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Juli Zeh - Unterleuten

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    Unterleuten

    von

    4.2|28)

    Verlag: btb Verlag

    Bindung: Taschenbuch

    Seitenzahl: 656


    ISBN: 9783442715732


    Termin: September 2017

    • Juli Zeh - Unterleuten

      Über die Autorin:
      Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, Jurastudium in Passau und Leipzig, Studium des Europa- und Völkerrechts, Promotion. Längere Aufenthalte in New York und Krakau. Parallel dazu Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig bis zum Jahr 2000.
      Schon ihr Debütroman „Adler und Engel” (2001) wurde zu einem Welterfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Rauriser Literaturpreis (2002), dem Hölderlin-Förderpreis (2003), dem Ernst-Toller-Preis (2003), dem Carl-Amery-Literaturpreis (2009), dem Thomas-Mann-Preis (2013) und dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015). Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit engagiert sich Juli Zeh auch politisch.
      (Quelle: Homepage der Autorin, Wikipedia)

      Buchinhalt:
      Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Wie das Dorf “Unterleuten” irgendwo in Brandenburg. Als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, brechen Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden. Denn da ist nicht nur der Gegensatz zwischen den neu zugezogenen Berliner Aussteigern, die mit großstädtischer Selbstgerechtigkeit und Arroganz und wenig Sensibilität in sämtliche Fettnäpfchen der Provinz treten. Da ist auch der nach wie vor untergründig schwelende Konflikt zwischen Wendegewinnern und Wendeverlierern. Kein Wunder, dass im Dorf schon bald die Hölle los ist …
      (Quelle: Homepage zum Roman)

      Der Roman umfasst 640 Seiten und ist unterteilt in sechs Teile, die wiederum in viele kleine Kapitel unterteilt sind. Kapitelüberschriften sind jeweils die Namen derjenigen Personen, aus deren Sicht das Kapitel die Geschehnisse im Dorf schildert. Zum Teil sind diese Kapitel sehr kurz und umfassen nur wenige Seiten.

      Meine Meinung:
      Ich finde es grad etwas schwierig, das Buch zu beurteilen. Gelesen habe ich es nicht ganz freiwillig, da sich mein Lesekreis 5:1 dafür als nächste Lektüre entschieden hat. Ratet, wer die eine Gegenstimme war. Nach meiner ersten Begegnung mit Juli Zeh und ihrem Roman „Spieltrieb“ vor vielen Jahren wollte ich eigentlich nie wieder ein Buch von ihr lesen, da ich die Geschichte einfach nur als ein fürchterliches, überzogenes, verquastes Machwerk empfinde. Vor 4 Jahren dann las ich „Nullzeit“ und das war schon besser. Bei „Unterleuten“ muss ich sagen, Juli Zeh hat sich schriftstellerisch wirklich entschieden weiterentwickelt, zumindest meiner persönlichen unmassgeblichen Meinung nach.

      Sie erschafft das Dorf Unterleuten (ein durchaus passendes Wortspiel) im Jahr 2010 mit all seinen unterschiedlichen Menschen in einer hervorragend dichten Art und Weise, so dass man – selbst ohne einen Blick auf die Homepage des Buches, die ich erst jetzt entdeckte – das Gefühl hat, mit den Menschen durch ihr Dorf und die Umgegend zu laufen. Da die Autorin seit 9 Jahren im Havelland lebt, hat sie wohl die Gegend und die Menschen dort ganz gut kennen gelernt und kann das sehr bildhaft transportieren ohne in den verquasten, überladenen Schreibstil von „Spieltrieb“ zu verfallen. Im Gegenteil, sie schreibt leicht und locker und sorgt dafür, dass man, ohne es zu merken, Seite um Seite liest, weil man wissen will wie es weitergeht mit diesem Konflikt, dessen eigentliche Gründe viele Jahre zurück in der Vergangenheit liegen. Die Menschen erscheinen bildhaft vor dem geistigen Auge, sie bekommen Gestalt und Gesicht und die Charaktere sind schnell eindeutig und erkennbar. Die Charaktere bestimmen dann auch den Verlauf der Geschichte, denn der von der Landesregierung geplante und geforderte Windpark ist nur der Auslöser, um alte und neue Wunden wieder aufbrechen zu lassen. Dazu gehört nicht viel, es hätte weniger gereicht, denn die Konflikte sind nie verschwunden, sondern nur notdürftig unter der Oberfläche versteckt, da diverse Charaktere der Alteingesessenen sie nie haben wirklich ruhen lassen.

      So weit, so gut – es hat schon wirklich Spaß gemacht, dieses Buch zu lesen. Doch jetzt kommt das Aber, denn leider konnte die Autorin ihrem Hang zum Überladen doch nicht so wirklich widerstehen. Hat sie diesen Hang sprachlich im Griff, so ist sie ihm leider bei der Zahl der Charaktere und den Klischees, die sie verkörpern, wieder verfallen. Wir finden
      Spoiler anzeigen

      - die Wessi-Heuschrecke, die einfach mal ganze Landstriche aufkauft, einfach weil sie es kann
      - den Wessi-Besserwisser, ein gescheiterter Uni-Professor, der sich jetzt im Naturschutz austobt, um ein paar seltene Vögel zu schützen und am Ende meint, das Spiel der Dorfbewohner mitspielen zu können mit fatalen Folgen
      - seine viel jüngere Frau, seine Ex-Studentin, frisch gebackene Mama, die jedes Klischee der hormongesteuerten Übermutter kurz nach der Geburt verkörpert
      - die zielstrebige, Erfolgs-orientierte und -indoktrinierte Wessi-Yuppie, die meint, ihren Willen immer durchsetzen und alle manipulieren zu können
      - ihren erfolglosen Freund, das Weichei, der alles tut um sie zu halten und doch nicht glücklich ist, da er auch immer die falsche Entscheidung trifft
      - den Wendegewinner, der dadurch auch nicht glücklicher wird, obwohl er die Macht im Dorf verkörpert, und am Ende ganz am Ende ist
      - seine angebliche Geliebte, kleinwüchsig und abergläubisch, die das Haus nicht mehr verlassen kann und dort messi-artig Katzen hortet
      - den Wendeverlierer, der doch gar nicht so viel verloren hat, aber das nicht begreift und das ewige Opfer verkörpert; er ist der Ewig-Gestrige mitsamt seinem Gefolge an Verlierern
      - seine Tochter, die sich nicht aus der Umklammerung des Dorfs und des Vaters befreien kann
      - ihren Mann, den erfolglosen Pseudo-Schriftsteller, der auf ihre Kosten lebt
      - das hysterische, verzogene Kind der beiden
      - den brutalen Schläger, der am Ende die Rechnung präsentiert bekommt


      Auch in weiteren Kleinigkeiten wie z.B. dem Ortsnamen Groß Väter für ein Nachbardorf zeigt sich dieses Zuviel. Es hätte eindeutig weniger gereicht, um die Geschichte genauso spannend zu erzählen. Und auch das Ende hat eindeutig zuviel Dramatik für meinen Geschmack und ich glaube nicht, dass die Autorin damit den Menschen in ihrer neuen Heimat wirklich gerecht wird oder gar einen Gefallen tut. Dieses Überladene an Klischees ist mir sofort ins Auge gefallen und hat mich durchgängig gestört – zwar nicht so sehr, dass es meinem gleichzeitigen Gefallen am Fortgang der Geschichte im Weg gestanden hätte, aber es ist der Grund dafür, warum ich dem Buch vier und nicht fünf Sterne gebe.

      Mein Fazit:
      Ein lesenswertes Buch, das sehr gut erzählt ist trotz der Überladenheit an Klischees. Es interessiert mich, wie jemand die Geschichte empfindet, der in der ländlichen DDR aufgewachsen ist und dort die Wende erlebt hat – wie stark verändert der eigene persönliche Hintergrund die Wahrnehmung von Juli Zehs Roman über die Bewohner eines nach der Wende abgehängten Dorfs.
      :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:
      viele Grüße vom Squirrel

      :study: Elizabeth Kostova - The Historian
      :study: Norman Davies - Verschwundene Reiche (Langzeit-MLR)
    • Danke, @Squirrel. Das Buch liegt seit meinem Geburtstag auf dem SuB, ein Geschenk von jemandem, der meinte, er müsse mir ein ganz neu herausgekommenes Buch schenken, denn "alle anderen hast du ja schon". :lol:
      Vielleicht sollte ich es nach oben legen. Also nicht ganz nach oben, denn da liegen 12 Bücher von meinem Beutezug in der Bücherei, aber so ein bisschen drunter.
      Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. (Oscar Wilde)

      Bücher sind auch Lebensmittel. (Martin Walser)
    • Marie schrieb:

      ein Geschenk von jemandem, der meinte, er müsse mir ein ganz neu herausgekommenes Buch schenken, denn "alle anderen hast du ja schon". :lol:
      so ganz Unrecht hat er mit dem Gedanken ja nicht :loool: immerhin hat er sich getraut, Dir ein Buch zu schenken :applause:

      Und ich bin gespannt auf Deine Meinung, wir sind uns ja nicht immer so einig :wink:
      viele Grüße vom Squirrel

      :study: Elizabeth Kostova - The Historian
      :study: Norman Davies - Verschwundene Reiche (Langzeit-MLR)
    • Hallo liebe Büchertreff-Gemeinde,

      nun endlich ist es soweit, dass ich meine erste Rezension hier ins Forum einstellen darf, nachdem ich gestern das Buch "Unterleuten" zu Ende gelesen habe.
      Zunächst möchte ich sagen, dass ich nicht nochmal eine allgemeine Inhaltsangabe über das Buch schreiben möchte, weil dieses durch Squirrel bereits ausreichend und sehr gut beschrieben wurde.

      Aufmerksam geworden auf das Buch bin ich durch die Sendung "Das literarische Quartett" im ZDF in welcher das Buch äußerst kontrovers diskutiert wurde und somit mein Interesse geweckt hat.

      Ich muss sagen, dass das Buch vor allem eines ist: SEHR UNTERHALTSAM!! Man würde neudeutsch auch "Lageturner" dazu sagen, was manchen vielleicht bei einem Heimatroman überraschen wird.
      Aber es ist ein Heimatroman mit einem gerade im ländlichen Gebiet aktuellen und heiß diskutierten Thema : "Windkraft". Es wird der komplette Mikrokosmos eines ländliche Dorfes beschrieben der, da ich selber in einem kleinen Nest wohne, durchaus (egal ob in Ost oder West) existieren kann.
      Man lernt verschiedene Charaktere und Figuren kennen mit all Ihren unterschiedlichen Eigenschaften, Vorlieben und Schwächen. Besonders pikant wird dies, da hier der "neue moderne Westen" auf den "nostalgischen Osten" trifft. Man kann sagen, es erfolgt eine gewisse Kollision der Kulturen.
      Ohne das in den ersten 500 Seiten eine enorme Action etc. stattfindet, kann man trotzdem nicht aufhören zu lesen, da die Geschichte einen von Anfang an fesselt.
      Zu Anfangs hatte ich Bedenken, dass mich die vielen vorkommenden Figuren verwirren etc. könnten, was aber nicht der Fall ist, da das Buch von der Autorin hervorragend strukturiert wurde. Das Buch ist ebenfalls sehr verständlich sowie leicht ironisch beschrieben und hängt sich nicht an Einzelheiten bzgl. Beschreibungen etc. auf.
      Ein kleiner Kritikpunkt meiner Seite aus besteht am Ende des Buches: Die vielleicht nicht ganz überraschende Wende zum Ende des Buches hätte meiner Meinung nach nicht so dramatisch ausfallen müssen, da dass Buch auch ohne diese Dramatik sehr gelungen ist.
      Interessant sind auch diverse "Nebenschauplätze" die die Autorin angelegt hat : U.a. gibt es richtige Facebook-Profile einzelner Romanfiguren sowie sehr gut gestaltete Homepages der örtlichen Kneipe sowie des Vogelschutzbundes wo man sogar T-Shirts und ähnliches erwerben kann. Wenn denn dies so beabsichtigt war, ist es der Autorin neben der Niederschrift eines guten Buches gelungen, die Grenzen zwischen Fiktion und Realität zu verwischen.

      Deshalb von meiner Seite eine absolute Lese-Empfehlung in Höhe von : :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:

      Ich hoffe ich konnte in manchem die Lust zum Lesen wecken und wünsche allen viel Spass bei "Unterleuten"!

      Viele liebe Grüße!

      Euer Oscar
    • Wenn in Unterleuten, einem kleinen Dorf in Brandenburg, überwiegend Kopien der eigenen Person leben würden, dann, ja dann wäre das Leben dort vermutlich sehr idyllisch und harmonisch. So aber treffen Menschen aufeinander, von denen sich jede/r im Besitz der alleinglückseligmachenden Wahrheit meint, während der Rest nur Stuß verzapft. Darüberhinaus pflegen praktisch Alle ihre Vermutungen und Erwartungen über die Anderen, die im seltensten Fall positiv sind. Jede/r traut jeder/m das Schlechteste zu und fast wie eine Art selbsterfüllender Prophezeiung geschehen Dinge, die die eigene Meinung noch bestätigen. Statt miteinander wird mehr übereinander geredet und so verbreiten sich Mutmaßungen und Argwohn in Windesweile im Dorf. Stadtbewohner (junge Frau, alter Mann) gegen grobschlächtigen Einheimischen - die Frau nennt diesen nur 'das Tier'. Naturschützer gegen Unternehmen - man schreibt Briefe. Kommunist gegen Kapitalist - eine Feindschaft, die keinerlei sachliche Grundlage hat. Ehemann gegen Ehefrau in unterschiedlichen Konstellationen - Erwartungen und Vermutungen werden nicht ausgesprochen, stattdessen schweigt man bis zum bitteren Ende. Als dann im Dorf ein Streit über die Errichtung eines Windparks beginnt, werden diese Beziehungsgeflechte auf's Äußerste strapaziert, wobei die alten Konflikte mit einer ungeheuren Heftigkeit wieder aufbrechen und die NeubürgerInnen direkt miteinbeziehen.
      Obwohl das Buch mehr als 600 Seiten hat, lässt es sich weglesen wie ein Unterhaltungsroman. Die Figuren, die erst recht klischeehaft daherkommen, entwickeln sich ziemlich schnell zu eigenständigen Persönlichkeiten, sodass von der ursprünglichen Schablonenhaftigkeit nicht mehr viel bleibt. Gombrowski beispielsweise, der massige, ungeschlachte und auch brutale Wendegewinner hat eine überaus sensible Seite, von der aber nur die Wenigsten wissen - was ihn dennoch nicht von seinem Verhalten Anderen gegenüber freispricht. Schaller, sein ehemaliger Angestellter und Handlanger ist ähnlich ungeschlacht, wenn auch nicht so schlau wie dieser. Sein Schicksal ist derart unvorstellbar, dass ich mehr Mitgefühl als alles andere für ihn empfand. Und so ist es bei fast allen Figuren in diesem Roman, so eindimensional zu Beginn sie auch daherkommen mögen: Jeder/r von ihnen hat eine Geschichte, die sich zu erzählen lohnt. Von Juli Zeh habe ich kürzlich in einem Interview gelesen, dass Jonathan Franzen einer ihrer Lieblingsschriftsteller ist. "Mit seinem Roman 'Freiheit' kam ich mir wieder vor wie als Kind, als ich mit der Taschenlampe unter der Decke Seite um Seite verschlungen und alles andere vergessen habe. Es gibt nicht viele, die es beherrschen, so realistisch zu erzählen, ohne dass es dröge wird. Franzen schafft es, die Welt in der wir leben, anschaulich zu machen." Liebe Juli Zeh, Sie schaffen das auch! Danke dafür!
      :study: Evangelio von Feridun Zaimoglu
      :musik: QUALITYLAND von Marc-Uwe Kling
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