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Umberto Eco - Das Foucaultsche Pendel

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    • Chochmah 6

      Es ist mir bisher noch nie bei einem Buch passiert, dass ich eine halbe Stunde nach der Lektüre schon nicht mehr genau wusste, was ich eigentlich gelesen hatte. Vielleicht brauche ich allmählich Bücher mit einem stärkeren Handlungsfaden, denn hier entdecke ich noch keinen. :roll:

      Auch mit der Zeitenfolge komme ich nicht klar. Steht Casaubon nicht im Periskop, während er sich erinnert? Warum heißt es da "Vorgestern abend im Periskop"? :scratch:

      Ich würde mich freuen, wenn Eco endlich mal auf den Punkt käme und sich nicht laufend in Andeutungen und merkwürdigen Anspielungen auf Dinge, die der Leser noch nicht wissen kann, ergeht.
      Es dauert verdammt lange, mit dem Buch warm zu werden. Bisher habe ich es noch nicht geschafft.
      Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. (Oscar Wilde)

      Bücher sind auch Lebensmittel. (Martin Walser)
    • Marie schrieb:

      Auch mit der Zeitenfolge komme ich nicht klar. Steht Casaubon nicht im Periskop, während er sich erinnert? Warum heißt es da "Vorgestern abend im Periskop"?
      Meiner Meinung nach, denn wir wissen noch gar nicht genau wieso es zu dieser Situation in welcher sich Casaubon im Moment befindet gekommen ist, besteht der Aufbau der Geschichte aus Zeitsprüngen, welche sich wie ein Labyrinth lesen – was sicher im weiteren Verlauf des Lesen zu Klarheit führen wird.

      Umberto Eco schrieb:

      Seite 20
      Oder ich wäre nicht hier, wie ich es nun bin, einsam auf diesem Hügel, während drunten im Tal die Hunde bellen, allein mit der Frage, ob dies wirklich das Ende war, oder ob das Ende noch kommen muß.

      Uberto Eco schrieb:

      Seite 29
      Jetzt und hier, wie vorgestern abend im Periskop, ziehe ich mich zusammen, kontrahiere mich zu einem fernen Punkt des Geistes, um eine Geschichte herauszupressen.
      Das Bewußtsein, vor dem Schlafengehen gute Lektüre zu haben, ist eines der angenehmsten Gefühle, die ich kenne.
      peter e. schumacher (1941 - 2013), Aphorismensammler und Publizist
    • serjena schrieb:

      Meiner Meinung nach, denn wir wissen noch gar nicht genau wieso es zu dieser Situation in welcher sich Casaubon im Moment befindet gekommen ist, besteht der Aufbau der Geschichte aus Zeitsprüngen, welche sich wie ein Labyrinth lesen – was sicher im weiteren Verlauf des Lesen zu Klarheit führen wird.
      So sehe ich das auch. Die Rekonstruktion der Ereignisse die Casaubon nun vornimmt kann ja eigentlich nur chronologisch sein, weil er die Entwicklung der Freundschaft
      der drei Protagonisten und die Entwicklung der Idee, des Spieles erzählen will. Ich fand die Zeitsprünge und diese Fahrt durchs Labyrinth bisher noch nicht so wild. Gut,
      das wirft so einige Fragen auf, aber ich denke, die Geschichte geht jetzt erst richtig los und wir bekommen ein paar Antworten.
      Achte auf die Stille und bewahre sie, denn sie bringt alle Träume des Menschen

      :study: Norman Davies - Verschwundene Reiche (MLR)
      :study: John Burnside - Ashland & Vine (MLR)
    • serjena schrieb:

      was sicher im weiteren Verlauf des Lesen zu Klarheit führen wird

      taliesin schrieb:

      wir bekommen ein paar Antworten
      Euer Wort in Ecos Ohr. :| Ich befürchte, dass es noch komplizierter wird.

      Weiß einer von euch denn, wo Casaubon sich gerade befindet? Bisher nahm ich an, er säße im Periskop, wie es in Kether 1 beschrieben ist. Doch da ist er nicht mehr, s. Zitat oben. Habe ich etwa überlesen, dass er herausgekommen und wohin er gegangen ist?
      Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. (Oscar Wilde)

      Bücher sind auch Lebensmittel. (Martin Walser)
    • Marie schrieb:

      Weiß einer von euch denn, wo Casaubon sich gerade befindet? Bisher nahm ich an, er säße im Periskop, wie es in Kether 1 beschrieben ist. Doch da ist er nicht mehr, s. Zitat oben. Habe ich etwa überlesen, dass er herausgekommen und wohin er gegangen ist?
      Es mag verwirrend klingen, deine Frage lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantworten ohne den Geschehnissen vorzugreifen. Jedoch nun bei Binah beginnt die eigentliche Geschichte welche vieles klären wird.
      Das Bewußtsein, vor dem Schlafengehen gute Lektüre zu haben, ist eines der angenehmsten Gefühle, die ich kenne.
      peter e. schumacher (1941 - 2013), Aphorismensammler und Publizist
    • taliesin schrieb:

      Marie schrieb:

      Muss man sich darüber Gedanken machen?
      Sicher nicht, und wie wir in Chochmah 6 erfahren, hat die ganze kabbalistische Untersuchung Casaubons rein gar nichts ans Licht befördert. In diesem sechstenAbschnitt erfreut uns Eco auch mit der Erwähnung der Atabaques, einer Trommel die für die Rituale der brasilianischen Religion des Candomble genutzt wird.
      Macht auch nicht viel Sinn und ist ein weiteres Bruchstück dessen Verbindung zur Geschichte eher zweifelhaft ist.
      Wie du schon schreibst @Marie , Herr Eco zeigt gerne, dass er auf allen Gebieten etwas Tolles weiß. :roll:
      Bevor ich Binah in Angriff nehme noch einige Gedanken zu diesem Kapitel indem Casaubon versucht das Password zu ergründen und wir als Leser Wort für Wort diesen "langatmigen" (sorry) Textes lesen, in der Hoffnung er würde uns etwas Erleuchtendes mitteilen. Dabei wurde man doch gewarnt,

      Umberto Eco schrieb:

      Seite 48
      Es ist der Prozeß, die Treue, mit der du die Mühle des Gebets und der Schrift in alle Ewigkeit drehst, um die Wahrheit Stück für Stück zu entdecken. Wenn dir diese Maschine die Wahrheit sofort sagen würde, würdest du sie nicht erkennen, denn dein Herz wäre nicht durch langes Suchen und Fragen gereinigt worden.
      Die Dialoge auf den Seiten 47 bis 50 sind insgesamt stark geprägt von Einwürfen aus der Kabbala.
      Das Bewußtsein, vor dem Schlafengehen gute Lektüre zu haben, ist eines der angenehmsten Gefühle, die ich kenne.
      peter e. schumacher (1941 - 2013), Aphorismensammler und Publizist
    • Ich möchte mich hier auch mal wieder melden - ich lese natürlich noch brav mit :winken:

      Marie schrieb:

      Unzweifelhaft war Eco ein Universalgelehrter. Das teilte er seinen Lesern gern indirekt durch seine Bücher mit.
      Stimmt, ist mir hier aber nicht allzu sympathisch. Universalgelehrter hin oder her - dieses "name-dropping", Aufzählen und Anspielungen von x Namen und Gruppierungen, die aus meiner Sicht nur teilweise zur Allgemeinbildung gehören, und die dann (zumindest bislang) keinerlei Einfluss auf den weiteren Verlauf der Geschichte haben... na das ist ein wenig anstregend, wenn nicht sogar nervig. Was bildet sich der Autor eigentlich ein. :wink: Nett, wenn man Anspielungen während des Lesens gleich erkennt (aha = hier erkennt der schlaue Leser "Insiderwitze"), aber ich habe es aufgegeben alle Namen und Fremdwörter zu googeln. Kabbala okay - nicht mein Thema, aber sicherlich noch relevant für die Geschichte, aber über so einige Namen lese ich drüber hinweg.

      Marie schrieb:

      Ich würde mich freuen, wenn Eco endlich mal auf den Punkt käme
      Ja ich auch! Allerdings sind 70 Seiten bei einem 850 Seiten Buch auch erst der Anfang. Wir müssen wohl noch Geduld haben...

      Marie schrieb:

      Vielleicht brauche ich allmählich Bücher mit einem stärkeren Handlungsfaden, denn hier entdecke ich noch keinen
      Mit den Zeitsprüngen komme ich noch ganz gut klar (denke ich). Klar ist es beim Lesen einfacher, wenn man eine Geschichte chronologisch erfährt, aber solange später alle Fäden zusammenlaufen, ist ja auch gut (und dann freut man sich umso mehr).
      Bei Bleak House erging es mir ähnlich. Da gab es zwar keine Zeitsprünge, aber auf den ersten 200 Seiten wurden ständig neue Charaktere eingeführt, neue Handlungsfäden begonnen, und deren Zusammenhang war dann erst im letzten Drittel klar. Man muss halt Vertrauen zum Autor haben 8)

      Ansonsten helfen mir die kurzen Kapitel sehr. Wenn ich jeden Tag 30-50 Seiten über Geheimbünde und sowas lesen müsste, dann hätte ich mehr Mühe mit langatmigen Passagen (Aufzählung im Museum, Passwortsuche,...)
      :study: Halldór Gudmundsson - Halldór Laxness (191/864)
      :study: Thomas Lehr - 42 (35/304)
      Letzter Neuzugang am 20. Oktober: Vladimir Sorokin - Der Schneesturm
    • Nungesser schrieb:

      aber ich habe es aufgegeben alle Namen und Fremdwörter zu googeln.
      Das ist fast ein Ding der Unmöglichkeit alles zu "googeln", ausser man beschäftig sich weniger mit dem lesen und mehr mit Recherchen.
      Ich habe es mit einigen Wörtern gemacht, einfach um zu erfahren wie bunt es Herr Eco mit seiner Fabulierlust treibt.
      Bengodi Seite 21
      „Land des Überflusses – Schlaraffenland ist ein fiktiver Ort beschrieben von Giovanni Boccaccio in der Novelle Decameron Achter Tag – Dritte Geschichte
      Madurodam Seite 21
      Madurodam ist ein Miniaturpark, der die berühmtesten Bauwerke und Sehenswürdigkeiten Hollands im Format 1:25 ausstellt.
      in alten Maeren wunders viel geseit Seite 37
      Nibelungenlied
      Notarikon , Gematrie, Temurah, Seite 43 wobei jeweils der Hinweis auf die Kabbala erfolgt
      (Hier bin ich jedoch nicht sicher ob diese Aussagen noch eine Bedeutung erfahren werden)
      Das Bewußtsein, vor dem Schlafengehen gute Lektüre zu haben, ist eines der angenehmsten Gefühle, die ich kenne.
      peter e. schumacher (1941 - 2013), Aphorismensammler und Publizist
    • Da ich endgültig genug hatte mit den Überlegungen wo befindet sich den nun Casaubon –im Periskop – einsam auf dem Hügel, – im Wohnzimmer von Onkel Carlo – (habe ich hier etwas überlesen, denn wie man nur durch „googeln“ erfährt, ist dies das Landhaus welches Belbo erbte)

      Umberto Eco schrieb:

      Seite 61
      drüben hinter dem Bricco. (Bricco-Krug) Das große Haus ist erfüllt von seltsamem Knacken und Knistern - vielleicht Holzwürmer, Mäuse, oder das Gespenst von Adelino Canepa... Ich wage nicht, durch den Flur zu gehen, ich sitze im Arbeitszimmer von Onkel Carlo und schaue zum Fenster hinaus.
      oder was bedeutet dieses Amor Fati in diesem Zusammenhang (ist es ein Rätsel dass man versuchen sollte zu lösen, oder nicht von Belang?) habe ich die ersten Seiten von Binah gelesen.
      Dabei erfahre ich was Casaubon begann zu studieren, wie es dazu kam die Dissertation über „Templer Prozesse“ zu schreiben.

      Umberto Eco liebt es auch hier mit autobiografischen Texten sein Leben in subtiler Form zu präsentieren, denn seine Vorliebe für Comics war bekannt.

      Umberto Eco schrieb:

      Seite 65
      Als ich zwölf Jahre alt war, wollte ich, dass meine Eltern mir ein bestimmtes Wochenblatt abonnierten, das die Meisterwerke der Literatur in Comic - Form präsentierte.
      Was mir etwas „sauer“ aufstiess“, mag sein dass Casaubon ein sehr kluger Kopf ist und dies schon im Kindesalter bewies, jedoch ist er zugleich ein „von sich eingenommener Snob.
      Es sind die unruhigen Zeiten der 68 Jahren in welchen die grossen Studentenbewegungen stattfanden. In Italien begann der Aufstand gegen die Lehrinhalte an den Universitäten welche noch faschistisch geprägt waren. Er beteiligt sich zwar an den Demonstrationen, jedoch nicht aus einer Ideologie heraus mehr „ein Mitläufer, mehr nicht“

      Umberto Eco schrieb:

      Seite 67
      …ich fand es ehrenhaft, an den Versammlungen und Demonstrationen teilzunehmen, ich schrie im Chor mit den andern: »Faschisten,

      Bürgerschweine, bald machen wir euch Beine!«, ich warf keine Steine und schleuderte keine Stahlkugeln, weil ich immer Angst hatte, dass die andern mit mir machen würden, was ich mit ihnen machte, aber ich empfand eine Art von moralischem Hochgefühl, wenn ich durch die Gassen der Innenstadt vor der Polizei davonlief. Ich kam nach Hause mit dem Gefühl, eine Pflicht getan zu haben.
      Dies passt so gar nicht zu Umberto Eco, denn er war bekannt für seine klare politische Position wobei er keine Konfrontation scheute. Somit weiss ich im Moment nicht was von Casaubon zu halten ist.

      In der Bar Pilade - ( Pylades ist in der griechischen Mythologie der Sohn des Königs Strophios von Phokis und der Anaxibia, der Schwester des Agamemnon) treffen sich Casaubon und Belbo Ende 1972 zum ersten Mal und kommen miteinander ins Gespräch.
      Da nun die Templer ein ernsthaftes Thema zu werden scheinen, lohnt es sich allenfalls sich mit etwas Hintergrundwissen auszustatten oder man verlässt sich auf das was Herr Eco schreiben wird.
      Völlig unklar ist mir bis jetzt ob man den weiteren Namen welche im Verlauf der Geschichte auftauchen eine wichtige Bedeutung zuordnen muss und einer Überprüfung wert ist
      Lia
      Lorenza Pellegrini - Sophia
      Gudrun
      Das Bewußtsein, vor dem Schlafengehen gute Lektüre zu haben, ist eines der angenehmsten Gefühle, die ich kenne.
      peter e. schumacher (1941 - 2013), Aphorismensammler und Publizist
    • 3 Binah 7

      Endlich kommt ein bisschen Fleisch an das Skelett der puren Imagination und der Mentalgimmicks (ha, ich kanns auch :dance: ) .

      Die Studienjahre der 68er und ihrer Kommilitonen in der Folgezeit - die Zeit wird konkret und die Person Casaubon fassbarer. Er schien während seiner Studienzeit das gewesen zu sein, was man hierzulande einen „Radieschenrevoluzzer“ nannte: Außen rot, innen weiß.

      Er bemüht sich um Angepasstheit, revoltiert dort, wo seien Kommilitonen es erwarten, und weil Karl Marx es „mit seiner Jenny fröhlich getrieben hat“. Er tut seine revolutionäre Pflicht, verhält sich, wie viele Studenten der nach-68er-Ära: Hier die Revolution, dort das Studium mit fleißiger Geistesarbeit für die persönliche Zukunft.
      So führt sein Studium ihn zu den Templern und damit zu den anscheinend zentralen Themen des Buches.

      Casaubon studiert Philologie wie Eco selbst auch. Ob er, was die revolutionären Ideen anging, auf derselben Schiene fuhr wie seine Romanfigur, konnte ich nirgends finden.
      Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. (Oscar Wilde)

      Bücher sind auch Lebensmittel. (Martin Walser)
    • serjena schrieb:

      Da nun die Templer ein ernsthaftes Thema zu werden scheinen, lohnt es sich allenfalls sich mit etwas Hintergrundwissen auszustatten oder man verlässt sich auf das was Herr Eco schreiben wird.
      Das stimmt, ein wenig Grundwissen über die Geschichte der Templer hilft hier, allerdings wäre ich sehr vorsichtig, alles was Herr Eco schreibt, als gegeben hinzunehmen,
      denn Eco tendiert zuweilen dazu bestimmte Informationen einseitig darzustellen um seine Einstellung zu den Geschehnissen durchzusetzen.
      Ich will da jetzt nicht vorgreifen, aber ein wenig Recherche lässt die Dinge manchmal in einem möglichen anderen Licht erscheinen.
      Er erwähnt ja auch kurz den Herrn Aleister Crowley und den als angeblich perversesten Menschen der Geschichte darzustellen ist schon sehr fragwürdig.
      Achte auf die Stille und bewahre sie, denn sie bringt alle Träume des Menschen

      :study: Norman Davies - Verschwundene Reiche (MLR)
      :study: John Burnside - Ashland & Vine (MLR)
    • @ alle, es würde mir helfen, wenn ihr jeweils das Kapitel dazuschreibt, auf welches euer Beitrag sich bezieht. Ich blättere ständig wie blöd, um die Stellen zu finden; Seitenzahlen helfen nur bedingt, weil wir verschiedene Ausgaben lesen. Danke. :friends:
      Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. (Oscar Wilde)

      Bücher sind auch Lebensmittel. (Martin Walser)
    • Marie schrieb:

      @ alle, es würde mir helfen, wenn ihr jeweils das Kapitel dazuschreibt, auf welches euer Beitrag sich bezieht. Ich blättere ständig wie blöd, um die Stellen zu finden; Seitenzahlen helfen nur bedingt, weil wir verschiedene Ausgaben lesen. Danke. :friends:
      Sorry :uups: habe ich nicht daran gedacht, soll ich etwas nachholen oder hat es sich nun erübrigt.? Werde selbstverständlich dies jeweil machen. O:-)
      Das Bewußtsein, vor dem Schlafengehen gute Lektüre zu haben, ist eines der angenehmsten Gefühle, die ich kenne.
      peter e. schumacher (1941 - 2013), Aphorismensammler und Publizist
    • Marie schrieb:

      Casaubon studiert Philologie wie Eco selbst auch. Ob er, was die revolutionären Ideen anging, auf derselben Schiene fuhr wie seine Romanfigur, konnte ich nirgends finden.
      Solltest du damit wie in Binah 7 die Zeiten in denen Casaubon studierte ansprechen, kann ich dir aus der Biografie Umberto Ecos (geschrieben von Michael Nerlich) weiter helfen. Zum Verständniss des folgenden Zitates sollte man folgendes kurz anlesen Gruppe 63
      Zwar habe es auch in der Gruppe 63 etwas gegeben, was in kleineren Dimensionen die Prostestbewegung von Achtundsechzig antizipierte, schreibt Eco, reduziert dies aber vor allem auf eine neue Umgangsform und ein freies Reden jenseits Rituale, obschon man wohl auch die Ablehnung der bürgerlichen Kultur dazu rechnen müsste,.....

      Aber die Mitglieder der Gruppe 63 sind in der Tat im Unterschied zu den Achtundsechziger keine Jugendlichen, die auf ihre Eingliederung in den Produktionskreislauf warteteten oder sich der Integration zu verweigern suchten, wie Eco schreibt, sondern beruflich erfolgreiche Intellektuelle und verhalten sich, als die Studentenbewegung aufkam, insgesamt eher widersprüchlich und (...)fragend.
      Casaubon schreibt in Binah 7 erster Abschnitt

      Umberto Eco schrieb:

      Andererseits überzeugte mich später Jacopo Belbo, der mindestens fünfzehn Jahre älter als ich war, daß jede Generation diesen Eindruck hat...
      Somit würde ich rein rechnerisch schätzen dass man Umberto Eco nicht nur mit Casaubon vegleichen kann der 1970 mit seinen Studien begann, eher dem Alter von Belbo entspricht, (wenn wir in diesem Roman autobiografische Bezüge herstellen möchte) (vielleicht wird das im Buch schon früher ersichtlich?, ich weiss es einfach nicht)
      Ich denke aus jedem dieser Herren welche die Geschichte prägen wird man etwas "Eco" harauslesen können.
      Das Bewußtsein, vor dem Schlafengehen gute Lektüre zu haben, ist eines der angenehmsten Gefühle, die ich kenne.
      peter e. schumacher (1941 - 2013), Aphorismensammler und Publizist
    • Zuerst mal Entschuldigung - ich hatte mein Buch leider woanders als zu Hause liegen gelassen (ich dachte schon, ich hätte es verloren), habe es aber gestern abholen können. Jetzt muss ich mich aber sputen, um wieder in die Geschichte hineinzukommen.

      Zu Kapitel 5 (S. 44 bis 54)

      Marie schrieb:

      Doch zuerst betrachtet er ein Bild an der Wand mit allen Einzelheiten. Und es hat viele Einzelheiten.

      Ich wollte sehen, ob Eco es erfunden hat oder ob es tatsächlich existiert. Es existiert und zwar dürfte es dieses sein.
      Hey Danke für den Link. Es hatte mich immer schon interessiert, wie das Bild denn tatsächlich aussehen würde.

      taliesin schrieb:

      Das mag ER witzig finden, ich finde es nervig und überlege mir, wie man auf die Idee kommen kann, dem Unfassbaren unbedingt einen Namen geben zu müssen.
      Damit es zum Fassbaren wird und somit sein Geheimnis verliert?
      Da gebe ich Dir recht. Ich halte es auch für äußerst naiv, zu glauben, dass wir mit unserem limitierten Hirnchen eine Schöpfergröße begreifen könnten, die die komplexen Funkionsweisen in der Astrophysik, in der Quantenmechanik etc. konzipiert hat. Wir schaffen es nicht einmal, ein einigeraßen komplexes Ökosystem wie den Wald richtig zu durchschauen, oder die Funktionsweise unseres Gehirns. Aber man sehe sich doch mal an, wie viele Wellen der Esoterik und wie viele "große Religionen" es gibt, die mit völlig unzureichenden, aber dafür klotzig simplen Antworten vorgeben, den Schöpfergedanken angeblich zu verstehen, zumindest so gut zu verstehen, dass sie das Recht besäßen, allen anderen etwas zu indoktrinieren und über sie zu herrschen.
      Immerhin scheinen wenigstens die meisten Physiker und Chemiker zu wissen, dass sie mit jeder Beantwortung einer Frage auf etliche neue Fragen stoßen. Denn im Grunde bedeuten auch diese Wissenschaften die Such nach dem "einen, großen Zusammenhang" (m.E. hat Hawking mit seiner "Big Bang Theory" ganz schön herumgetrickst, ich kann diese Theorie umso weniger ernst nehmen, je länger ich sie kenne).

      taliesin schrieb:

      Was für eine Mixtur! Das spiegelt doch Ecos Vorgehensweise in den ersten Kapiteln sehr schön wider.
      Ja, man bekommt quer durch die Bank die abstrusesten Wissensbröckchen "hingeworfen", wie Ihr bereits alle gepostet habt, und man fragt sich, was man damit machen soll? Muss man diese oder jene Info mit der oder der nächsten in Verbindung bringen, auf dass sich in einer bestimmten Reihenfolge eine gewisse Logik und damit eine gewisse "Wahrheit" offenbart? Versucht, Eco nicht, den Leser genau auf solche syllogistischen (Ab-)Wege zu führen, ähnlich derer, denen seine Protagonisten zu verfallen scheinen?

      Marie schrieb:

      Ich quetsche nicht auf Teufel-komm-raus mein Gehirn aus, nur um eine Interpretation zu suchen, wo es vielleicht nichts zu interpretieren gibt.

      Hirilvorgul schrieb:

      Ich hab mich vor allem gefragt, wie man auf die Idee kommt, ausgerechnet eine Permutation des Namens Gottes als Passwort verwenden zu wollen. Ich glaube, die sind beim Spinnen ihres Großen Plans alle ziemlich von der Realität weggedriftet
      Das sehe ich auch so - Eco will doch nur, dass wir uns aufs Mitspinnen einlassen, so wie er mich z.B. schon dazu verführt hatte, eine Judenverfolgungtheorie zusammenzubasteln zu wollen.
      Aber witzig fand ich es eigentlich doch zu lesen, wie Diotallevi und Belbo sich über n! (n-Fakultäten) ausgelassen haben, um den "wahren Namen Gottes" zu finden. warum sollte man ausgerechnet in einer Buchstabenkombination in einer von Menschen geschaffenen Sprache eine Wahrheit Gottes finden können? Wo ist da denn der Sinn? Noch dazu, wenn die beiden am Ende von S. 49 zur Einsicht kommen, dass man zu keiner Einsicht gelangen wird:

      Umberto Eco schrieb:

      " ... Denn selbst wenn die Kombinatorik ganz ausgeschöpft wäre, müsste das Ergebnis geheim bleiben. und in jedem Fall hätte das Universum dann seinen Zyklus beendet - und wir würden bewusstlos zerstrahlen im Glanze des großen Metatron."
      "Amen", sagte Jacopo Belbo.
      Irgendwo finde ich genau solche Aussagen total witzig, wenn ich ehrlich sein soll: nicht nur die Tatsache, dass sich die gedanklichen Wirrnisse von selbst als unfruchtbare Wirrnisse entlarven, nein, auch die abstruse Wortwahl lässt mich immer wieder vor mich hin grinsen. Ich halte das schriftstellerisch für total gut gemacht!

      Die Theorie mit den ganzen Permtationen erinnern mich auch irgendwie an Jorge Luis Borges "Die Bibliiothek von Babel"; Eco selbst scheint ja auch ein Borges-Fan zu sein, denn irgendwo habe ich mal gelesen, dass ihn diese Kurzgeschichte auch irgendwie zur Bibliothek in "Der Name der Rose" inspiriert hhaben soll.
      » Unexpected intrusions of beauty. This is what life is. «

      Saul Bellow, (1915-2005 ), U.S. author,
      in Herzog
    • Zu Teil 2 Chochmah, Kapitel 6 (S. 55 bis 58):

      taliesin schrieb:

      Nun hat er die Dateien von Belbo, konzentriert sich aber ausschließlich auf eine Datei die nur aus Zitaten besteht, die sich auf Belbos letzte Lektüre beziehen.
      Irgendwie habe ich den Eindruck, dass Inhalte des Romans sich auf einer Metaebene widerspiegeln sollen, sei es in der Struktur oder sogar teilweise im geiste bzw. in der Form des Denkens im Leser: z.B. finden wir genau 120 Zitate, die den genau 120 Kapiteln im "Foucaultschen Pendel" vorangestellt werden. Das könnte von Bedeutung sein, kann aber auch Zufall sein - oder, wie Eco es seinen Casaubon auf S. 56 formulieren lässt:

      Umberto Eco schrieb:

      Die Zahl war kein Zufall, und wenn doch, war die Koinzidenz beunruhigend.



      serjena schrieb:

      Marie schrieb:

      Auch mit der Zeitenfolge komme ich nicht klar. Steht Casaubon nicht im Periskop, während er sich erinnert? Warum heißt es da "Vorgestern abend im Periskop"?
      Meiner Meinung nach, denn wir wissen noch gar nicht genau wieso es zu dieser Situation in welcher sich Casaubon im Moment befindet gekommen ist, besteht der Aufbau der Geschichte aus Zeitsprüngen, welche sich wie ein Labyrinth lesen
      Seltsam, dass Du den Begriff Labyrinth verwendest, @serjena, denn Labyrinthe sind in den Kurzgeschichten von Borges sehr oft als zentrales Element zu finden, und auch "Die Bibliothek von Babel" besteht im Grunde als unendliches Labyrinth.

      serjena schrieb:

      Umberto Eco schrieb:

      Seite 29
      Jetzt und hier, wie vorgestern abend im Periskop, ziehe ich mich zusammen, kontrahiere mich zu einem fernen Punkt des Geistes, um eine Geschichte herauszupressen.

      Zwar kann ich auf der Seite 29 meiner Ausgabe (=erste Seite von Kapitel 3) das von Dir gepostete Zitat nicht finden, aber es ist gut, dass Ihr zwei, @Marie und @serjena, damit nochmal ins Gedächtnis ruft, dass Casaubon ja irgendwo in Kapitel 3 (?) bereits erwähnte, dass allesschon vorbei sei, zumindest glaubt Casaubon, dass das, was er erlebt hat, bereits das Ende gewesen sei, d.h. wir bekommen reine Rückblende serviert, und Casaubon scheint sich mittlerweile in Sicherheit zu befinden, wie @serjena in ihren Zitaten belegt hat.


      Teil 3 Binah, Kapitel 7 (S. 61 bis 65):

      serjena schrieb:

      Was mir etwas „sauer“ aufstiess“, mag sein dass Casaubon ein sehr kluger Kopf ist und dies schon im Kindesalter bewies, jedoch ist er zugleich ein „von sich eingenommener Snob.
      Es sind die unruhigen Zeiten der 68 Jahren in welchen die grossen Studentenbewegungen stattfanden. In Italien begann der Aufstand gegen die Lehrinhalte an den Universitäten welche noch faschistisch geprägt waren. Er beteiligt sich zwar an den Demonstrationen, jedoch nicht aus einer Ideologie heraus mehr „ein Mitläufer, mehr nicht“

      Marie schrieb:

      Er bemüht sich um Angepasstheit, revoltiert dort, wo seien Kommilitonen es erwarten, und weil Karl Marx es „mit seiner Jenny fröhlich getrieben hat“. Er tut seine revolutionäre Pflicht, verhält sich, wie viele Studenten der nach-68er-Ära: Hier die Revolution, dort das Studium mit fleißiger Geistesarbeit für die persönliche Zukunft.
      Das habe ich mir vorhin auch aufnotiert beim Lesen, dass sich Casaubon der 68er Bewegung quasi verpflichtet gefühlt, aber die Euphorie für eine Diktatur des Proletariats nicht verinnerlicht hat und meint, sich hinterher mit seinem Philologie-Studium dann allen anderen gegenüber hierarchisch besser stellen zu können, wie man auf S. 64 unten lesen kann:

      Umberto Eco schrieb:

      Nicht ohne ein paar Gewissensbisse fühlte ich mich wie ein Stalin, der unter seinem Schnauzbart grinst und denkt: »Macht nur, macht nur, ihr armseligen Bolschewiken, ich studiere derweilen in Tiflis, und dann stelle ich den Fünfjahresplan auf.»
      Ich glaube nicht, dass Eco erwartet, dass sich der Leser mit Casaubon identifizieren soll, diese Figur erhält doch durch genau solche unehrlichen Züge, oder auch durch die Überspanntheiten / Verrücktheiten in den ersten Kapiteln eher Züge eines "unzuverlässigen Erzählers". Eher würde ich sagen, dass diese Einblicke in die Person und den Charakter von Casaubon uns ein bisschen in Hab-acht-Stellung dieser Figur ggü. bringen sollen?


      Am Anfang dieses Kapitels 6 gibt es zwei Sätze, an die ich mich noch von meiner ersten Lektüre her zu erinnern glaube, und für die ich mich immer noch begeistern kann:

      Umberto Eco schrieb:

      Man wird immer unter dem falschen Zeichen geboren, und mit Würde auf der Welt sein heißt Tag für Tag sein Horoskop korrigieren.
      (S. 61 oben)

      Umberto Eco schrieb:

      Von zwei Sachen, die nicht zusammenpassen, alle beide zu glauben, mit der Idee im Kopf, es gäbe noch eine dritte, die sie vereine - das ist Gläubigkeit.
      (S. 61 unten)
      Zwei ganz phantastische Einsichten, wie ich meine - und Humor steckt auch noch drin - tolle Aphorismen!

      Ich kriege irgendwie ständig Lesegefühls-Déja-vues in den paar ersten Kapiteln des "Foucaultschen Pendels" - ich glaube, ich fühle mich ähnlich gut und auf eine sehr ähnliche Weise amüsiert, wenn ich Romane vom russischen Kultautor Viktor Pelewin lese, bin mir aber nicht ganz sicher, worin die Analogien im Lesegefühl bestehen ... im breiten Allgemeinwissen bezüglich Sagen, Legenden, Philosophie, Esoterik etc.? ... in der Art und Weise, menschliche Denkweise in der "Handlung" zu reflektieren? ... im unverkennbaren Faible für Borges der beiden Autoren? ... in der Art des intellektuell-dödeligen Humors? :-k



      So, und jetzt werde ich Kapitel 8 lesen, wo angeblich beschrieben wird, wie Casaubon 1972 wegen des Themas der Templer Belbos Bekanntschaft machte. :study:
      » Unexpected intrusions of beauty. This is what life is. «

      Saul Bellow, (1915-2005 ), U.S. author,
      in Herzog
    • Hypocritia schrieb:

      Irgendwo finde ich genau solche Aussagen total witzig, wenn ich ehrlich sein soll: nicht nur die Tatsache, dass sich die gedanklichen Wirrnisse von selbst als unfruchtbare Wirrnisse entlarven, nein, auch die abstruse Wortwahl lässt mich immer wieder vor mich hin grinsen.
      Simmt, dass ist schon ziemlich witzig. Beim ersten Lesen habe ich doch tatsächlich anstatt "Glanz des großen Metatron", "Glanz des großen Manitu" gelesen.
      Das habe ich dann wohl Herrn Pelewin und seinem Roman Snuff zu verdanken. Hätte aber auch gepasst. :wink:
      Achte auf die Stille und bewahre sie, denn sie bringt alle Träume des Menschen

      :study: Norman Davies - Verschwundene Reiche (MLR)
      :study: John Burnside - Ashland & Vine (MLR)
    • taliesin schrieb:

      Simmt, dass ist schon ziemlich witzig. Beim ersten Lesen habe ich doch tatsächlich anstatt "Glanz des großen Metatron", "Glanz des großen Manitu" gelesen.
      Das habe ich dann wohl Herrn Pelewin und seinem Roman Snuff zu verdanken. Hätte aber auch gepasst.
      Kriegst Du auch irgendwo solche "Lesegefühl-Déja-vues" zu Pelewin, wie ich sie in meinem vorherigen Post zu beschreiben versucht habe?
      » Unexpected intrusions of beauty. This is what life is. «

      Saul Bellow, (1915-2005 ), U.S. author,
      in Herzog
    • Hypocritia schrieb:

      Kriegst Du auch irgendwo solche "Lesegefühl-Déja-vues" zu Pelewin, wie ich sie in meinem vorherigen Post zu beschreiben versucht habe?
      Ja, so ab und an schon. Vor allem, wenn ich an den Erzähler Casaubon denke, der schon zu Beginn einen ähnlich zwiespältigen Eindruck auf mich macht wie
      Diataveli in Snuff.
      Allerdings auch in dem von dir schon erwähnten breit gefächerten Wissen zu Mythen, Sagen und Philosophie. Mal schauen vielleicht fallen ja im Laufe des Romans noch
      weitere Ähnlichkeiten auf.
      Achte auf die Stille und bewahre sie, denn sie bringt alle Träume des Menschen

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