Siegfried Lenz - Der Überläufer

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    Der Überläufer

    von

    3.7|3)

    Verlag: Hoffmann und Campe

    Bindung: Gebundene Ausgabe

    Seitenzahl: 368


    ISBN: 9783455405705


    Termin: Februar 2016

    • Siegfried Lenz - Der Überläufer

      Klappentext:
      Es ist der letzte Kriegssommer, die Nachrichten von der Ostfront sind schlecht. Der junge Soldat Walter Proska aus dem masurischen Lyck wird einer kleinen Einheit zugeteilt, die eine Zuglinie sichern soll und sich in einer Waldfestung verschanzt hat. Bei sengender Hitze und zermürbt durch stetige Angriffe von Mückenschwärmen und Partisanen, aufgegeben von den eigenen Truppen, werden die Befehle des kommandierenden Unteroffiziers zunehmend menschenverachtend und sinnlos. Die Soldaten versuchen sich abzukapseln: Einer führt einen aussichtslosen Kampf gegen einen riesigen Hecht, andere verlieren sich in Todessehnsucht und Wahnsinn. Und Proska stellen sich immer mehr dringliche Fragen: Was ist wichtiger, Pflicht oder Gewissen? Wer ist der wahre Feind? Kann man handeln, ohne schuldig zu werden? Und: Wo ist Wanda, das polnische Partisanenmädchen, das ihm nicht mehr aus dem Kopf geht? (von der Hoffmann & Campe-Verlagsseite kopiert)

      Zum Autor:
      Siegfried Lenz (1926–2014) zählt zu den bedeutenden und meistgelesenen Schriftstellern der deutschen Literatur. Für seine Bücher wurde er mit vielen wichtigen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main, dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und mit dem Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte 2009. Seit 1951 veröffentlichte er alle seine Romane, Erzählungen, Essays und Bühnenwerke im Hoffmann und Campe Verlag. (von der Hoffmann & Campe-Verlagsseite kopiert)

      Rezeptionsgeschichte des Buches:
      Sein erstes Buch „Es waren Habichte in der Luft“ veröffentlichte Lenz 1951 bei Hoffmann & Campe. Er bekommt sofort einen Verlagsvertrag für ein zweites Buch und schreibt es im selben Jahr. Aufgrund von Vorabdrucken einiger Kapitel erscheint die erste positive Rezension des Romans mit dem Arbeitstitel „… da gibt’s ein Wiedersehen“. Erst danach wird mit dem Lektorat begonnen, das einem Germanisten namens Otto Görner vom Verlag übertragen wird, der zunächst sehr angetan ist und Lenz einige Verbesserungen und Umstellungen vorschlägt. Warum sich der Lektor gegen ihn wendet, darüber kann man nur spekulieren. Es mag mit der Stimmung in Deutschland in den ersten Jahren der 1950er zu tun haben: Schon wieder ein Buch um und über den Krieg! Und dann als Protagonisten einen deutschen Soldaten, der zum Feind überläuft!? Das darf nicht sein.
      Die Meinungsverschiedenheiten zwischen Lektor, Autor und Verlag schaukeln sich immer weiter hoch, bis man zu dem Entschluss kommt, den ersten Teil des Buches – bis zu der Stelle, an der der Protagonist die Fronten wechselt – als Novelle zu veröffentlichen. Doch nach und nach geriet Lenz’ Manuskript in Vergessenheit, vor allem nach dem Erfolg seiner nächsten beiden Werke „Duell mit dem Schatten“ und „So zärtlich war Suleyken“.
      Ein halbes Jahr vor seinem Tod vermachte Lenz seine sämtlichen literarischen Unterlagen dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Bei der Sichtung des Nachlasses stieß man auf das handschriftliche Manuskript und das Typoskript zu diesem Roman.

      Persönliche Meinung:
      Das Buch wirkt, als wäre es von zwei Autoren geschrieben. Die ersten Kapitel von einem, der jede Beschreibung, jede Szene und jede Handlung auswalzt und viele Sätze braucht, ehe er auf den Punkt kommt; einem, der konstruiert und sich in aufgesetzten Dialogen ergeht, statt die Geschichte fließen zu lassen.
      In den späteren Kapiteln erkennt man dann Lenz’ Handschrift besser: Das Wichtigste gekonnt und klar formuliert, dicht beim Protagonisten ohne in ihn zu kriechen und sein Innerstes nach außen zu kehren, statt dessen Raum für die Gedanken des Lesers.

      Es ist ein grausames Buch über die Wirklichkeit des Krieges, die Kämpfe, das Verstecken, die Angst und die sinnlosen Befehle, die falschen Entscheidungen. Und es ist völlig gleich, auf welcher Seite man kämpft. Ähnlich wie Remarque in seinen Anti-Kriegromanen schildert Lenz vor allem den Aberwitz des Krieges und das irrsinnige Töten, macht die Soldaten zu Menschen, die in ihrem Alltagsleben niemals auf die Idee kämen, sich mit Gewalt durchzusetzen, und die hier einfach drauflos schießen und absichtlich töten – auch unbewaffnete Zivilpersonen - und sich im Nachhinein eine Rechtfertigung zurecht legen.

      Dass und warum Proska zu den russischen Truppen überläuft, bedarf keiner genauen Betrachtung. Die Liebe und der Zufall. Es könnte jedem passiert sein.
      Letztlich veruracht der Wechsel ins feindliche Lager zwar zunächst das gute Gefühl, nun auf der „richtigen“ Seite, nämlich der der Partisanen zu stehen und die Nazis zu bekämpfen, aber das Töten und Sterben ist hier wie dort dasselbe.

      Vielleicht war es nicht schlecht für den Roman, dass er erst jetzt aufgetaucht ist, denn über 60 Jahre später betrachtet man ihn weniger als ein Buch über einen Verräter als eine weitere laute Stimme gegen Krieg – die ebenso wenig gehört wird wie Tausende vor ihr und nach ihr.
      Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. (Oscar Wilde)

      Bücher sind auch Lebensmittel. (Martin Walser)
    • Nu, viel bleibt nach Marie selten zu sagen… : selber lesen ! - das stimmt vielleicht bei Lenz immer ?

      Man merkt der Sprache einen jugendlichen, noch nahe am Kriege stehenden Lenz an, der selber irgendetwas davon erlebt hat, und nicht nur einfach fabuliert. Absurditäten pur. Wer oder was ist der Mensch ? Dabei fiel mir auf, wie der « Held », unser Walter Proska, hier im Buch je nach Zusammenhang andere Namen hat. Da ist er der Walter, der Proska (oder im Angeschnauztwerden durch den widerwärtigen Korporal eine verdrehte Form dieses Familiennamens), der Soldat, der Mann (schlechthin) oder – im mehrdeutigen Sinne, und von wem ? - der « Assistent » ! Ich glaube, dass man einfach mit diesen verschiedenen Bezeichnungen schon eine ganze « Studie » des Buches und des Menschenbildes (bei Lenz) machen könnte ! Man kann sich mehr oder weniger bitter fragen, wann wir zur Einheit unserer Selbst, in den eigenen Augen und denen der anderen finden werden…

      Ja, es « könnte jedem passiert sein », und ich stelle fest, dass Lenz den Proska des Romans in Lyck geboren sein lässt, also seiner eigenen Heimatstadt !

      Mir hat das Buch ausgezeichnet gefallen. Eins jener Nachkriegsbücher, die mE doch auch heute gelesen werden sollten : sei es als Erinnerung an unsere Grossväter, sei es als Mahnmal gegen den Krieg, sei es als Erinnerung, wie dies auch heute in leichten Variationen woanders ausschaut !
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