Umberto Eco - Das Foucaultsche Pendel

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    • Kapitel 2 (S. 17 bis 27):

      Wieder der Ich-Erzähler, immer noch im Technik-Museum:
      Er gibt zu, dass er sich nicht unter Kontrolle hatte, dass die Nerven mit ihm durchgegangen sind. Er sucht in einem der Ausstellungsstücke ein nicht allzu offensichtliches Versteck, um nach Ende der Öffnungszeiten im Museum die Nacht verbringen zu können. Er klingt halbwegs vernünftig, bis er auf S. 18 oben wieder so komisch anfängt, diesmal mit

      Umberto Eco schrieb:

      In dieser Ausstellung, die ich langsam anfing obszön zu finden, in dieser Exhibition von Diesel-Genitalien, Turbinen-Vaginen, anorganischen Rachen, die zu ihrer Zeit gerülpst hatten – und vielleicht in dieser Nacht wieder rülpsen würden - …
      Ich kommentiere meine Meinung besser gar nicht hierzu (mir tun schon die Pupillen weh vom vielen Augenrollen ...)

      Der Mann ist einer Art Wahn verfallen, und er weiß das oder er ahnt es zumindest:

      Umberto Eco schrieb:

      Ich musste weg hier, weg hier, es war alles Wahnsinn, ich war drauf und dran, demselben Spiel zu verfallen, das Jacopo Belbo um den Verstand gebracht hatte, ich, der Ungläubige …
      In einem Einschub auf S. 18 lässt er durchblicken, dass das vorher erwartete Event anscheinend schon vorbei ist, denn er spricht davon, dass er das Ende bereits kennt, oder vermutet, dass das, was er kennt, bereits das Ende war – er hat also überlebt, was auch immer das gewesen sein mag (ich bin erstaunt, dass ich mich nicht mehr genau erinnern kann, was da eigentlich gelaufen ist – immerhin lese ich das Buch bereits zum zweiten Mal).

      Die Suche nach einem Versteck geht also weiter. @Marie hat schon erwähnt, wie gebildet der Typ sein muss; es erinnert mich ein bisschen daran, wenn man Geschichten von Jorge Luis Borges liest, da bläst einem als Leser das Allgemeinwissen des Autors auch ständig das Hirn durch.

      Tut der Ich-Erzähler Herrn Lavoisier nicht unrecht mit seinem visuell verzerrten Fanatismus, in dem er all die Apparate der chemischen Versuchsanlagen wie in Aberglauben gründend zu sehen versucht? Lavoisier hat immerhin streng beobachtet und zu analysieren versucht, und das im 18. Jhdt. – da war nichts mit geheimnisvollen Deutungen und nicht belegbaren „Wahrheiten“. Im Wahn befindet sich m.E. der Ich-Erzähler, aber doch nicht Herr Lavoisier! S.23: „oui, il avait raison“ – nein, weder „Recht“ noch „Vernunft“ kann bei Belpo und dem Erzähler vorliegen, im Gegenteil!

      Umberto Eco schrieb:

      Vielleicht war das ganze Conservatoire ein Abbild jenes infamen Prozesses, durch den aus der Fülle des Urprinzips, woher das Pendel kommt, und aus dem Glanz des Pleroma, von Äon zu Äon die Achtheit zerbröckelt und man zum kosmischen Reich gelangt, wo das Böse herrscht.
      (S. 24)
      Und das liest die Type aus einer Figur im Saal der Glasarbeiten heraus? Echt jetzt?

      OK, Herr Eco, ich bin sicher, Sie präsentieren uns hier mit Absicht eine total wirre und irre Figur, auch wenn Sie uns hier mit viel Kultur und tollen Wörtern wie „Pleroma“ blenden. Was mich interessieren würde: wie kommen Sie selbst als vernünftiger, kultivierter und hochintelligenter Mensch zu solch schrägen Verschwörungstheorien? Wie haben Sie sich so etwas Hanebüchenes ausgedacht? Haben Sie solche Verrückte gekannt? Mein Applaus übrigens für diese Ideen, woher auch immer sie gekommen sein mögen …


      Der Ich-Erzähler versteckt sich schließlich im Kasten eines primitiven Periskops. Er ist immer noch sichtlich nervös und angespannt, und er versucht sich durch vernünftige Gedanken zu beruhigen:

      Umberto Eco schrieb:

      Zurück zu den Fakten, noch mal der Reihe nach alles durchgehen, die Ursachen von den Wirkungen ttrennen. Ich bin hier an diesem Punkt angelangt, weil das und das geschehen ist, aus dem und dem Grund …

      (S. 26)
      Das klingt für mich vernünftig. Wenn er sich jetzt mal dran macht, ordentlich alles der Reihe nach zu erzählen, dann kommen wir ja auch sicherlich irgendwohin, denn mit dem kabbalistischen Deutungsgeschwafel, das auf Seite 27 folgt, kann ich nämlich wieder gar nichts anfangen:


      Umberto Eco schrieb:

      Er war und war nicht, eingeschlossen im Namen und dem Namen entronnen, Er hatte noch keinen anderen Namen als „Wer?“, reines Verlangen, bei einem Namen genannt zu werden … Am Anfang schrieb Er Zeichen in die Aura, eine dunkle Lohe loderte aus dem geheimsten Grund wie ein farbloser Nebel, der dem Formlosen Form gab, …
      Mein lieber Schieber, Her Eco, ich schreib‘ Ihnen gleich Zeichen in Ihre Aura, und zwar recht unflätige, wenn das so weiter geht … reißen Sie sich bitte einmal zusammen! :evil: #-o
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      Saul Bellow, (1915-2005 ), U.S. author,
      in Herzog
    • Hier sind ja schon heftige Diskussionen und Meinungsäußerungen im Gange. Ich hab jetzt auch das erste Kapitel beendet (also Kether) und finde bis jetzt alles höchstinteressant, den Typ (Ich-Erzähler) total durchgeknallt und die Geschichte spannend. Irgendwie muss der arme Kerl ja das ganze wirre Zeug herhaben und es interessiert mich einfach brennend, was dahinter steckt. Ich muss bisher weder verzweifeln, noch an Esoterik denken, eher an Verschwörungstheorien. Mir geht es übrigens ähnlich wie @Hypocritia - ich hab das Buch ja schon mal gelesen, aber ich habe keinen Schimmer mehr, was passiert ist und was passieren wird. 8-[
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      "Wie das Schwert den Wetzstein braucht ein Verstand Bücher, um seine Schärfe zu behalten." (Tyrion Lennister)
    • Xirxe schrieb:

      Schaut ihr die ganzen Fremdwörter alle nach? Oder lest ihr großzügig darüber hinweg?
      Meistens schaue ich die Fremdwörter nach und schreibe sie mir in eine separate Liste (mit Erklärung / Bedeutung), es sei denn, es nimmt Überhand und stört den Lesefluss zu sehr. Aber so habe ich auf meinem Tablet eine Liste mit Dutzenden von Fremdwörtern, in die ich immer wieder mal reinschaue, wenn ich wo warten muss (so ergänze ich hoffentlich ein wenig meinen Wortschatz).

      Hypocritia schrieb:

      Ja, da hast Du sicher recht, mir ist hinterher auch eingefallen, dass @Nungesser wohl nicht eine Veränderung im Pendelsystem an der Sonnenwende gemeint hat, sondern das, was in der Sonnwendnacht im Museum stattfinden sollte.Sorry, @Nungesser! Da war ich heute Morgen noch zu langsam für.
      Kein Problem, ich hatte mich ja auch unklar ausgedrückt...

      Hypocritia schrieb:

      Also ich sehe das wirklich positiv, dass Du so etwas eher neutral angehen kannst.
      Das ist ja das Tolle an solchen MLR - unterschiedliche Teilnehmer mit unterschiedlichen Interessen und Vorkenntnissen. :D
      :study: Nino Haratischwili - Das achte Leben (Für Brilka) (859/1280)
      :study: Birgit Vanderbeke - Gut genug (56/112)
      Letzter Neuzugang am 19. September: Cormac McCarthy - Kein Land für alte Männer
    • Hypocritia schrieb:

      Übrigens: hat jemand im Anhang die Übersetzung von dem Anfangszitat in (arabischer oder hebräischer?) Schrift gelesen?
      Ja, mir kam durch das Wort "Licht" die Assoziation zum Anfang der Genesis in den Kopf: "Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser. Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war. Gott schied das Licht von der Finsternis." (Einheitsübersetzung) Auch hier ist das Licht der Ursprung und Anfang von allem.
      Nun müsste man, wenn es denn wirklich wichtig wäre, die Lehre der Kabbala mit der des Alten Testaments vergleichen, doch das sollen diejenigen tun, die für literaturwissenschaftliche Forschungen bezahlt werden und nicht jemand, dem nur Google zur Verfügung steht.

      Hypocritia schrieb:

      reißen Sie sich bitte einmal zusammen!
      Bisschen spät, der Appell, oder? Falls Du nicht enge Kontakte ins :-k mmh... Jenseits? den Himmel? die Hölle? das Nirwana? hast.

      Kether 2

      Die Aufzählung der Autos in verschiedenen Stadien des Auseinanderbaus erinnert mich an Ecos später veröffentlichtes Werk "Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana",in dem er seitenweise alle möglichen Dinge (Briefmarken, Comics, Espressoverpackungen, Streichholzdöschen, ...) beschreibt, als wären sie das Interessanteste, was man sich vorstellen kann. Wusste er nicht, dass man Leser mit solchen Passagen langweilen kann? Sicher wusste er es, und so tat er es also mit Absicht. Mal sehen, ob sich im weiteren Verlauf meine Vermutung bestätigt, dass Eco gern mit seinen Lesern spielt. Ich vermute, dass er uns noch gehörig auf den Arm nehmen wird: Seid also wachsam. :idea:

      Auch wenn @Hypocritia das Grausen bekommt : Mir gefallen die Begriffe wie"Diesel-Genitalien, Turbinen-Vagina" - warum erinnern sie mich bloß an meinen Nachbarn, der heute morgen schon wieder sein Auto zärtlich gewaschen und poliert hat?

      Mich hat das Kapitel an einen Besuch im Technik Museum in Speyer erinnert: Zwei Männer, zwei männliche Jugendliche und zwei Frauen. Die männliche Begeisterung für alles,was Motoren hat, Krach macht und Abgase ausstößt. Autos, Raumschiffe,Eisenbahn, Flugzeuge, ... :roll: Und das, wo unsereins sich in seiner Kindheit solche Mühe gegeben hat, seine Puppen mit seinen Brüdern zuteilen.
      Ok, hat jetzt nichts mehr mit Eco zu tun, kam mir aber gerade in den Sinn. :-,

      Topic:
      Der Name Jacopo Belbo taucht zum ersten Mal auf. Man ahnt, dass eine wichtige Person von langer Hand eingeführt wird. Auf das Konstrukt scheint klar: Der Ich-Erzähler versteckt sich und erzählt während seiner Nachtstunden, was es mit seinem merkwürdigen Besuch im Museum auf sich hat und was das Pendel damit zu tun hat.
      Wenn Kether Anfang und Ziel einer (spirituellen) Suche ist, dann passt der Titel: Hier beginnt der Erzähler seinen Bericht, und die ganze Geschichte hat ihn offenbar am Ende an diesen Ort geführt.
      Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. (Oscar Wilde)

      Bücher sind auch Lebensmittel. (Martin Walser)
    • Chochmah 3

      Zum Begriff Chochmah lässt sich weniger finden als zu Kether; nur soviel: Er / Sie / Es steht für göttliche Weisheit, Klugheit, Geschicklichkeit und den Schöpfungsplan. Im Augenblick finde ich (noch) keine Entsprechung im Roman.

      Was ich aber finde, sind eine Menge Namen von bisher unbekannten Personen.
      Casaubon – Ich-Erzähler
      Gudrun – Besitzerin oder Geschäftsführerin eines Verlags
      Belbo – ein Autor
      Lia – Casaubons Frau (?)
      De Angelis – ein Polizist (?)
      Lorenza Pellegrini – Belbos Frau oder Freundin
      Abulafia – Belbos Computer

      Die Handlung scheint in den 1980/90er Jahren angesiedelt, es gibt Schreibcomputer, und man verwendet Disketten.

      Was die literarischen Anspielungen angeht: Auch wieder so ein Spiel Ecos mit dem Leser. So wie man einem Hund ein Stück Fleisch hinhält und ihn danach schnappen lässt ohne es ihm zu geben. Literarische Anspielungen? Ja klar, aber ziemlich simpel. Faust, die Bibel, Krieg und Frieden, … der Leser fühlte sich gebildet, er weiß sie alle einzuordnen. Welch schönes Gefühl. :D Und irgendwann im Buch werden dann die wahren Anspielungen kommen, die nur Eco selbst und ein paar Literatur-Nerds kennen – ich sehe es kommen, und wappne mich, sie nicht zu bemerken. (Aber dafür habe ich ja Euch.)

      Der Text, den Belbo geschrieben hat: Spitzfindig, aber nicht wahr. Nur der Computer kann löschen? Quatsch, im Laufe des Lebens vergisst man viel, das ist so gut wie gelöscht. Außerdem ging im Laufe der Jahrhunderte soviel verloren an Geschriebenem und Gedachtem, dass man nicht erst den Computer braucht, um es in der ewigen Versenkung verschwinden zu lassen.
      Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. (Oscar Wilde)

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    • zu Kether

      Marie schrieb:

      Nun müsste man, wenn es denn wirklich wichtig wäre, die Lehre der Kabbala mit der des Alten Testaments vergleichen, doch das sollen diejenigen tun, die für literaturwissenschaftliche Forschungen bezahlt werden und nicht jemand, dem nur Google zur Verfügung steht.
      Da hast du wohl recht - ich verbringe aufgrund dieses Buches eh schon wieder viel zu viel Zeit bei Wikipedia & Co.

      Marie schrieb:

      Mir gefallen die Begriffe wie"Diesel-Genitalien, Turbinen-Vagina" - warum erinnern sie mich bloß an meinen Nachbarn, der heute morgen schon wieder sein Auto zärtlich gewaschen und poliert hat?
      Ich fand diese Beschreibungen auch großartig und Dank deiner Erklärung, weiß ich jetzt auch, woran sie mich erinnert haben. :totlach:

      Chochmah 3

      Marie schrieb:

      Was ich aber finde, sind eine Menge Namen von bisher unbekannten Personen.
      Langsam kommt Bewegung in die Geschichte und sie nimmt Konturen an. So ein paar Namen und Orte helfen doch gleich ungemein bei der Orientierung.

      Marie schrieb:

      Literarische Anspielungen? Ja klar, aber ziemlich simpel. Faust, die Bibel, Krieg und Frieden, … der Leser fühlte sich gebildet, er weiß sie alle einzuordnen. Welch schönes Gefühl.
      Traumhaft, wie Eco hier mit den Zitaten spielt, sie verfremdet und doch erkennbar lässt.
      Was mir besonders gefallen hat: die Begeisterung, mit der er sich hier über die Möglichkeiten auslässt, die der Computer so bietet. Nicht vergessen: das Buch ist 1988 im Original erschienen und das, was heute selbstverständlich ist, hielt damals erst Einzug in der Welt (zumindest was die Verbreitung in der Masse der Bevölkerung angeht).
      Und was ist das für ein Plan, den Belpo und Casaubon ersponnen haben, der nun wohl aber wahr sein soll? Der Erzähler wirft ja gleich mal alles, was an "Geheimbünden" Rang und Namen hat ins Feld und auch der Graf von Saint Germain darf da nicht fehlen.
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    • Teil 2 Chochmah, Kapitel 3 (S. 31 bis 38):

      Ich muss ein bisschen rekapitulieren, sonst finde ich den Zusammenhang nicht zu dem, was ich schreibe, und dann hat es keinen großen Sinn für mich (ich hoffe, es stört Euch nicht, dass ich inhaltlich etwas aushole).

      Zwei Tage vor der Museumsversteckerei, Ortswechsel:
      Der Ich-Erzähler Casaubon wird von seinem Chef, dem Verlagsdirektor Jacopo Belpo angerufen, er sei in Paris, werde verfolgt, befinde sich in Gefahr, es bliebe ihm nicht viel Zeit. Casaubon solle auf seinem Computer nachlesen, was er über das bisher Geschehene niedergeschrieben habe. Zur Weitergabe des Passwortes füür den Computer reicht die Zeit nicht, der Anruf wird unterbrochen. Außerdem solle "ihr Plan wahr sein", ohne weitere Angabe. Casaubon hält dies für unwahrscheinlich, begibt sich aber in die Wohnung seines Chefs. Dort liegt ein Ausdruck mit Gedanken Belpos über die Möglichkeiten eines Textverarbeitungsprogramms herum.
      Was ich seltsam finde: Casaubon schreibt nichts über den "Plan" und was ihm unwahrscheinlich vorkommt, oder warum die Rosenkreuzer, Templer, Assassinen oder ähnliche obskure Vereinigungen hinter seinem Chef her sein könnten, sondern er erzählt, dass sein Chef ein verhinderter Schriftsteller zu sein scheint, der dieses persönliche Defizit anscheinend ausgerechnet mithilfe eines Computers vergessen kann. Belpo traut seinem textverarbeitungsprogramm sogar zu, aus einem Zicken- und Schmachtroman der amerikanischen Südstaatenzeit, nämlich aus "Vom Winde verweht" einen Roman wie "Krieg und Frieden" machen zu können. Schön wärs, denn dann kämen heutzutage nicht so viele armselige und grausige Self-Publisher-Bücher heraus (naja, Probleme mit der Einsicht, dass sie nicht gerade Talent zum Schreiben besitzen, scheinen viele dieser hartnäckig veröffentlichernden Schreiberlinge mit Jacopo Belpo gemein zu haben).
      Kurz: Belpo schreibt dem PC Fäigkeiten zu, die er nicht hat. Witzig ist es trotzdem, dass Eco eine seiner Figuren schreiben lässt, dass der Unterschied zwischen "Vom Winde verweht" und "Krieg und Frieden" in den unterschiedlichen Namen der Protagonisten läge.

      (Belpo erinnert mich an zwei Kollegen Anfang der 90er Jahre, die meinten, wenn sie nur jeweils den allerneusten Macintosh hätten, dann, ja dann würden sie ihre Mit- und Nachkalkulationen eindeutig in den Griff bekommen und zum Starverwalter von Großprojekten werden. Da sie aber nie Kalkulationsdateien mit den vertraglich vereinbarten Werten sämtlicher Arbeitsfronten in ihren PCs eingaben und deshalb auch keine Formeln hinterlegten, damit ihre Lotus-123-Datei dann die Baufortschrittsrechnungen praktisch von selbst erstellen würde etc., liefen die Projekte weiterhin wie Kraut und Rüben - doch angeblich hätte sich mit einem ganz neuen PC alles ganz von selbst gelöst. Und als man ihnen endlich einen neuen PC bewilligt hatte - ich glaube, sie kriegten einen mit Windows und Excel und sogar einen Kurs dafür - da blieb es mit dem Kalkulationsschlendrian natürlich ganz beim Alten ...)

      Auch bei Belpos Ergüssen bezüglich der Fähigkeiten eines Textverarbeitungsprogrammes erscheinen mir seine Wortwahl, Assoziationen und Metaphern ein bisschen zu begeistert, um nicht verrückt und durchgeknallt zu wirken.

      Marie schrieb:

      Der Text, den Belbo geschrieben hat: Spitzfindig, aber nicht wahr. Nur der Computer kann löschen? Quatsch, im Laufe des Lebens vergisst man viel, das ist so gut wie gelöscht. Außerdem ging im Laufe der Jahrhunderte soviel verloren an Geschriebenem und Gedachtem, dass man nicht erst den Computer braucht, um es in der ewigen Versenkung verschwinden zu lassen.
      Meinst Du den Satz:

      Umberto Eco schrieb:

      Dies hier ist besser als das wahre Gedächtnis, denn das wahre Gedächtnis kann bestenfalls lernen, sich zu erinnern, nicht aber zu vergessen.
      , @Marie?
      Klar kann das Gedächtnis vergessen, es tut dies sogar viel zu viel und ungewollt. Und genau das, glaube ich, ist gemeint - das menschliche Gedächtnis behält die Informationen, die es kriegt, nicht einfach und sofort wie ein Speicher im PC, sodass man ihm erst eine Order geben müsste zum Vergessen bzw. Löschen, nein, das Gedächtnis muss man erst trainieren, damit überhaupt halbwegs ein bisschen was hängen bleibt.

      Umberto Eco schrieb:

      Diotallevi, darin gut sephardisch, ist immer ganz versessen auf jene Paläste mit großer Freitreppe, obendrauf die Statue eines Kriegers, der eine gräßliche Untat an einer wehrlosen Frau begeht, und dahinter Korridore mit Hunderten von Zimmern, jedes mit der Darstellung eines Wunders, Erscheinungen, beunruhigende Begebenheiten, beseelte Mumien, ...
      Ich könnt' mich kringeln. Eco scheint hier auf eine Mnemotechnikanzuspielen, die wohl schon Cicero und Plinius und die ganzen großen Redner angewandt haben. Ich glaube, sie heißt Irgendwas mit "Palastgedächtnis" oder so - nein, gerade gegoogelt: sie heißt "Gedächtnispalast" (siehe auch Wikipedia) - ich glaube, man darf annehmen, dass sich Cicero und Plinius nicht in Details mit frauenschändenden Kriegerstauen oder Mumien ergangen sind (Oh Mann, da darf man aber schon fragen, wie Herr Eco darauf kommt, seine überdrehten Figuren solche idiotischen Details denken zu lassen, auch wenn er bereits abgelebt hat ... ich halte öfter mal fiktive Zwiesprache mit dem Autor meiner jeweiligen Lektüre ab, @Marie ... ich hoffe allerdings nicht, dass Ecos Figuren auf mich bereits abgefärbt haben ... ich bin jetzt besser still ...). Dass Belpo seine Mnemotechnik mit solch komischen Details ausschmückt, wirkt auf mich jedenfalls ein bisschen ... darf ich's sagen ... "bekloppt". Ja, ich denke schon, dass Belpo einen an der Klatsche hat - Casaubon dagegen wirkt in Kapitel 3 auf mich eigentlich fast normal (aber da ist es ja schließlich erst Donnerstag).

      Marie schrieb:

      Was die literarischen Anspielungen angeht: Auch wieder so ein Spiel Ecos mit dem Leser. So wie man einem Hund ein Stück Fleisch hinhält und ihn danach schnappen lässt ohne es ihm zu geben. Literarische Anspielungen? Ja klar, aber ziemlich simpel. Faust, die Bibel, Krieg und Frieden, … der Leser fühlte sich gebildet, er weiß sie alle einzuordnen. Welch schönes Gefühl. Und irgendwann im Buch werden dann die wahren Anspielungen kommen, die nur Eco selbst und ein paar Literatur-Nerds kennen – ich sehe es kommen, und wappne mich, sie nicht zu bemerken. (Aber dafür habe ich ja Euch.)
      Ups, und ich dachte, ich hätte einigermaßen aufmerksam gelesen - ich habe zwar die Erwähnung von Schiller und Joyce und den Vergleich zwischen Margaret Mitchell und Tolstoi mitgekriegt (Autsch! - ich zucke immer noch in Qual zusammen, als ich dies tippe), aber die Anspielung auf Faust und die Bibel habe ich in dem Kapitel gar nicht mitgekriegt. Helft Ihr mir mit dem entsprechenden Zitat mal auf die Sprünge bitte?

      Ach ja: bezüglich der Fremdworte und Fachausdrücke - nein, ich schaue definitiv nicht alles nach, aber wenn ich einen PC in Reichweite habe beim Lesen, google ich schon einiges, wenn ich nicht zu faul bin.
      Ich hoffe wirklich, dass die Bedeutung von Kabbala und AT nicht ausschlaggebend für das Verständnis des Romans sein wird - ich habe ja schon geschrieben, dass ich nicht so viel mit der Kabbala anfangen kann, obwohl da gelehrte Menschen sicherlich auch einiges an Poetik aus dieser Mystik herausarbeiten können (ich stelle mir das in etwa so vor wie bei Navid Kermani und seiner Schwärmerei von der Poetik im Koran während seiner Rede in der Paulskirche, als ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wurde - schöne Rede übrigens).

      @serjena: ich glaube, der Link mit den Seiten auf Italienisch ist definitiv zu hoch für mich, weil ich mir diese Sprache aus meinen Kenntnissen anderer romanischer Sprachen ableiten muss, und das reicht dann eben nur bei ganz schlichten Textchen, leider. ich hoffe, dass Du bald Dein Pendel-Exemplar vom Postboten überreicht bekommst, damit Du hier in die MLR einsteigen kannst.
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      in Herzog
    • Hypocritia schrieb:

      aber die Anspielung auf Faust und die Bibel habe ich in dem Kapitel gar nicht mitgekriegt. Helft Ihr mir mit dem entsprechenden Zitat mal auf die Sprünge bitte?
      Gleich im ersten Satz nach "Filename: Abu" - also in dem Ausdruck, den der Erzähler findet:

      eco schrieb:

      [...] im Anfang war das Wort [...]
      und im gleichen Satz:

      Eco schrieb:

      [...]habe nun ach [...]
      ist eine so typische Formulierung, dass auch ich dort sofort den Faust erkannt habe.
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    • Hirilvorgul schrieb:

      Gleich im ersten Satz nach "Filename: Abu" - also in dem Ausdruck, den der Erzähler findet:

      eco schrieb:

      [...] im Anfang war das Wort [...]
      und im gleichen Satz:

      Eco schrieb:

      [...]habe nun ach [...]
      ist eine so typische Formulierung, dass auch ich dort sofort den Faust erkannt habe.
      #-o Danke. Auf die Idee, gleich im ersten Satz zu suchen, bin ich nicht gekommen.


      Hypocritia schrieb:

      Umberto Eco schrieb:

      Diotallevi, darin gut sephardisch, ist immer ganz versessen auf jene Paläste mit großer Freitreppe, obendrauf die Statue eines Kriegers, der eine gräßliche Untat an einer wehrlosen Frau begeht, und dahinter Korridore mit Hunderten von Zimmern, jedes mit der Darstellung eines Wunders, Erscheinungen, beunruhigende Begebenheiten, beseelte Mumien, ...

      Nur mal so eine Idee:
      Könnte es sein, dass sich Diotallevi und Belbo immer noch als verfolgte Juden betrachten, oder dass sie sich durch die ganze historische Judenverfolgung in einer Art Verfolgungswahn in ihrer Eigenschaft als Juden empfinden? Ich hatte es vorher nicht so gesehen, aber könnte man einige Begriffe, die in Kapitel drei genannt werden, "Tempelritter", "Ochrana", "Torquemada" in Zusammenhang mit dem eine wehrlose Frau schändenden Krieger sehen? Bei den Tempelrittern lief ja einiges aus dem Ruder, als sie (zumindest anfangs) auch Juden ziemlich plan- und wahllos niedergemacht haben. Der russiche Geheimdienst stand unter Verdacht die Protokolle der Weisen von Zion verfasst oder zumindest herausgebracht zu haben (das weiß ich erst seit Ecos "Friedhof in Prag"), Tomàs de Torquemada hat ja in seinem Inquisitionswahn nicht nur Ketzer, sondern auch jede Menge Juden verbrennen lassen, wenn ich recht erinnere. Deshalb frage ich mich, ob das mit dem frauenschändenden Krieger sich eben auf die Tempelritter oder auf das Pogrom in Spanien 1492 beziehen könnte (oder auf beides)?
      Hat jemand eine Ahnung von Rosenkreuzern oder den Assassinen? Kann man die auch mit Judenverfolgung in Verbindung bringen? Ich möchte nicht extra suchen, denn ich komme mir sowieso schon ein bisschen vor wie John Nash, der hinter allem Muster zu sehen glaubt. Schließlich will ich mich nicht am Pendel-Verschwörungswahn anstecken. :lol:


      Teil 2 Chochmah, Kapitel 4 (S. 39 bis 45):

      Casaubon sitzt vor Belbos Abulafia-Computer und versucht, dessen Passwort zu eraten, das maximal sieben Buchstaben haben kann. Dafür versucht er, aus einem barocken Bild irgendwelche bizarren Zahlenzusammenhänge herauszusehen, die mir zumindest sehr willkürlich, wenn nicht sogar wahnhaft erscheinen. Wie gesagt, ich will mich jetzt keiner wahnhaften Suche nach Symbolen hingeben, aber vielleicht hat jemand von Euch irgendwelche Symbole in den Bilderdetails entdeckt? Bei mir reicht das Allgemeinwissen nicht, und deshalb lasse ich das jetzt - nein, ich werde nicht wie verrückt googeln ...
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    • Ich komme nochmals auf das Eingangszitat zurück, denn ich kann nur eure sehr interessanten Ausführungen lesen. Diese inspirieren mich allerdings jeweils zu versuchen die Gedanken mit Hilfe des Internets etwas näher zu betrachten.
      Und siehe, als das Licht des Unendlichen [En -Sojl sich hinzog gleich einer geraden Linie inmitten der oben erwähnten Leere, hat es s ich nicht sogleich bis nach unten hingezogen und ausgedehnt. Es dehnte sich nur ganz langsam aus. Will sagen, im Anfang begann die Linie des Lichts sich auszudehnen, und ganz zu Beginn ihrer Ausdehnung zog sie sich im Geheimnis der Linie hin und ward gleich einem Rad ringsum rund. (Isaak Luria, »Die Ausdehnung des Lichts im Leeren«, zit. nach P. S. Gruberger, ed.,Ten Luminous Emanations, Bd. 2, Jerusalem 1973, p. 7)

      Marie schrieb:

      Ja, mir kam durch das Wort "Licht" die Assoziation zum Anfang der Genesis in den Kopf: "Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser. Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war. Gott schied das Licht von der Finsternis." (Einheitsübersetzung) Auch hier ist das Licht der Ursprung und Anfang von allem.
      Nun müsste man, wenn es denn wirklich wichtig wäre, die Lehre der Kabbala mit der des Alten Testaments vergleichen, doch das sollen diejenigen tun, die für literaturwissenschaftliche Forschungen bezahlt werden und nicht jemand, dem nur Google zur Verfügung steht.
      Betrachten wir hier nur das Wort [En -Sojl wodurch wir sofort den Unterschied zwischen AT und der Lehre der Kabbala ersehen können.
      1.1 Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. 1.2 Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. 1.3 Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht 1. 4 Und Gott sah, daß das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis 1.5 und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.
      Gott hat mit seinem Willen die Welt erschaffen. Gemäss dem christlichen Glaube ist Gott die Vollkommenheit
      Die Hauptlehre der Kabbala ist die Lehre vom En Sof und von den Sefirot Diese Begriffe finden sich weder in der Bibel noch im Talmud Der Ausdruck ist möglicherweise dem griechischen ἄπειρον, das Unbegrenzte, nachgebildet was jedoch auch angezweifelt wird. Gott darf weder Wille, noch Absicht, noch Denken, noch Sprechen, noch Tun beigelegt werden. Er kann nicht einmal die Weltschöpfung gewollt oder beabsichtigt haben, denn Wollen verrät die Unvollkommenheit des Wollenden.
      @Offtopic Ich hätte bei den Zitaten gerne die Quellenangaben gemacht, jedoch das Programm verweist mich dann immer auf ungültige Code hin, keine Ahnung wie ich das lösen könnte
      Das Bewußtsein, vor dem Schlafengehen gute Lektüre zu haben, ist eines der angenehmsten Gefühle, die ich kenne.
      peter e. schumacher (1941 - 2013), Aphorismensammler und Publizist
    • @Marie liegt hier absolut richtig

      Marie schrieb:

      Die Handlung scheint in den 1980/90er Jahren angesiedelt, es gibt Schreibcomputer, und man verwendet Disketten.

      http://cei.revues.org/109?lang=it schrieb:

      In un’intervista che Umberto Eco mi concesse nel 1991, l’autore spiegò che l’introduzione dei personal computers in Italia nell’anno 1983 rappresenta un elemento essenziale per l’ambientazione temporale della trama, nel senso che la vicenda narrata non poteva aver luogo prima di quella data


      Umberto Eco in einem Interview, das er mir im Jahr 1991 gab , erklärt der Autor, dass die Einführung von Personal-Computern in Italien im Jahr 1983 war ein wesentliches Element für die zeitliche Einstellung der Handlung, in dem Sinne, dass die erzählte Geschichte nicht hätte vor diesem Zeitpunkt erscheinen dürfen
      @Offtoipc ich stehe im Moment ein wenig auf "Kriegsfuss" mit den Quellenangaben :uups:
      Das Bewußtsein, vor dem Schlafengehen gute Lektüre zu haben, ist eines der angenehmsten Gefühle, die ich kenne.
      peter e. schumacher (1941 - 2013), Aphorismensammler und Publizist
    • Chochmah 4

      Casaubon versucht also, das Passwort zu finden. Doch zuerst betrachtet er ein Bild an der Wand mit allen Einzelheiten. Und es hat viele Einzelheiten. :roll:

      Ich wollte sehen, ob Eco es erfunden hat oder ob es tatsächlich existiert. Es existiert und zwar dürfte es dieses sein. (Warum hat keiner im Verlag daran gedacht, einen Abdruck an dieser Stelle ins Buch zu nehmen? Und wie haben die Leute der Vor-Internet-Zeit das Buch gelesen - eine Frage, die ich mir seit Freitag stelle. :-k )

      Ansonsten gibt das Kapitel nicht viel her. Ich bin gespannt: Wenn ein PC in Filmen oder Büchern ein Passwort verlangt, kommt entweder der superschlaue Protagonist durch einen Geistesblitz dahinter oder der Spezialist der Spurensicherung. Hier gibts keine Wahl.

      (Eine ganz neue Leseerfahrung: Mit den Nebenarbeiten - Googeln, eure Links studieren, ... - bin ich mehr beschäftigt als mit dem Lesen. Ich glaube nicht, dass ich mich alleine durch das Buch gekämpft hätte. [-( )
      Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. (Oscar Wilde)

      Bücher sind auch Lebensmittel. (Martin Walser)
    • Nun habe ich einfach genussvoll gelesen, ohne mir grosse Gedanken zu machen alles und jedes zu versuchen zu interpretiern, damit ich richtig in die Geschichte "schlüpfe".
      2 CHOCHMAH 3 musste ich laut auflachen. Die Wortschöpfungen von Herrn Eco sind einfach zu köstlich, und richtig interpretiert sogar stimmig.
      Die Teratologie (altgr. τέρας téras „Monster“ und -logie) ist die Lehre der Ursachen von Fehlbildungen durch Umweltfaktoren (Teratogene)

      Umberto Eco schrieb:

      Eben habe ich einfach blind drauflosgetippt, und jetzt habe ich diesen Block von orthographischen Teratologien genommen und der Maschine befohlen, ihre Fehler als Strafe für ihre Sünden zu wiederholen, aber diesmal habe ich sie korrigiert,
      Ich mag mich sogar erinnern, (müsste man einfach nachlesen) das @Hypocritia damals in ihrer Rezension dazu sogar eine Frage stellte.
      Das Bewußtsein, vor dem Schlafengehen gute Lektüre zu haben, ist eines der angenehmsten Gefühle, die ich kenne.
      peter e. schumacher (1941 - 2013), Aphorismensammler und Publizist
    • Chochmah 5

      Ich wette, Herr Eco hatte einen Mordsspass bei diesen Spielchen, die er hier mit dem Leser treibt. Dabei fiel mir ein, dass ja auch die Herren Casaubon,
      Diotavelli und Belbo mit einem Spiel begonnen haben, einem Spiel, das wider Erwarten zum Ernstfall wurde. Hat Belbo am Ende selbst daran geglaubt und
      Angst vor seiner eigenen Schöpfung bekommen. Hat er alles auf seinem Schreibprogramm so sorgsam verschlüsselt, weil aus dieser Angst plötzlich fass-
      bare Realität wurde? Viele Fragen und nun sitzt Casaubon da und versucht verzweifelt das Passwort zu finden. Er sucht es nun mit Hilfe des Sefer Jezirah
      und all den Permutationen und findet, man glaubt es kaum, die siebenundnzwanzig Namen Gottes. Toll! Eco schreibt sie uns auch fein auf, Das mag ER
      witzig finden, ich finde es nervig und überlege mir, wie man auf die Idee kommen kann, dem Unfassbaren unbedingt einen Namen geben zu müssen.
      Damit es zum Fassbaren wird und somit sein Geheimnis verliert?
      Ok, Casaubon braucht das Passwort, findet es nicht unter all den Namen Gottes und verlegt sich endlich auf menschlichere Lösungsversuche, gepaart mit
      der Verkostung einiger Gläser Whisky. Aber auch Lorenza (Geliebte Belbos?) oder der Name Sophia funktionieren nicht.


      Casoubon erwähnt wiederholt den Großen Plan der sich nun wohl von Fiktion in die Realität verlegt hat.


      U. Eco schrieb:

      Er war besessen vom Großen Plan, und in den Großen Plan hatten wir massenhaft andere Dinge mit reingemixt, die Rosenkreuzer, die Synarchie, die
      Homunculi, das Pendel, den Turm, die Druiden, die Ennoia.....
      Was für eine Mixtur! Das spiegelt doch Ecos Vorgehensweise in den ersten Kapiteln sehr schön wider.


      U. Eco schrieb:

      Ich war dabei, mir eine Erklärung zurechtzulegen, und machte mir vor, dass sie wahr sei. Wie bei dem Großen Plan:
      Ich nahm meine Wünsche für Wirklichkeit.
      Achte auf die Stille und bewahre sie, denn sie bringt alle Träume des Menschen

      :study: John Burnside - Havergey
      :study: Joyce Carol Oates - A Book Of American Martyrs (MLR) - (Pause)
      :study: Norman Davies - Verschwundene Reiche (MLR)
    • Chochmah 5

      In diesem Kapitel habe ich mich mehrfach dabei ertappt, nur noch quer zu lesen. Vor lauter Permutation hab ich hin und wieder den Faden verloren, was aber an sich nicht schlimm war, denn so wirklich passiert ist ja nichts.

      taliesin schrieb:

      Viele Fragen und nun sitzt Casaubon da und versucht verzweifelt das Passwort zu finden. Er sucht es nun mit Hilfe des Sefer Jezirah
      und all den Permutationen und findet, man glaubt es kaum, die siebenundnzwanzig Namen Gottes. Toll! Eco schreibt sie uns auch fein auf, Das mag ER
      witzig finden, ich finde es nervig und überlege mir, wie man auf die Idee kommen kann, dem Unfassbaren unbedingt einen Namen geben zu müssen.
      Ich hab mich vor allem gefragt, wie man auf die Idee kommt, ausgerechnet eine Permutation des Namens Gottes als Passwort verwenden zu wollen. Ich glaube, die sind beim Spinnen ihres Großen Plans alle ziemlich von der Realität weggedriftet :roll:
      Gelesen in 2017: 42 Gehört in 2017: 20 SUB: 314

      "Wie das Schwert den Wetzstein braucht ein Verstand Bücher, um seine Schärfe zu behalten." (Tyrion Lennister)
    • Gestern las ich, wie schon geschrieben schnell bis 2 Chochmah 3 und stellte für mich fest, im Prinzip könnte man diesen Roman wie eine gut angelegte Geschichte oder einen herausragenden Krimi praktisch in einem „Rutsch“ lesen, die Allegorien mit schmunzeln zu Kenntnis nehmen und sich freuen über die verschiedenen Anspielungen auf andere Werke und Autoren welche man erkennt.
      Jedoch kenne ich Umberto Eco und seine Romane, weiss um die versteckten Hinweise welche er mit grossem Vergnügen dem Leser präsentiert.
      Mein Lese Weg führte mich also wieder retour in das Museum da ich wusste welche Stellen nochmal des Lesens wert waren.
      ...Scheren, Kiefer, Fühler, Wurmglieder, Flügel, Krallen , ein Friedhof von mechanischen Kadavern, die sich alle gleichzeitig wieder in Gang setzen könnten Elektromagnete, Einphasen -Transformatoren, Turbine n, Gruppen von Umsetzern, Dampfmaschinen, Dynamos...
      Dieses erinnerte mich stark an Edgar Allan Poe, es war so passend eingefügt „vier Uhr nachmittags“ , man stellt sich schon leichtes dämmeriges Licht vor und kann spüren wie der ich Erzähler leicht Panik bekommt.
      ...wirre Gestänge und Hebelwerke, die unsägliche Torturen androhen, schon siehst du dich angekettet an jene Streckbetten, wo sich etwas bewegen und sich dir ins Fleisch bohren könnte, bis du gestehst.
      Das indes ist meiner Meinung nach eine Anspielung auf die Inquisition welche die Templer sowohl in Spanien wie auch in England, Irland und weiteren Ländern Europas mit ihrer ganzen Härte traf.

      Wie man als Leser weiss ist „Der grosse Plan ist eine reine Erfindung, ein Spiel dieser drei Herren Casaubon, Belbo und Diotallevi.
      Und hier sagt Casaubon
      Doch wenn er mit dem Pendel recht gehabt hatte, dann war ja vielleicht auch alles andere wahr, der Große Plan, das Universale Komplott, und es war richtig gewesen, daß ich hergekommen war, am Abend vor der Sommersonnwende. Jacopo Belbo war nicht verrückt, er hatte einfach beim Spielen, durch das Spiel, die Wahrheit entdeckt.
      Das ist ganz klar eine Unwahrheit welche der Autor dem Leser auftischt, hier bin ich etwas enttäuscht über so wenig Phantasie um etwas zu verschleiern.

      Hypocritia schrieb:

      Hat jemand eine Ahnung von Rosenkreuzern oder den Assassinen? Kann man die auch mit Judenverfolgung in Verbindung bringen?
      Ich denke dass weder die Rosenkreuzer noch die Assassinen in die Judenverfolgung involviert waren. Die wenigen Informationen welche man ohne spezielle Literatur erfahren kann deuten auf eine Bruderschaft welche sich mit Reformation des Lebens und der Wissenschaft befasste. Die Assassinen waren „spezialisiert“ auf politische Morde und auch hier lässt nichts darauf schliessen dass sie mit der Verfolgung der Juden zu tun hatten.
      Das Bewußtsein, vor dem Schlafengehen gute Lektüre zu haben, ist eines der angenehmsten Gefühle, die ich kenne.
      peter e. schumacher (1941 - 2013), Aphorismensammler und Publizist
    • serjena schrieb:

      im Prinzip könnte man diesen Roman wie eine gut angelegte Geschichte oder einen herausragenden Krimi praktisch in einem „Rutsch“ lesen, die Allegorien mit schmunzeln zu Kenntnis nehmen und sich freuen über die verschiedenen Anspielungen auf andere Werke und Autoren welche man erkennt.
      Genauso mache ich das auch :lol: und Dank eurer Fragen und Einwürfe denke ich dann noch über das ein oder andere genauer nach. :wink:
      Gelesen in 2017: 42 Gehört in 2017: 20 SUB: 314

      "Wie das Schwert den Wetzstein braucht ein Verstand Bücher, um seine Schärfe zu behalten." (Tyrion Lennister)
    • Chochmah 5

      Unzweifelhaft war Eco ein Universalgelehrter. Das teilte er seinen Lesern gern indirekt durch seine Bücher mit. Außerdem konnte er es sich leisten, ein so langweiliges, stupides Kapitel wie dieses zu schreiben, denn er konnte sich seiner Leserschar sicher sein.

      Die ganzen Rechnungen :sleep: und eine ganze Seite mit Buchstabenspielereien aus dem Wort "Jahweh" ... wozu :roll: ? Muss man sich darüber Gedanken machen?

      Dazu habe ich keine Lust. Ich quetsche nicht auf Teufel-komm-raus mein Gehirn aus, nur um eine Interpretation zu suchen, wo es vielleicht nichts zu interpretieren gibt. Wenn ein anderer sie findet, bin ich gern bereit, ihm gedanklich zu folgen. :winken:
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    • Marie schrieb:

      Muss man sich darüber Gedanken machen?
      Sicher nicht, und wie wir in Chochmah 6 erfahren, hat die ganze kabbalistische Untersuchung Casaubons rein gar nichts ans Licht befördert. In diesem sechsten
      Abschnitt erfreut uns Eco auch mit der Erwähnung der Atabaques, einer Trommel die für die Rituale der brasilianischen Religion des Candomble genutzt wird.
      Macht auch nicht viel Sinn und ist ein weiteres Bruchstück dessen Verbindung zur Geschichte eher zweifelhaft ist.
      Wie du schon schreibst @Marie , Herr Eco zeigt gerne, dass er auf allen Gebieten etwas Tolles weiß. :roll:
      Achte auf die Stille und bewahre sie, denn sie bringt alle Träume des Menschen

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    • Chochmah 6


      Manchmal sind Lösungen so einfach, dass man nicht drauf kommt, vor allem wenn man in so komplizierten Gebieten wie der Kabbala unterwegs ist.
      Casaubon tippt stinksauer und enttäuscht auf die Frage "Hast du das Passwort?" einfach mal "Nein" ein und siehe da, Belbos Dateien tauchen auf.
      Das erinnert mich dann doch ein wenig an Tolkiens Idee, über den Toren von Moria die Worte, "Sprich Freund und tritt ein" zu schreiben. Da kommt auch
      zuerst einmal niemand drauf, einfach nur das Wort "Freund" zu sprechen.

      Nun hat er die Dateien von Belbo, konzentriert sich aber ausschließlich auf eine Datei die nur aus Zitaten besteht, die sich auf Belbos letzte Lektüre beziehen.
      Wir erfahren nicht, welche Lektüre das war und wir erfahren auch noch nicht, was aus Casaubons Warterei im Periskop wurde. Anfangs dachte er halt über all
      das nach, was diese Geschichte ins Rollen brachte, nun ist es 3 Tage später und Casaubon ist bereit, seine Rekonstruktion der Ereignisse an den Leser zu
      bringen.
      Wenn man folgendes liest, wird klar, dass Casaubon den Versuch der Drei, die Welt neuzuschreiben, mit großer Skepsis betrachtet. Tatsache ist, dass die
      letzte Lektüre die Torah war, die fünf Bücher Mose. Es werden uns also Weisungen erwarten und ich werde mich eher schweren Herzens mal informieren, was
      es mit diesen fünf Büchern so auf sich hat.


      U. Eco schrieb:

      Wie unverantwortlich waren wir gewesen, Belbo, Diotallevi und ich, als wir daran gingen die Welt neuzuschreiben oder - wie Diotallevi gesagt hätte -
      diejenigen Teile des Heiligen Buches aufzudecken, die mit weißem Feuer eingraviert waren zwischen den Zeilen der schwarzen Lettern, die gleich
      schwarzen Insekten die Torah bevölkerten und zu verdeutlichen schienen.
      12 Jahre geht es nun zurück in das Jahr 1970 und Casaubon beginnt mit seiner ersten Begegnung mit Jacobo Belbo.
      Achte auf die Stille und bewahre sie, denn sie bringt alle Träume des Menschen

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