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Reinhard Kaiser-Mühlecker - Fremde Seele, dunkler Wald

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    Fremde Seele, dunkler Wald

    von

    4.2|3)

    Verlag: S. FISCHER

    Bindung: Gebundene Ausgabe

    Seitenzahl: 304


    ISBN: 9783100024282


    Termin: August 2016

    • Reinhard Kaiser-Mühlecker - Fremde Seele, dunkler Wald

      Inhaltsangabe:
      Reinhard Kaiser-Mühlecker schreibt die Geschichte zweier Brüder und ihrer Heimat in Oberösterreich – ein mit biblischer Wucht erzählter Roman um Missverständnisse, Tötungen, Familientragödien und Befreiungsversuche.
      Alexander kehrt von seinem Auslandseinsatz als Soldat internationaler Truppen in die Heimat zurück. Seine Unruhe treibt ihn bald wieder fort. Sein jüngerer Bruder Jakob führt unterdessen den elterlichen Hof. Als sich sein Freund aufhängt, wird Jakob die Schuldgefühle nicht mehr los. Der Vater fabuliert von phantastischen Geschäftsideen, während er heimlich Stück für Stück des Ackerlandes verkaufen muss. Mit großer poetischer Ruhe und Kraft erzählt Reinhard Kaiser-Mühlecker von den Menschen, die durch Verwandtschaft, Gerede, Mord und religiöse Sehnsüchte aneinander gebunden sind. Es ist die Geschichte zweier Brüder, die dieser Welt zu entkommen versuchen – eine zeitlose und berührende Geschichte von zwei Menschen, die nach Rettung suchen. (Quelle: Verlagsseite)

      Der Autor:
      Reinhard Kaiser-Mühlecker wurde 1982 in Kirchdorf an der Krems geboren und wuchs in Eberstalzell, Oberösterreich, auf. Er studierte Landwirtschaft, Geschichte und Internationale Entwicklung in Wien.
      Sein Debütroman ›Der lange Gang über die Stationen‹ erschien 2008, es folgten die Romane ›Magdalenaberg‹ (2009), ›Wiedersehen in Fiumicino‹ (2011), ›Roter Flieder‹ (2012) und ›Schwarzer Flieder‹ (2014) sowie ›Zeichnungen. Drei Erzählungen‹ (2015). Für sein Werk wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Preis der Jürgen-Ponto-Stiftung, dem Kunstpreis Berlin, dem Österreichischen Staatspreis und dem Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft. Zuletzt erschien der Roman ›Fremde Seele, dunkler Wald‹ (2016), der für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert wurde. (Quelle: Verlagsseite)

      Mein Eindruck:
      Die beiden Brüder Alexander und Jakob leben in einem kleinen Dorf in Oberösterreich auf einem Hof, gemeinsam mit den Eltern und den Großeltern. Alexander, der ursprünglich Priester werden wollte, hat sich umentschieden, sich als Soldat verpflichtet und zur Zeit bei einer Friedensmission im Kosovo tätig . Aufgrund einer Krankschreibung befindet er sich auf Heimatbesuch.
      Es ist zu Beginn des Romans 15-jährige Jakob, der sich um den Hof kümmert, da der Vater umtriebig ist und seltsamen Geldgeschäften nachgeht, die den Hof retten sollen. Diese Versuche scheitern und der Vater muss nach und nach immer mehr Land verkaufen.
      Alexander und Jakob sind beide Einzelgänger mit unterschiedlichen Charakteren; sie haben sich auseinandergelebt, können nichts mehr miteinander anfangen. Beide suchen ihren Platz im Leben, aber wissen nicht, wie und wo sie anfangen sollen.
      Alexander, der zuerst die Antwort in der Religion suchte, sie aber dort nicht gefunden hat, hoffte durch seine Arbeit bei der Friedensmission seinen familiären Banden entkommen zu sein. Doch er ahnt, dass auch diese Hoffnung vergeblich ist.
      Der eher introvertierte Jakob ist für sein Alter sehr ernst und still, den Menschen geht er aus dem Weg. Nur in Markus findet er einen Freund. Als Jakob dann Nina kennenlernt und diese anscheinend von ihm schwanger ist, ziehen sie zusammen und Jakob findet eine Arbeit. Er ergibt sich eher seinem Schicksal als dass es sein eigener, freier Wille ist.

      Reinhard Kaiser-Mühlecker schrieb:

      "Als wäre irgendwann eine Tür zugefallen, war es ihm, denn tief in sich hörte er bisweilen ein Geräusch wie einen Nachhall, sah aber nicht mehr, wo sich diese Tür befunden hatte; und es kam ihm vor, als streiche er immer nur – suchend, suchend – entlang an einer glatten, fugenlosen Mauer." (Buchzitat)
      Auf den ersten Blick mag die Geschichte emotionslos wirken, Kaiser-Mühlecker erzählt in verknappter Sprache in einem eher langsamen Tempo, doch das täuscht. Es brodelt im Innern, je mehr man sich mit der Geschichte auseinandersetzt. Der Roman wirkt wie aus der Zeit gefallen, eher etwas altmodisch, was aber sehr gut zum Inhalt passt und es entstehen starke Bilder und Stimmungen.
      Die Figuren lassen den Leser nicht allzu dicht an sich rankommen, schaut man nur oberflächlich hin.
      Kaiser-Mühlecker erzählt von Veränderungen, dem Verschwinden der landwirtschaftlichen Strukuren und den Menschen, die ihren Platz im Leben noch nicht gefunden haben.
      Das dem Roman vorangestellte Zitat von Iwan Turgenjew passt gut zum Inhalt und gibt dem Roman seinen Titel:
      "Du weißt ja, eine fremde Seele ist wie ein dunkler Wald." (Buchzitat)
      Jeder trägt die Vergangenheit in sich eingeschlossen wie die Seiten eines Buches, das er auswendig kennt und von dem seine Freunde nur den Titel lesen können. (Virginia Woolf)

      :montag: Sasha Marianna Salzmann - Außer sich








    • Zwei Brüder aus einem kleinen Dorf, der ältere hat es bereits vor einigen Jahren hinter sich gelassen, während der halb so alte 15jährige praktisch im Alleingang den Hof bewirtschaftet. Der Vater ist ständig unterwegs auf der Suche nach neuen lukrativen Geschäften, um seine Geldsorgen zu beenden. Stattdessen verkleinert sich der Hof jedoch nach jedem neuen Versuch, Hektar um Hektar. Und Jakob, dem Jüngeren, bleibt nichts Anderes, als zuzuschauen.
      Es ist ein ungemein trostloses Buch, das dem Landleben nichts Positives abgewinnt, zumindest was das Zwischenmenschliche anbelangt. Was die Menschen dort leisten müssen, ist harte Arbeit, die immer schlechter entlohnt wird. Höfe werden verkleinert, verkauft, Landwirte müssen aufgeben, das Leben scheint perspektivlos. Miteinander reden ist den Menschen dort nicht gegeben; wenn man redet, dann eher übereinander, ansonsten schweigt man sich an. Es gibt kein Gemeinschaftsgefühl füreinander, weder bei den Brüdern noch bei den anderen Personen in diesem Buch. Trotz Ehe und Freundschaften sind die Menschen einsam, eine gewisse Zusammengehörigkeit gibt es nur in einer außerkirchlichen Gruppe. Alexander und Jakob brauchen eine geraume Zeit, bis sie erkennen was ihnen fehlt und sie die Eigeninitiative ergreifen. Doch für Andere gibt es keine Rettung mehr.
      Alexander gelingt es durch den Besuch einer weiterführenden Schule (worum er sich selbst kümmern musste) dieser Einsamkeit zu entfliehen und landet nach einigen Umwegen bei der Bundeswehr. Und Jakob tritt fast exakt in die Fußspuren seines großen Bruders, ohne sich dessen jedoch bewusst zu sein, sodass zumindest zum Ende hin sich für beide so etwas wie ein Lichtblick zeigt.
      Doch warum sollte man so etwas lesen, was einem vermutlich keine allzu guten Gefühle bereitet, eher im Gegenteil? Weil Reinhard Kaiser-Mühlecker eine wirklich gute Sprache sein Eigen nennt. Es sind weniger einzelne Sätze, die herausragen, sodass sie das Zitieren wert sind, sondern die Beschreibungen der Gefühle und Gedanken seiner Protagonisten, die so echt sind, dass ich mir sicher bin, manche davon sehr gut zu kennen :wink: Wie Jakob in bestimmten Situationen ein unbändiger Zorn packt, den er jedoch nicht artikulieren kann und will. Wie Mutmaßungen und Interpretationen über andere Menschen angestellt werden, die durch ein Gespräch einfach klargestellt werden könnten. Wie Vermutungen fast Menschen zerstören, ohne dass diese sich wehren können. Es sind Situationen, die vermutlich jede/r kennt und wo ich mich immer wieder dabei erwischte, dass ich vor mich hinmurmelte: 'Jetzt redet doch miteinander!' Eine Aufforderung, die auch im wirklichen Leben beherzigt werden sollte :)
      :study: Das Floss der Medusa von Franzobel
      :musik: QUALITYLAND von Marc-Uwe Kling
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