Bücherwichteln auf BuecherTreff.de

Franzobel - Das Floss der Medusa


    Affiliate-Link

    Das Floß der Medusa

    von

    4.6|8)

    Verlag: Paul Zsolnay Verlag

    Bindung: E-Book Download

    Seitenzahl: 592


    eISBN: 9783552058439


    Termin: Januar 2017

    • Franzobel - Das Floss der Medusa

      Klappentext:
      1. Juli 1816: Vor der Westküste von Afrika entdeckt der Kapitän der Argus ein etwa zwanzig Meter langes Floß. Was er darauf sieht, lässt ihm das Blut in den Adern gefrieren: hohle Augen, ausgedörrte Lippen, Haare, starr vor Salz, verbrannte Haut voller Wunden und Blasen … Die ausgemergelten, nackten Gestalten sind die letzten 15 von ursprünglich 147 Menschen, die nach dem Untergang der Fregatte Medusa zwei Wochen auf offener See überlebt haben. Da es in den Rettungsbooten zu wenige Plätze gab, wurden sie einfach ausgesetzt. Diese historisch belegte Geschichte bildet die Folie für Franzobels epochalen Roman, der in den Kern des Menschlichen zielt. Wie hoch ist der Preis des Überlebens?



      Meine Meinung:

      Schon immer habe ich mich für Schiffe und deren Geschichte interessiert. Das Floss der Medusa war mir ein Begriff. In meinen Recherchen zu Schiffsunglücken stiess ich auf das Bild von Théodore Géricaults Gemälde „Das Floß der Medusa“ von 1819. Ich las die Beschreibungen der Ereignisse, die sich auf diesem Floss abgespielt haben. Allein es fehlt die Vorstellungskraft.

      Franzobels Buch kam deshalb sofort auf meine Beobachtungsliste. Ich habe nicht lange gezögert und das Buch gekauft und gelesen. Das Buch liest sich flüssig. Die Gedanken bleiben dabei, weil sie immer wieder gefordert werden sich das freudlose Dasein der Besatzung, der Schiffsjungen und der Passagiere vorzustellen.

      Die Figuren wirken in ihrer Existenz fast lächerlich. Franzobels Sprache ist derb, viel Mitgefühl gibt es bei den Figuren nicht zu erahnen und auch nicht zu erwarten. Aber nur so wird man auf die Ereignisse auf dem Floss vorbereitet und nur so kann man erahnen - wirklich nur erahnen - was sich auf diesem Floss innerhalb von vierzehn Tagen unter den rund einhundertfünfzig Menschen abgespielt hat.

      Franzobel hat tief recherchiert. Es gibt gut dokumentierte Berichte der wenigen Überlebenden, die die Inkompentenz der Vetternwirtschaft, die menschlichen Abgründe zu Tage treten lassen. Das alles kann man gut auch in die heutige Zeit übertragen.
      Hat man das Buch gelesen, fragt man sich, ob so etwas auch heute noch vorkommen kann.
      Ich sage, Ja.

      Wikipedia: Medusa
    • Vielen Dank für die interessante Rezension @Absalom ! Ich setze das Buch mal auf meine Wunschliste...
      Das Floss der Medusa ist übrigens auch Teil von Julian Barnes "Eine Geschichte der Welt in 10 1/2 Kapiteln"
      :study: Halldór Gudmundsson - Halldór Laxness (490/864)
      :study: Halldór Laxness - Am Gletscher (112/192)
      Letzter Neuzugang am 14. November: William Gaddis - Die Fälschung der Welt
    • Nicht zu vergessen das monumentale Gemälde von Géricault, Le radeau de la Méduse, das im Louvre von Paris hängt, beliebte Quelle für Schulaufsätze in französischen Gymnasien.
      Viele Grüße von Yurmala

      :study: Zabor ou Les psaumes von Kamel Daoud

      :musik: Leere Herzen von Juli Zeh, gelesen von Ulrike C. Tscharre

      »You can never get a cup of tea large enough or a book long enough to suit me.«. C.S. Lewis
    • Auf Seite 80 habe ich abgebrochen, weil mir übel geworden ist. Ich konnte die ewigen Quälereien und Grausamkeiten, die ein armer Schiffsjunge zu erdulden hatte, nicht mehr ertragen. Das geht seitenlang so dahin, zudem wird auf jeder zweiten Seite erwähnt, wie der Hausknecht die neugeborenen Kätzchen entsorgte.
      Dieses Entrees hätte es meinetwegen nicht bedurft.
      Dabei schreibt Franzobel wirklich gut, wer also weniger empfindlich ist, der wird mit der Lektüre wohl seine Freude haben.
      Liebe Grüße von Sylli :montag:
      "Bücher lesen heißt wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben über die Sterne." (Jean Paul)
    • Sylli schrieb:

      Auf Seite 80 habe ich abgebrochen, weil mir übel geworden ist. Ich konnte die ewigen Quälereien und Grausamkeiten, die ein armer Schiffsjunge zu erdulden hatte, nicht mehr ertragen. Das geht seitenlang so dahin, zudem wird auf jeder zweiten Seite erwähnt, wie der Hausknecht die neugeborenen Kätzchen entsorgte.
      Dieses Entrees hätte es meinetwegen nicht bedurft.
      Dabei schreibt Franzobel wirklich gut, wer also weniger empfindlich ist, der wird mit der Lektüre wohl seine Freude haben.
      Danke für die Warnung! Kinder- und Tierquälerei kann ich nicht ausstehen, deshalb brauche ich dieses Buch wohl nicht.
      "Books are ships which pass through the vast sea of time."
      (Francis Bacon)
      :study:
      Paradise on earth: 51.509173, -0.135998
    • €nigma schrieb:

      Danke für die Warnung! Kinder- und Tierquälerei kann ich nicht ausstehen, deshalb brauche ich dieses Buch wohl nicht.
      Für die empfindsameren Seelen unter uns ist es wohl nicht das Richtige. Und ich denke, es wird auch nicht mehr sehr viel erfreulicher werden, ganz im Gegenteil.
      Liebe Grüße von Sylli :montag:
      "Bücher lesen heißt wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben über die Sterne." (Jean Paul)
    • Sylli schrieb:

      Für die empfindsameren Seelen unter uns ist es wohl nicht das Richtige.
      Ich bin eigentlich keine so empfindsame Seele und lese gelegentlich auch mal gern ein Buch von Chris Carter mit reihenweise Leichen. :wink:
      Aber bei der Misshandlung / Tötung von Kindern und Tieren verstehe ich keinen Spaß.
      "Books are ships which pass through the vast sea of time."
      (Francis Bacon)
      :study:
      Paradise on earth: 51.509173, -0.135998
    • Yurmala schrieb:

      Nicht zu vergessen das monumentale Gemälde von Géricault, Le radeau de la Méduse, das im Louvre von Paris hängt, beliebte Quelle für Schulaufsätze in französischen Gymnasien.
      ... und eine ebenfalls historische Begebenheit um dieses besagte Gemälde herum, das Antoine Choplin hervorragend in seinem Roman "Radeau" verarbeitet hat, den ich hier vorgestellt habe: Antoine Choplin – Radeau (andersweitig auch sehr ernst, aber auch sehr schön!)
      Colum McCann - Zoli
      Olivier Roy - Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod
      Michel Houellebecq - Non réconcilié (Gedichte)
      Marilyn Monroe - Tapfer lieben: Ihre persönlichen Aufzeichnungen, Gedichte und Briefe

      (Un-)Gelesenes: buechertreff.de/user/2161-tom-leo/#shelf
    • Sylli schrieb:

      tom leo schrieb:

      Antoine Choplin – Radeau (andersweitig auch sehr ernst, aber auch sehr schön!)
      Aber leider nicht übersetzt! Oder doch?
      Leider (noch?) nicht. Aber mir sind alle Mittel recht, um diesen Autor bekannter zu machen. Vielleicht wird ein guter, vernünftiger und leserfreundlicher Verlag sich hinreissen lassen, sich ihn mal näher zu betrachten!?
      Colum McCann - Zoli
      Olivier Roy - Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod
      Michel Houellebecq - Non réconcilié (Gedichte)
      Marilyn Monroe - Tapfer lieben: Ihre persönlichen Aufzeichnungen, Gedichte und Briefe

      (Un-)Gelesenes: buechertreff.de/user/2161-tom-leo/#shelf
    • Wow, was für ein Buch.
      Zuerst lernen wir einen Teil der Besatzung kennen und erfahren die Hintergründe und das Ziel der Fahrt. Einige Passagiere sind wirklich unangenehme Gesellen, so z.B. der Koch mit seiner Hasenscharte, sein dicker Küchenjunge oder der Hochstabler Richeford, der sich das Vertrauen des unfähigen Kapitän de Chaumareys erschlichen hat. De Chaumareys größte Sorgen sind sein gut sitzendes Make-up, sein Reizdarm und die Etikette. Auch die weiblichen Passagiere sind nicht unbedingt alle angenehm (Charliiiie). Doch es gibt auch Lichtblicke, so z.B. der Schiffsjunge Viktor, mit dem man wirklich mitleidet. Ein sympathischer junger Mann.
      Leider vertraut der Kapitän nur auf die Aussagen von Richeford der ihm eine Geschichte von einer gemeinsamen Vergangenheit vorspielt. Die Warnungen der Offiziere ignoriert er. Und so kommt es, wie es kommen musste, die Medusa läuft auf eine Sandbank auf. Es sind nicht genügend Rettungsbote vorhanden, so müssen 147 Menschen auf ein notdürftig gebautes Floß steigen, was dramatische Folgen hat. Ein Großteil überlebt die Fahrt nicht, nur 15 werden gerettet, überleben es aber trotzdem nicht alle.
      Es zeigen sich Abgründe, die Menschen werden zu Tieren, reduzieren sich auf ihre Grundbedürfnisse. Und das alles schreibt der Autor in einem sachlich-humorvollem Ton, mit Vergleichen, die einen zum Lachen bringen, aber auch so, dass man die Grausamkeiten spürt und direkt vor Augen hat. Und das Wissen, dass es sich um eine wahre Begebenheit handelt. Es werden Details beschrieben, bei denen sich einigen Lesern sicher der Magen umdrehen wird. Das Thema Kannibalismus und diverse Morde und Quälereien verlangen einem einiges ab.Der Leser wird mitgenommen, möchte den Kapitän schütteln, den eitlen Pfau von seinem hohen (unverdienten) Roß herunterholen. Hätte er sich anders verhalten, wäre dieses schreckliche Ereignis ganz anders ausgegangen.
      Ein wirklich gelungenes Meisterwerk und für mich mein persönliches Jahreshighlight bisher.
      Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinsieht, so kann kein Apostel herausgucken.

      Georg Christoph Lichtenberg
    • Klappentext:
      18. Juli 1816: Vor der Westküste von Afrika entdeckt der Kapitän der Argus ein etwa zwanzig Meter langes Floß. Was er darauf sieht, lässt ihm das Blut in den Adern gefrieren: hohle Augen, ausgedörrte Lippen, Haare, starr vor Salz, verbrannte Haut voller Wunden und Blasen … Die ausgemergelten, nackten Gestalten sind die letzten 15 von ursprünglich 147 Menschen, die nach dem Untergang der Fregatte Medusa zwei Wochen auf offener See überlebt haben. Da es in den Rettungsbooten zu wenige Plätze gab, wurden sie einfach ausgesetzt. Diese historisch belegte Geschichte bildet die Folie für Franzobels epochalen Roman, der in den Kern des Menschlichen zielt. Wie hoch ist der Preis des Überlebens?

      Autor:
      Franzobel ist der Sohn eines Chemiearbeiters. Er absolvierte die Höhere Technische Lehranstalt für Maschinenbau in Vöcklabruck und studierte von 1986 bis 1994 in Wien Germanistik und Geschichte. Nebenbei war er als Komparse am Wiener Burgtheater tätig. Das Studium schloss er mit einer Diplomarbeit über Visuelle Poesie ab. Seit 1989 ist er als freier Schriftsteller tätig. Er lebt in Wien, Pichlwang, Buenos Aires und Orth an der Donau.

      Allgemeines:
      Erscheinungsdatum: 30. Januar 2017
      Seitenanzahl: 592
      Verlag: Paul Zsolnay Verlag

      Eigene Meinung:
      Definitiv kein Buch für schwache Nerven, soviel mal vorneweg.
      Franzobel hat sich hier das Unglück der Medusa als Grundlage für seinen Roman genommen. Hierbei wird auf den ersten Seiten klar, dass er damit auch nicht gnädig umgehen wird. Auf den ersten Seiten schon machen wir uns Sorgen um den Schiffsjungen, der den anderen Matrosen und dem Koch, dem er helfen soll, sowie seinem anderen Gehilfen, und deren Willkür, schutzlos ausgeliefert ist.
      Franzobel redet auch nicht um den heißen Brei, sondern geht schonungslos damit um. Und auch später als es ums nackte Überleben geht, wurde es teilweise wirklich eklig. Wie nebenbei erzählt der Autor von Schlachtungen und macht dabei keinen Unterschied zwischen Schweinen oder Menschen. Erbarmungslos wir der Leser Zeuge eines wirklich unmenschlichen Überlebenskampfes, in dem klar wird, dass wir alle wieder zu Tieren werden (oder sogar noch schlimmer?), wenn wir in einer Extremsituation sind.

      Fazit: Mich hat das Buch gefesselt, auch wenn man wirklich sagen muss, dass ich es teilweise wirklich widerlich fand, wie der Autor locker flockig diese Gräueltaten detailreich erzählt, was eher als Warnung für zartbesaitete Leser gelten soll :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:

      :study: Das betörende Lied des Elfenkönigs (Tairen Soul 5) – C.L. Wilson
      :montag: Caraval - Stephanie Garber
      :montag: Das Erwachen des Feuers (Draconis Memoria Buch 1) – Anthony Ryan MLR
      :musik: Die Schwester – Joy Fielding

    • Gleich vorweg: Wer Schwierigkeiten hat mit Brutalität, Ekligkeiten und Obszönität, sollte sich die Lektüre dieses Buches besser verkneifen. Denn was Franzobel, der Autor, hier schildert, ist schon harter Tobak, obwohl er vermutlich mit seiner literarischen Ausschmückung der tatsächlichen Geschehnisse nicht allzu sehr übertrieben hat.
      Das Buch hält sich sehr eng an die tatsächlichen Geschehnisse, die sich im Jahre 1861 ereigneten. Am 17. Juni bricht ein Schiffsverband mit der Medusa als Flaggschiff von Frankreich aus auf, um in die Hauptstadt des Senegals zu segeln. Die Besatzung der Schiffe besteht aus mehr als 600 Menschen, darunter Ingenieure, Lehrer, Priester, Bauern, Arbeiter und Soldaten, die die französische Kolonie neu aufbauen sollen. Doch durch die Unfähigkeit des Kapitäns der Medusa läuft diese auf auf eine 40 Meilen von der Küste entfernt liegende Sandbank und zerbricht bei einem in der Nacht stattfindenden Unwetter. Das Schiff muss evakuiert werden, doch es gibt nicht genügend Rettungsboote, sodass 147 Menschen auf ein provisorisches Floß müssen, das von den anderen Booten gezogen wird. Doch man kommt nicht voran, weshalb die Verbindung gekappt und das Floß sich selbst überlassen wird.
      Wider Erwarten nimmt die Geschichte der Schiffsbrüchigen auf dem Floß nur etwas mehr als ca. 1/3 des Buches ein, der Rest beschreibt die Fahrt des Schiffes bis zum Auflaufen auf die Sandbank. Franzobel hat einen besonderen Schreibstil, der zumindest zu Beginn für mich etwas gewöhnungsbedürftig war. Es gibt einen allwissenden Erzähler, der in unserer Zeit lebt und sich nicht scheut, Damaliges mit Heutigem zu vergleichen. So werden Offiziere mit Alain Delon und Lino Ventura verglichen und auch Kate Winslet und Leonardo di Caprio von der Titanic schaffen es in das Buch ;-) Ansonsten hält er sich überzeugend genau (so weit ich das beurteilen kann) an diverse Sprachgepflogenheiten der damaligen Zeit, insbesondere die der Seefahrt: Da werden Stengen und Rahen vertaut und mittels Taljen heruntergelassen, die Seeleute warpen, fieren und pullen was das Zeug hält. Auch die sonstigen Redeweisen wirken überzeugend und es dauert nicht lange, bis man sich mitten drin fühlt, als würde man neben dem Erzähler stehen.
      Doch was dieses wirklich tolle Buch so schrecklich macht, sind die Menschen, über die hier erzählt wird. Es ist wohl ein Durchschnitt der damaligen Bevölkerung, der sich auf der Medusa versammelt. Scheinbar hochzivilisierte Aristokraten, die jedoch ebenso primitiv und ordinär sind wie dieser 'Abschaum der Gesellschaft', auf den sie mit einer Arroganz herabblicken, dass ich das Buch manchmal vor Wut in die Ecke hätte werfen können. Natürlich essen sie mit Silberbesteck, sind luxuriös gekleidet, aber bleiben völlig teilnahmslos, wenn ein Junge über Bord geht (Keine Zeit) oder ein Matrose totgepeitscht wird. Und schicken ohne zu zögern fast 147 Menschen in den Tod, um eine Guillotine zu retten und 'die höchsten Güter der Nation! Kleider!'. Dieses Verhalten empfand ich um Vieles schlimmer als das, was sich auf dem Floß ereignete, wo sich die Menschen in einer existentiellen Notlage befanden. Keine Frage, was dort geschah, war unvorstellbar entsetzlich. 'In jedem Mensch wohnt eine Bestie, ein zweites Ich, rücksichtslos, brutal und ohne Hemmungen.' (S. 376). Die Adligen brauchten aber noch nicht einmal eine Notlage, um diese Bestie zum Vorschein kommen zu lassen; sie fällt bei ihnen nur nicht so auf, denn sie hat bessere Manieren. Das wäre dann aber auch schon der einzige Unterschied.
      So ist dieses Buch nicht nur ein Roman über eine historische Begebenheit, sondern auch ein Lehrstück über die Natur des Menschen. Grauenhaft gut.
      :study: Evangelio von Feridun Zaimoglu
      :musik: QUALITYLAND von Marc-Uwe Kling
    Anzeige
    BuecherTreff.de in den Medien