Bücherwichteln auf BuecherTreff.de

Jurij Trifonow - Das andere Leben / Другая жизнь


    Affiliate-Link

    Das andere Leben

    von

    5|1)

    Verlag: Bertelsmann Verlag

    Bindung: Gebundene Ausgabe

    Seitenzahl: 206


    ISBN: 9783570019993


    Termin: Februar 1991

    • Jurij Trifonow - Das andere Leben / Другая жизнь

      Der Autor (Wikipedia): Der am 28. August 1925 in Moskau geborene Jurij Walentinowitsch Trifonow war ein sowjetischer Schriftsteller russischer Sprache und führender Vertreter der sogenannten sowjetischen „städtischen Prosa“, einer Bewegung der 1970er-Jahre, die durch die psychologisch komplexen Werke Anton Tschechows und seine US-amerikanischen Nachfolger im 20. Jahrhundert inspiriert wurden.
      Er wuchs im Luxusviertel des Moskauer Arbat auf. Nachdem sein Vater Valentin Trifonow 1937 im Zuge der Stalinistischen Säuberungen erschossen wurde, zog seine Familie vom berühmten „Haus an der Uferstraße“ in ein heruntergekommenes kommunales Mietshaus. Zwischen 1944 und 1949 studierte er Literaturwissenschaft und übersetzte Heinrich Heine und Johannes R. Becher ins Russische. Seine erste eigene Veröffentlichung erfolgte im Jahr 1947. Sein erster Roman „Die Studenten“ von 1950 trug ihm den Stalinpreis III. Klasse ein. Seine Arbeiten behandelten unter anderem die moralische Doppelbödigkeit der sowjetischen Intelligentsia, das tragische Schicksal der Kosaken während des russischen Bürgerkrieges oder radikale Untergrundbewegungen im russischen Zarenreich.

      Als Trifonows beste Werke gelten seine vielgelesenen „Moskauer Novellen“: Der Tausch (Обмен, 1969), Zwischenbilanz (Предварительные итоги, 1970), Der lange Abschied (Долгое прощание, 1971), Ein anderes Leben (Другая жизнь, 1975) und (am wichtigsten) Das Haus an der Uferstraße (Дом на набережной, 1976). Seine Literatur zählen Kritiker zu den künstlerisch formal wie inhaltlich ausgereiftesten, sowie ästhetisch vollkommensten Werken der Sowjetliteratur. 1981 galt er laut englischer Wikipedia als heißer Anwärter auf den Literaturnobelpreis, doch er starb am 28. März 1981 in Moskau.

      Inhalt (Klappentext): Eine vierzigjährige Witwe erzählt in Rückblenden die Geschichte ihrer Ehe. Ihr Mann, ein Historiker, starb an Herzversagen. In jahrelangen trostlosen Reibereien mit Vorgesetzten, Berufsrivalen und Familienmitgliedern hat er sich verausgabt. Es ist die Geschichte einer zunächst sehr glücklichen, später nie ganz unglücklichen Ehe. Und die Geschichte „großfamiliärer“ Verstrickungen quer durch die Generationen. Darüber hinaus entsteht ein Bericht über die Moskauer Intellektuellen und ein Stück erzählte Geschichte der Revolution. Trifonow schreibt kritisch und völlig schonungslos, er zeigt das erregende Bild des Lebens der heutigen Moskauer Intellektuellen: voller Verschränkungen und Verstrickungen, mit teils tragischen, teils absurden Zuspitzungen.

      Der Roman „Другая жизнь" (bzw. Drugaja shisnj) von 1975 erschien auf Deutsch als "Das andere Leben", übersetzt aus dem Russischen von Alexander Kaempfe, 1976 im C. Bertelsmann Verlag in München. Weitere deutsche Ausgaben sind unter anderem aus dem Jahr 1978 bei Volk + Welt in Ostberlin und aus dem Jahr 1981 bei Rowohlt in Reinbeck bei Hamburg.

      Es gibt keine größere Qual als das Nichtverstehen und die Unmöglichkeit zu helfen! (S. 196)

      Ein Roman über Menschen, die erst wissen, was das Glück ist, wenn ihr Leben endet; ihr Leben, nicht ihr Dasein. Der Weg in ein anderes Leben ist steinig und einsam. Auch ein Roman über das Zusammenleben und die Konflikte zweier unterschiedlicher Temperamente. Über den philosophierenden Historiker Serjoscha, der vielleicht zu wenig an die Zukunft denkt und sich im Zwischenreich seiner Doktorarbeit zu sehr treiben lässt, der sich in der Narrenpose gefällt und ein vages Leben führt, immer häufiger Zuflucht im Alleinsein sucht, und über seine Frau Olga, eine materialistische Biologin, die unsinnige Eifersucht und nicht eingestandene Gefühle bezüglich ihres Ehelebens plagen, die glaubt, ihr Leben zu sehr an ihrem Ehemann auszurichten, der ihr fast alleiniger Austauschpartner und Ratgeber ist, die darunter leidet, ihrem Mann keine Stütze mehr zu sein und die obendrein sein infantil gebliebenes Mutter-Sohn-Verhältnis nicht wirklich glücklich werden lässt.

      Das Schöne daran ist, dass ihr Eheleben sehr differenziert gezeigt wird; die Darstellung erschöpft sich nicht in der sehr traditionellen Konstellation eines schwachen, gefühligen, aufbrausenden Kindskopfes und seiner zänkischen Frau. Es fliegen keine Vorwürfe und Keifereien hin und her. Ihr Alltag ist ein gegenseitiges Ringen um das richtige Verhalten, ihre Charaktere sind nicht selten in ihrer Entwicklung und in den Taten, in denen sie sich äußern, gehemmt durch die nur vermutete Kritik des angeheirateten Gegenübers. Das auf den Lebenspartner projezierte Schuldgefühl. Das ist alles in ganz einfache Worte gekleidet. Große innere Leidenschaften, ohne große Mätzchen erzählt. Nach außen dringen Trauer und Wut.

      Jede Ehe ist ein Zweiweltensystem. Zwei Systeme begegnen sich im Kosmos und kollidieren auf Leben und Tod, kollidieren für immer. (S. 45)

      Menschen die sich brauchen, die sich aber nicht verstehen. Das Verhalten des anderen und die eigenen Gefühle scheinen unverständlich. So wird es ihnen zur Unmöglichkeit, einander zu helfen. Kein Wunder, dass Ehemann Serjoscha, der an seinem Institut immer stärker geschasste Historiker, über seinen ausbleibenden wissenschaftlichen Erfolg verzweifelt - aller spöttischen Überlegenheit und dem Hass auf die hartherzigen Karrieristen zum Trotz. Keine autarke Position, nur vorgeschobene Pose. Und seine Frau, die die Pose durchschaut, sie aber nicht ansprechen kann, ohne ihn zu verletzen, schweigt.

      Seine Verzweiflung steigert sich, als ihm der Gewissheit kommt, dass sein berufliches Arbeitsfeld, die Geschichte, weniger Aufschluss über die Gegenwart und die Zukunft liefert, als er es sich bisher erhoffte, und sein besonderes Untersuchungsgebiet, die Ochranka genannten zaristischen, vorrevolutionären Geheimdienste Russlands, vielleicht sogar nur für eine verschwindend geringe Anzahl Menschen wirklich bedeutsam wäre. Sein Leben - ein verschenktes Leben? Er nur ein Ehemann, der seiner Familie keine Zukunft bieten kann, der seine Zeit vertändelt?

      In der Folge wendet er sich in seiner Freizeit immer mehr der Parapsychologie zu, befasst sich mit extrasensorischer Wahrnehmung und besucht spiritistische Sitzungen. Für ihn ein Weg zum Verständnis und Erkenntnis anderer Menschen, jetzt, wo ihn alle bisherigen Erkenntnispfade anscheinend in die Irre und nur zu Unverständnis geführt haben. In seinen Augen liegt hier ein Neuanfang, doch führt ihn sein neues Steckenpferd nur immer weiter weg von seiner Frau. Bis schließlich sein Herz nicht mehr mitmacht.

      Und ihr Leben, das jäh verlosch, wie eine durchgebrannte Glühbirne: war das eine bloße Verquickung von Formeln? Ein Mensch geht fort, seinen Weggang aus der Welt begleitet eine Emanation in der Form des Schmerzes, dann beginnt der Schmerz zu verlöschen, und eines Tages, wenn die den Schmerz Empfindenden selber fortgegangen sind, wird er ganz verschwinden. Ganz und gar, ganz und gar. Nichts, außer Chemie … Chemie und Schmerz: daraus, nur daraus bestehen Leben und Tod. (S. 123)

      Ein Roman über Nichtverständnis und Traurigkeit und die Versuche, das menschliche Leben zu begreifen – geschichtlich, spirituell oder naturwissenschaftlich; über die Lebensfäden, die die Menschen mit der Geschichte, den Sinnen und dem Kosmos verbinden, von denen sie niemals loskommen. Ein Sammelsurium von lauter Dingen und Verhaltensweisen, die miteinander in Verbindung stehen; nichts, das ohne Bezug zu allem anderen stände. Aber dabei so vielfältig und kaum entwirrbarr; für Menschen im Grunde nicht zu verstehen. Leben quasi als das Ziehen an den Fäden. Oder das Hängen an den Fäden; eine Situation, von der man sich kaum freimachen kann.

      Ich habe lange schon keine Geschichte mehr gelesen, die so sehr fast nur aus der Beschreibung emotionaler Zustände und zwischenmenschlicher Beziehungen bestand, die sowenig an Handlungen interessiert ist. Die Figuren tun anscheinend nichts, um etwas zu erreichen, sondern eher, um sich über sich selbst klar zu werden. Sie wollen erkennen und erkannt werden. Ein außerordentlich trauriges Buch - ruhig und konzentriert, doch im Inneren der Figuren brodelt großes Leid - über die Unmöglichkeit, sich verständlich zu machen und sich anderen zu öffnen. Ein Roman von luftabschnürender Wahrhaftigkeit und Menschlichkeit. :pray:
      Lucius Shepard "Das Leben im Krieg" (506/601)
      Don DeLillo "Weißes Rauschen" (44/382)

      Jahresbeste: Willa Cather (2017), Adrian Tomine (2016), Derek Raymond (2015), James Agee (2014), Ken Kesey (2013), Jim Nisbet & Richard Ford (2012) :king:
      Gelesen: 112 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
      Letzter Buchkauf am 2.12.2017: Robert Olmstead "Der Glanzrappe"
    • Eine Ausgabe in russischer Sprache "Другая жизнь".
      Lucius Shepard "Das Leben im Krieg" (506/601)
      Don DeLillo "Weißes Rauschen" (44/382)

      Jahresbeste: Willa Cather (2017), Adrian Tomine (2016), Derek Raymond (2015), James Agee (2014), Ken Kesey (2013), Jim Nisbet & Richard Ford (2012) :king:
      Gelesen: 112 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
      Letzter Buchkauf am 2.12.2017: Robert Olmstead "Der Glanzrappe"
    • In diesem US-Sammelband finden sich die zwei Trifonow-Romane, die auf Deutsch "Das andere Leben" und "Das Haus an der Uferstraße" heißen, in englischer Übersetzung von Michael Glenny. Das Buch hat ein Vorwort von John Updike und erschien 1999 in der Reihe "European Classics".
      Lucius Shepard "Das Leben im Krieg" (506/601)
      Don DeLillo "Weißes Rauschen" (44/382)

      Jahresbeste: Willa Cather (2017), Adrian Tomine (2016), Derek Raymond (2015), James Agee (2014), Ken Kesey (2013), Jim Nisbet & Richard Ford (2012) :king:
      Gelesen: 112 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
      Letzter Buchkauf am 2.12.2017: Robert Olmstead "Der Glanzrappe"
    • @Farast: So ist's richtig! :wink: Das Buch sollte Dir gefallen! :winken: Es ging jetzt doch schneller mit meiner Rezension als gedacht (Du hast sie ja erst am Nachmittag "bestellt" :wink: ), aber ich konnte gestern nicht mehr aufhören mit lesen. :drunken: Und lang ist der Roman ja auch nicht mit seinen 206 Seiten.
      Lucius Shepard "Das Leben im Krieg" (506/601)
      Don DeLillo "Weißes Rauschen" (44/382)

      Jahresbeste: Willa Cather (2017), Adrian Tomine (2016), Derek Raymond (2015), James Agee (2014), Ken Kesey (2013), Jim Nisbet & Richard Ford (2012) :king:
      Gelesen: 112 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
      Letzter Buchkauf am 2.12.2017: Robert Olmstead "Der Glanzrappe"
    • Jean van der Vlugt schrieb:

      Es ging jetzt doch schneller mit meiner Rezension als gedacht
      Darüber hatte ich mich auch schon etwas gewundert. Das ging ja unglaublich flott :study:

      Jean van der Vlugt schrieb:

      aber ich konnte gestern nicht mehr aufhören mit lesen
      Das klingt vielversprechend für die eigene Lektüre!

      Jean van der Vlugt schrieb:

      Und lang ist der Roman ja auch nicht mit seinen 206 Seiten.
      Was auch meinen eigenen Lesegewohnheiten zZt sehr entgegenkommt.
      Bücher müssen mit soviel Überlegung und Behutsamkeit gelesen werden, als sie geschrieben wurden.
      Henry D. Thoreau




      :montag: Ich lese gerade
    Anzeige
    BuecherTreff.de in den Medien