lässt ihre Tochter alleine bei ihrer Mutter zurück. Cora kann nicht nachvollziehen, warum sie, sie ganz alleine gelassen und nicht mitgenommen hat. Nach dem Tod des alten Plantagenbesitzer Randall wird die Farm an seine Söhne vermacht, die diese genauso herzlos weiterführen. Unter unerträglichen Bedingungen müssen die Sklaven der Randalls Bauwolle säen und ernten. Doch eines Tages tritt Caesar an Cora heran und offenbart ihr das er flöhe und sie mitnehmen möchte. Erst verneint Cora diesen Vorschlag, den selten ist einem Sklaven so eine Flucht gelungen und wenn man sie gefasst hätte, wäre dies ihr Todesurteil gewesen. Ein paar Tage später wusste Cora das, wenn sie jetzt nicht flieht, dies ihr Leben lang bereuen würde. Zusammen wollen sie mit der Underground Railroad in ein neues Leben fliehen. Dabei wird Ridgehead einer der berüchtigten Sklaveneintreiber, die beiden unerbittlich verfolgen, um sie an Randall auszuliefern, den dieser hat ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt. Es beginnt eine abenteuerliche Reise bei denen sie heldenhafte Bahnhofswärter, Kopfgeldjäger und Leichendieben begegnen und überall lauern Gefahren. Werden sie ihre Freiheit wirklich finden?

      Meine Meinung:
      Mit Colson Whitehead ist hier ein fiktiver Roman erschienen, der die qualvolle Wirklichkeit der Sklaven in den USA widerspiegelt. Zur Vorlage nahm sich der Autor mehrere Slave narrative Vorlagen und gestalte damit einen fiktiven Roman, den es so nicht gab. Aber wenn man dieses Buch gelesen hat, kann man sich gut vorstellen, das es so gewesen sein könnte. Das Netzwerk der Underground Railroad gab es in Wirklichkeit, mit dieser wurden tatsächlich in der Mitte des 19. Jahrhunderts Sklaven zur Flucht verholfen. Der Schreibstil ist sehr gut, schade nur das dem Buch ein wenig die Emotionen fehlen, trotzdem hat es mich zu tiefst bewegt. Entsetzt hat mich auch, das ab dem Jahr 1776, 460 000 Sklaven in die USA verschleppt und als billige Arbeitskräfte gehalten wurden. Ich denke dabei immer an eine damalige Fernsehserie Roots bei denen dies auch drastisch geschildert wurde. Selbst heute noch muss die schwarze Bevölkerung mit vielen Benachteiligungen in der ganzen Welt, vor allem aber in den USA leben. Deshalb auch stellvertretend dieses Buch, für alle jene Sklaven, die bisher ihr Leben lassen mussten. Ausgezeichnet wurde es mit dem National Book Award 2016 und dem Pulitzer Preis 2017. Ein Buch, das man gelesen haben sollte und von mir 5 von 5 Sterne bekommt.
      :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :thumleft: :applause:
    • Cora und die Underground Railroad



      Underground Railroad ist der erste Roman von Colson Whitehead, den ich bisher gelesen habe und die Art und Weise, wie der Autor die Geschichte rund um Cora erzählt hat, hat mir sehr gut gefallen. Es ist kein einfaches Thema, mit dem sich der Roman beschäftigt. Denn Colson Whitehead nimmt seine Leser mit zurück in die Vergangenheit, in ein trauriges, düsteres Kapitel der amerikanischen Geschichte. Cora ist zu Beginn des Romans eine von vielen Sklaven auf einer Baumwollplantage in den Südstaaten. Ein Leben in Freiheit – das erscheint ihr wie eine beinahe unerreichbare Wunschvorstellung. Bis ihr Caesar, ein weiterer Sklave auf der Baumwollplantage, ihr von seinen Fluchtplänen erzählt. Die Underground Railroad, so berichtet er, wird ihnen dabei helfen der Verfolgung ihrer ehemaligen „Besitzer“ zu entkommen. Obwohl Cora zögert, lässt sie sich letztlich doch auf Caesars Vorschlag ein und gemeinsam brechen die beiden auf zu einer dramatischen Reise.
      Ein Großteil der Geschichte beschäftigt sich mit Cora und ihrer Flucht, aber auch die Motive und Denkweisen anderer Personen, die für die Handlung eine Rolle spielen, werden von Colson Whitehead beleuchtet. So erhält man z.B. einen Einblick zur Geschichte des Sklavenfängers, der sich im Auftrag von Coras und Caesars früherem „Besitzer“ an ihre Fersen heftet. Erschreckend fand ich, dass auch viele von denen, die es angeblich gut mit den befreiten Sklaven meinten, bei genauerem Hinsehen auch nicht erheblich besser waren als die Sklavenbesitzer selbst.
      Aber Cora trifft auf ihrer Reise auch tatsächlich auf Menschen, die es aufrichtig gut meinen. Viele von ihnen sind Teil der Underground Railroad. Diese Menschen betreiben in der Version der Underground Railroad, wie Colson Whitehead sie beschreibt, tatsächliche Bahnhöfe. Es gibt Lokführer, ein Schienennetzwerk und versteckte Stationen. Zur damaligen Zeit waren unterirdisch fahrende Züge allerdings noch undenkbar. Ich habe mich nach der Lektüre noch ein bisschen mit dem Thema beschäftigt, weil mich die Handlung nicht losgelassen hat – es ist wirklich interessant herauszufinden, wie die historische Underground Railroad wohl wirklich funktioniert hat.
      Underground Railroad ist ein Buch, das seine Leser auch nach der Lektüre noch beschäftigt – mir ging es jedenfalls so. Ich habe während des Lesens gebangt, gehofft, war empört über das Verhalten einiger vermeintlicher Helfer…
      Der Roman wurde meiner Meinung nach völlig zu Recht mit dem Pulitzer Preis 2017 ausgezeichnet.
    • Coras Sehnsucht nach Freiheit

      Underground Railroad, Roman von Colson Whitehead, 352 Seiten, erschienen im Carl Hanser Verlag.
      Colson Whitehead widmet sich in seiner Erzählung der Entrechtung, Unterdrückung und Vernichtung von Schwarzen durch Weiße in den USA.
      Die Geschichte von Cora einer jungen Schwarzen, geboren in der Sklaverei, sie wird von Caesar einem Leidensgenossen aufgefordert, zusammen mit ihm zu fliehen. Die Beiden begeben sich auf eine abenteuerliche Reise vom Süden Amerikas in den Norden. Ob die Flucht gelingt und was den Beiden bei ihrer spektakulären Flucht mit der Underground Railroad alles zustößt wird hier im schonungslosen Stil beschrieben.
      Das Buch ist aufgegliedert in 12 Kapitel die abwechselnd mit US-Bundesstaaten und Personennamen benannt sind. Am Anfang eines jedes Staaten- Kapitels erscheint eine Suchanzeige für einen entlaufenen Sklaven. Die Geschichte wird im auktorialen Stil erzählt. Whitehead beschreibt in nüchterner bildhafter Sprache die grausamen Geschehnisse die in der Zeit der dunkelsten Geschichte Amerikas stattfanden. Er erhielt dafür den National Book Award 2016 und den Pulitzer Preis 2017.
      Der Anfang über Ajarry, Coras Großmutter, ihre Mutter und Coras Kinderzeit und wie sie sich in der Sklavengemeinschaft auf der Baumwollfarm in Georgia behauptet fand ich ungemein spannend, spannend beginnt auch ihre Flucht und was dazu führte. Leider lässt die Spannung zwischendurch nach um am Ende wieder anzuziehen. Leider konnte ich der Geschichte nicht immer folgen, denn der Verlauf wurde durch die Personenkapitel die dazwischen gestreut waren unterbrochen. Das Leben von Charakteren die an diesem Punkt schon verstorben waren wurde aufgegriffen, auch kam es vor, dass Cora bei ihrer Flucht schon an einem anderen Ort angekommen war mit anderem Setting und Personen, im nächsten Kapitel aber beschrieben wurde wie ihre Befreiung von Statten ging. M.E. sind die Kapitel im Roman etwas unglücklich angeordnet. Gut fand ich, dass das Schicksal von Mabel am Ende noch aufgeklärt wurde, was mich wieder mit der Geschichte versöhnt hat. Homo, homini lupus – der Mensch, dem Menschen ein Wolf. So zitiert Plautus und so wird es im vorliegenden Buch auch aufs Grausamste und grauenvoll beschrieben. Die Lektüre hat mich sehr betroffen gemacht, gefesselt und tief bewegt. Die Geschichte der Underground Railroad und des Abolitionismus wird mich wohl auch noch einige Zeit beschäftigen. Die Underground Railroad wird im Buch als eine tatsächliche „Untergrundbahn“ beschrieben, was sie in Wirklichkeit aber nicht war. Zwischen 1810 und 1860 wurde durch dieses „Fluchtnetzwerk“ mit geheimen Routen, geheimen Stationen und Menschen die für ihre Hilfe mit dem Leben bezahlten, 50 000 Sklaven vom Süden in die freien Nordstaaten und Kanada gebracht. Bisher wusste ich nicht, dass es diese „Fluchthilfe“ gab und ich bin dankbar, dass ich es durch diesen Roman erfahren durfte.
      Es handelt sich hier absolut um kein Wohlfühlbuch“, sondern um eine Lektüre, die zum Nachdenken anregt, ja etwas für danach mitgibt. Eine absolute Kaufempfehlung, für die Leser die sich für die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei interessieren, die etwas über die „Underground Railroad“ erfahren wollen. Und von mir 4 von 5 möglichen Sternen.
      :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:
      :study: :musik: :montag:

      Und wenn mir alle Königskronen für meine Bücher und meine Freude am Lesen angeboten wären: Ich würde sie ausschlagen.
      François Fénelon
    • Neu

      Absolut kein Wohlfühlroman zum Schmökern, eine Mischung aus wahren Begebenheiten eingebettet in eine fiktionale Geschichte, ein Buch zum Nachdenken, zum angewiedert abwenden ob der Grausamkeiten, die geschildert werden, zum geschockt und gespannt den Atem anhalten ob der Geschichte die erzählt wird und deren Ausgang - ein Werk, das lange nachwirkt und niemanden unberührt lassen kann. Durch die Abstraktion der Underground Railroad kann er sich auf das wesentliche konzentrieren, nämlich auf die gewaltigen Bilder, die dieser Roman in sich trägt, die wahrhaftigen Charaktere, die so intensiv und glaubhaft geschildert werden, ohne heroisiert oder verteufelt zu werden (zumindest nicht vom Autor).
      Colson Whitehead schafft es in der Kürze des Buches die Dinge auf den Punkt zu bringen. Manch ein anderer Autor hätte aus dieser Flucht eine epische Saga geschaffen, die nicht so eindrucksvoll sein könnte wie diese kurze pointierte Geschichte. :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertungHalb:

      Jetzt möchte ich noch kurz einige Äußerungen aufnehmen, die bisher in diesem sehr interessanten Thread gemacht wurden:

      Diamondgirl schrieb:

      Jessy1963 schrieb:

      Ja, die eine Szene war auch ein Grund für mich mit dieses Buch abzubrechen. Ich schreibe sie mal in den Spoiler.
      Vorsicht, nicht öffnen wenn man Grausamkeiten nicht ertragen kann.
      Ich fand das auch die fürchterlichste Stelle des ganzen Buches - von meiner eigenen Vorstellungskraft in Gang gesetzt, wohlgemerkt. Denn diese Stelle ist absolut sachlich, keine übertriebene Gefühlshascherei, kein Voyeurismus, keine übertrieben detailreiche Schilderung. Nur mit dem nötigsten Informationswert - denn es ging ja an dieser Stelle durchaus darum darzustellen, welche Behandlung sich ein krankes Hirn ausdenken kann - und aus einer wohlgewählten Distanz heraus geschildert.Genau das machte solche Sequenzen für mich überhaupt lesbar und sogar gut erträglich.
      Wer musste bei dieser Szene nicht schlucken und wer hat nicht ob der nüchternen Grausamkeit den Kopf geschüttelt? Aber auf mich hat sie gerade deswegen so eindrucksvoll und abschreckend gewirkt, eben weil sie nicht künstlich aufgeblasen und seitenlang beschrieben sondern fast beiläufig erzählt wurde und damit meines Verständnisses nach die offenbare Normalität, Alltäglichkeit und Beliebigkeit der Grausamkeit unterstreicht.


      Marie schrieb:

      Obwohl mir bei Romanen aus der Historie die gesicherten Fakten sehr wichtig sind, habe ich keine Probleme damit, dass Whitehead aus dem Netzwerk der Railroad Underground eine reale unterirdische Eisenbahnlinie gemacht hat. Dadurch hat er "abstrakt" zu "konkret" gewandelt.
      Oder genau umgekehrt, von konkret zu abstrakt, je nachdem wie man es sieht. :wink:
      Jedenfalls finde ich auch, dass das der zentrale Kunstgriff von Whitehead ist, der ihm ermöglicht, sich auf das Wesentliche was er erzählen möchte zu konzentireren. In einem der oben verlinkten Berichte schreibt jemand, und besser kann man es meiner Meinung nicht ausdrücken:

      Frankfurter Rundschau schrieb:

      Dadurch, dass er sich dem Zwang entzieht, die exakten logistischen Umstände der Flucht beschreiben zu müssen, eröffnet er sich die Möglichkeit zur psychologischen Genauigkeit. Und in ihr liegt die erzählerische Wahrheit, die Whitehead anstrebt.

      Marie schrieb:

      Was ich absolut nicht verstehe: Dass man dem Buch mangelnde Emotionalität vorwirft. Ist es nicht Sache des Lesers, die Emotionen beizusteuern? Die Handlung wühlt auf alle Fälle auf und lässt (fast) niemanden unberührt.
      Das kann ich auch nicht verstehen und sehe es genauso wie du: Die Emotionen, die beim Leser entstehen, gerade durch die unbeteiligte Art und Weise des Autors zu beschreiben, sind viel gewaltiger als jede Verschriftlichung von Whitehead es sein könnte.
      "Die wahrhaft menschliche Qualität besteht nicht aus Intelligenz, sondern aus Phantasie." - Terry Pratchett

      :study:
      Fast ein bisschen Frühling - Alex Capus
      Blood and Champagne: The Life and Times of Robert Capa - Alex Kershaw

      :bewertung1von5: 2018: 3 :bewertung1von5:
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