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Heinz Strunk - Der goldene Handschuh

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    Der goldene Handschuh

    von

    3.4|19)

    Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag

    Bindung: Taschenbuch

    Seitenzahl: 256


    ISBN: 9783499271274


    Termin: März 2017

    • Heinz Strunk - Der goldene Handschuh

      Der Autor (Wikipedia): Der am 17. Mai 1962 in Hamburg als Mathias Halfpape geborene Heinz Strunk (weiteres Pseudonym: Jürgen Dose) ist ein deutscher Entertainer und Autor. Zusammen mit Jacques Palminger und Rocko Schamoni bildet er das humoristische Trio "Studio Braun". 2004 erschien sein stark autobiografisch gefärbter Roman "Fleisch ist mein Gemüse", in dem er über seine Erlebnisse als Heranwachsender mit der Showband „Tiffanys“ reflektiert und das Schicksal eines ambitionierten Musikers in einer drittklassigen Tanzkapelle mit skurrilen Milieu-Beschreibungen der norddeutschen Provinz schildert. Seitdem erschienen sieben weitere Bücher, die bis auf „Der goldene Handschuh“ zumeist autobiografisch gefärbt sind, u.a. „Die Zunge Europas“ (2008) und „Junge rettet Freund aus Teich“ (2013). Außerdem moderierte er 2003 bis 2004 die VIVA-Sendung „Fleischmann TV“ sowie die Jürgen-Dose-Show auf „Radio Fritz“, spielte an der Seite des Satiriker-Duos „Stermann & Grissemann“ 2007 in dem Spielfilm „Immer nie am Meer“ von Antonin Svoboda und 2012 in der Musik-Mockumentary „Fraktus“ von Lars Jessen, ist Mitglied der PARTEI, nicht verheiratet und hat keine Kinder.

      Inhalt (nach Verlagsseite): Der schreckliche Held dieses phantastisch düsteren, grell komischen und unendlich traurigen Romans heißt Fritz Honka, ein Frauenmörder aus der untersten Unterschicht, der 1976 in einem spektakulären Prozess schaurige Berühmtheit erlangte. Honka, ein Würstchen, wie es im Buche steht, geistig und körperlich gezeichnet durch eine grausame Jugend voller Missbrauch und Gewalt, nahm seine Opfer aus der Hamburger Absturzkneipe „Zum Goldenen Handschuh“ mit.
      Strunks Roman taucht tief ein in die infernalische Nachtwelt von Kiez, Kneipe, Abbruchquartier, deren Bewohnern das mitleidlose Leben alles Menschliche zu rauben droht. Mit erzählerischem Furor, historischer Genauigkeit und ungeheurem Mitgefühl zeichnet er das Bild einer Welt, in der nicht nur der Täter gerichtsnotorisch war, sondern auch alle seine unglücklichen Opfer. Immer wieder unternimmt der Roman indes Ausflüge in die oberen Etagen der Gesellschaft, zu den Angehörigen einer hanseatischen Reederdynastie mit Sitz in den Elbvororten, wo das Geld wohnt, die Menschlichkeit aber auch nicht unbedingt. Am Ende treffen sich Arm und Reich in der Vierundzwanzigstundenkaschemme am Hamburger Berg, zwischen Alkohol, Sex, Elend und Verbrechen: Menschen allesamt, bis zur letzten Stunde geschlagen mit dem Wunsch nach Glück.

      Der Roman "Der goldene Handschuh" von Heinz Strunk (auf dem Umschlag wird "golden" kleingeschrieben) erschien 2016 im Rowohlt Verlag. Eingeleitet wird der Roman von einem längeren Zitat des Serienmörders Jürgen Bartsch. Die hartgebundene Ausgabe umfasst 254 Seiten. Den Umschlag ziert eine Zeichnung des belgischen Künstlers Dave Decat.

      "Der goldene Handschuh" ist ein drastischer Roman mit Szenen aus dem Leben des Hamburger Serienmörders Fritz Honka, wobei das Augenmerk nicht auf der Darstellung diverser Tötungsszenarien liegt, sondern auf dem absolut trostlosen Alltag eines asozialen, völlig vom Leben und der Gesellschaft abgehängten Alkoholikers. Drastisch wird der Roman nicht durch Blut (tatsächlich kommen Mordszenen eigentlich erst zum Ende hin vor), sondern durch Pisse und Verwahrlosung, durch eine sehr explizite Fäkalsprache und den widerlichen Umgang der Menschen untereinander: Jede Gemeinschaft ist ein Witz, Sexualität ein Mittel, um einander fertig zu machen. Ein Roman voller Menschen, die leiden und andere leiden lassen.

      Der Roman verzichtet völlig auf jede Art von Identifikationsfiguren, schaut eher zu bei dem Treiben der Gestalten. Er musste mich auch viele Seiten lang erst davon überzeugen, dass die Figuren nicht nur vorgeführt werden wie Tiere in einem Zoo, dass er nicht nur einen geilen Blick in eine Parallelwelt riskieren will, der einen anrüchig schaudern und erregt zurücklässt. Ganz habe ich den Gedanken auch bis zum Ende nicht verwinden können. Was mich dennoch für den Roman einnimmt, ist die Einladung, Mitgefühl für die Figuren zu empfinden; nicht gesteuert mittels billiger melodramatischer Tricks, sondern einfach durch das Vor-den-Latz-knallen – der Dreck, das Gebrülle, das besinnungslose Gesaufe, die unmöglichen Zecher in der Absturzkneipe mit ihren unmöglichen Ansichten, die nur durch Lautstärke und Prügel eine Lebendigkeit vorgeben, die die aus Erfahrung stillen, beschädigten und geprügelten Gestalten in den Ecken, zusammengesunken in dreckigen Kneipenklos oder eingesperrt in vermüllten Bruchbuden längst nicht mehr aufbringen: Sterbliche Überreste.

      Was den Roman stark macht, sind die der Wirklichkeit abgelauschten Dialoge, auch wenn man die Dinge, die gesagt werden, und die Weltanschauung, die oft dahinter steckt, eigentlich nicht kennen will. In ihnen veräußern sich die Menschen, die so sind, wie sie eben sind. Warum sie so sind, ist eher nebensächlich.

      Das Schöne an dem Roman sind nicht eine hochliterarische Sprache oder ein besonders cleverer Aufbau, sondern zunächst, dass völlig auf jedes kriminalliterarische oder psychologische Klischee verzichtet wird. Es gibt keine Erlösung durch die Strafverfolgung, keine Einfühlung in die Psyche der Hauptfigur oder Erklärung seines Tuns, nichts, was einen Ausweg oder Hoffnung versprechen könnte. Hier werden keine Dämonen gebannt.

      Interessant ist auch die Einarbeitung einer Parallelgeschichte rund um drei Generationen einer bald bankrotten Reederfamilie. Auf diese Weise verhindert es der Autor, jede Degeneration, jeden Menschenhass und jeden Hang zum Asozialen einer bestimmten Gesellschaftsschicht zuzuschreiben. Es sind nicht „die da unten“, die die Umstände ihres Lebens in die Asozialität und in die Ablehnung jedes menschlich Schönen treiben. Nein, für unterschiedliche Menschenschläge gibt es unterschiedliche Ursachen, zu verrohen und abzustürzen. Jeder, ob arm oder reich, hat seine eigene Gewaltphantasie. "Der Schmerz, den du fühlst, ist das Geld, das dir fehlt", scheint dabei auf alle zuzutreffen. Und alle Figuren müssen höllisch aufpassen, nicht die Kontrolle über das ihnen entgleitende Leben zu verlieren. Etlichen gelingt es in diesem Roman ja leider nicht ...

      Schön sind vor allem die vielen Kleinigkeiten an Beschreibungen, die eben nicht durch die ausführliche Archivrecherche, die der Autor im Vorfeld betrieben hat, in den Roman gekommen sind, sondern die auf der Menschenkenntnis und der Einfühlung des Autors in die abgehängten Gestalten des Buches basieren: Wie sich Honka, der sprachlich keine Leuchte ist, Sätze zurechtlegt, um sie im Gespräch mit seinem neuen Arbeitsgeber anzubringen („Sie können sich ganz auf mich verlassen“), wie sich über die unterschiedliche Street Credibility von Spitznamen ausgelassen wird (Honka wird "Fiete" genannt, ein Spitzname zweiter Klasse, gleichwohl ist er ganz froh, klingt "Fiete" doch irgendwie pfiffig und sympathisch; besser sind allerdings Doppelnamen wie Bulgaren-Harry oder Soldaten-Norbert), wie der hässliche und erniedrigte Teenagersohn der Reederfamilie die ungewohnt freundschaftlichen Gefühle einer attraktiven Mitschülerin gedanklich auslegt, wie Menschen, denen es richtig schlecht geht, sich andere suchen, auf die sie herabschauen und die sie herumschubsen können. Das geht soweit, dass der sadistische Honka (Sadist, und doch ein armes Würstchen) aufgegabelte Alkoholikerinnen, die ohne Bleibe und Auskommen sind, bei sich wohnen und „Verträge“ unterschreiben lässt, sie haben es noch nie so gut gehabt wie in seiner Obhut - und werden, solange sie bei ihm sind, darauf verzichten eine eigene Meinung zu haben.

      Als schöne, fast erschreckende Herausforderung an den Leser empfand ich es auch, dass etliche Gedanken Honkas, dieser niederträchtigen und unmenschlichen Type, die er über seine Mitmenschen und das menschliche Miteinander äußert, vernünftig und wahrhaftig scheinen. Findet man Honka seitenlang nur widerlich, entwickelt er sich in anderen Kapiteln zu einer verlässlichen, schon fast sympathischen Figur, einer Stimme der Vernunft, mit einer zugeschütteten Menschlichkeit samt Hoffnungen und Ambitionen, die über das Überstehen eines Tages hinausgehen, dann, wenn er sich erträumt, seinem desaströsen Leben und seinem Umfeld zu entfliehen.

      Auch wenn der Roman tatsächlich eine ziemliche Zumutung darstellt (wenn man so will: eine Kreuzung aus Houellebecq, Hubert Fichte und Bret Easton Ellis, Fips Asmussen und "Henry - Portrait of a Serial Killer"), und es etwas dauerte, mich für ihn einzunehmen, ist er am Ende dann doch eine bemerkenswerte Schilderung der Enge menschlicher Sehnsüchte und der Grenzen der Menschlichkeit.

      Obwohl ich etwas wacklig vier Sterne vergebe, kann ich keine allgemeine Empfehlung aussprechen, da sich den Roman nur solche Leser vornehmen sollten, die mit Unflat, Kraftausdrücken, Gewalt und Verrohung keine Probleme haben.
      Lucius Shepard "Das Leben im Krieg" (361/601)
      Thomas Gaschler & Eckhard Vollmer "Dark Stars - 10 Regisseure im Gespräch" (103/300)
      John Casey "Der Traum des Dick Pierce" (91/392)

      Jahresbeste: Willa Cather (2017), Adrian Tomine (2016), Derek Raymond (2015), James Agee (2014), Ken Kesey (2013), Jim Nisbet & Richard Ford (2012) :king:
      Gelesen: 110 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
      Letzter Buchkauf am 15.11.2017: Lucia Berlin "Was ich sonst noch verpasst habe"
    • Jean van der Vlugt schrieb:

      Obwohl ich etwas wacklig vier Sterne vergebe, kann ich keine allgemeine Empfehlung aussprechen, da sich den Roman nur solche Leser vornehmen sollten, die mit Unflat, Kraftausdrücken, Gewalt und Verrohung keine Probleme haben.
      Auch wenn ich zu denen gehöre, die damit Probleme haben, gefällt mir deine Rezension ausgesprochen gut. Mein Kopfkino fing schon an zu laufen, und ich weiß sicher: Das ist nichts für mich.
      Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. (Oscar Wilde)

      Bücher sind auch Lebensmittel. (Martin Walser)
    • Marie schrieb:

      Mein Kopfkino fing schon an zu laufen, und ich weiß sicher: Das ist nichts für mich.
      Ja, da hast Du wahrscheinlich recht. Was natürlich trotzdem schade ist, ist der Roman ja eben nicht für die Gorehounds geschrieben, für blutrünstige Leser, die eine schnelle, spannende, oberflächliche Geschichte suchen. Ich fühlte mich beim Lesen, obwohl ich nicht zimperlich bin, über weite Strecken auch eher unwohl.
      Lucius Shepard "Das Leben im Krieg" (361/601)
      Thomas Gaschler & Eckhard Vollmer "Dark Stars - 10 Regisseure im Gespräch" (103/300)
      John Casey "Der Traum des Dick Pierce" (91/392)

      Jahresbeste: Willa Cather (2017), Adrian Tomine (2016), Derek Raymond (2015), James Agee (2014), Ken Kesey (2013), Jim Nisbet & Richard Ford (2012) :king:
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    • Jean van der Vlugt schrieb:

      kann ich keine allgemeine Empfehlung aussprechen, da sich den Roman nur solche Leser vornehmen sollten, die mit Unflat, Kraftausdrücken, Gewalt und Verrohung keine Probleme haben.
      Vorhin habe ich mich mit meiner Mutter unterhalten, die dieses Buch gerade beendet hat und sie sprach im ähnliches Wortlaut über dieses Buch wie du. Sie sagte, es sei wahrlich nichts für das samfte Gemüt und auf gewisser Weise sei sie froh, dass sie das Buch nun beenden konnte, da es doch sehr heftig sei. Jedoch sei es schon ein gutes Buch, aber es sei schwer eine Leseempfehlung auszusprechen. Also wirklich deinen Worten sehr ähnlich.
      ~ Wer Schmetterlinge lachen hört, der weiß, wie Wolken schmecken. ~
      Carlo Karges
    • @Vogue: Und ich wüsste nicht, wie man es anders erzählen sollte, als mit der ganzen deprimierenden Unflätigkeit und der inneren wie äußerlichen Verwahrlosung. Es ist eben kein durchgestylt-brutaler Serienkillerroman, in dem der Täter der Polizei irgendwelche Botschaften in die Opfer ritzt, um mit den Ermittlern ein intellektuelles Spielchen zu spielen. :roll: Wahrscheinlich geht die Geschichte einem (deiner Mutter, mir ... ) daher auch so nahe: Keine "schicken" Gewalttätigkeiten (die man als Leser quasi artistisch wegstecken kann), sondern wirkliche Verwahrlosung.
      Lucius Shepard "Das Leben im Krieg" (361/601)
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    • Meine Meinung:
      Ich muss sagen, ich hatte mir mehr "Story* vorgestellt, irgendwie kam mir alles so runtergespult vor. Die widerliche Ausdrucksweise ist dem Milieu geschuldet, in dem sich Honka tagtäglich sehen lässt, denn in der 24-Stunden-Kneipe *Goldener Handschuh* treiben sich nur gestrandete und heruntergekommen Personen rum, die kein richtiges geregeltes Leben mehr haben. Sozusagen, die unterste Schicht Hamburgs. Obdachlose, Alkoholiker, Nutten, Arbeitslose und Zuhälter.
      Honka gabelt dort Frauen auf und nimmt sie mit zu sich, außer Sex, will er die Macht über Frauen ausüben, da er sonst ein ziemlicher Versager ist und somit eigentlich auch ein armes Würstchen. Detailliert wird nicht direkt auf die Frauenmorde eingegangen, aber ansatzweise wird beschrieben was er mit ihnen macht. Da die Frauen oftmals selber niemanden mehr haben, werden sie auch nicht vermisst.
      Ausschweifend beschrieben und extrem unnötig in die Länge gezogen finde ich die Beschreibungen mancher Personen und deren Eigenschaften. Und der Schreibstil von Heinz Strunk ist so gar nicht meiner, mir zu abgehackt und zu wiederholend.
      Interessanter Fall, schlecht wiedergegeben.

      Von 5 möglichen Sternen bekommt das Buch von mir: :bewertung1von5: :bewertung1von5:
    • Kurzbeschreibung:
      Dieser phantastisch düstere, grell komische und unendlich traurige Roman ist der erste des Autors, der ohne autobiographische Züge auskommt. Ein Strunkbuch ist es trotzdem ganz und gar. Sein schrecklicher Held heißt Fritz Honka – für in den siebziger Jahren aufgewachsene Deutsche der schwarze Mann ihrer Kindheit, ein Frauenmörder aus der untersten Unterschicht, der 1976 in einem spektakulären Prozess schaurige Berühmtheit erlangte. Honka, ein Würstchen, wie es im Buche steht, geistig und körperlich gezeichnet durch eine grausame Jugend voller Missbrauch und Gewalt, nahm seine Opfer aus der Hamburger Absturzkneipe «Zum Goldenen Handschuh» mit. *Quelle*

      Zum Autor:
      Der Schriftsteller, Musiker und Schauspieler Heinz Strunk wurde 1962 in Hamburg geboren. Sein Buch «Fleisch ist mein Gemüse» verkaufte sich fast 500.000-mal. Es ist Vorlage eines preisgekrönten Hörspiels, eines Theaterstücks und eines Kinofilms. Auch die darauf folgenden Bücher des Autors wurden zu Bestsellern.

      Meinung:
      Es ist schwierig zu beschreiben, was man von diesem Roman halten soll, den Heinz Strunk mit Der goldene Handschuh zu Papier gebracht hat. Am besten würde es vielleicht abstoßend und faszinierend zugleich beschreiben.

      Auf jeden Fall handelt es sich hierbei um sehr starken Tobak, mit dem nicht jeder Leser zurechtkommen dürfte. Hauptfigur ist der reale Serienmörder Fritz Honka, der Mitte der 1970er Jahre in Hamburg 4 Frauen ermordete und die Überreste teilweise in seiner kleinen Wohnung und auf dem Dachboden versteckte.

      Fritz Honka verkehrt in der Kneipe, deren Name gleichzeitig für den Titel des Romans Pate stand, in der sich am Leben gescheiterte Existenzen die Klinke in die Hand geben. Menschen, die keinen Halt mehr im Leben haben, die sich quasi von Alkohol ernähren und eigentlich nur noch auf den erlösenden Tod warten.

      In dieser Umgebung liest Honka, Nachtwächter von Beruf und seit seiner Jugend durch Unfälle entstellt, ältere Frauen auf, die kein Zuhause haben und glücklich über eine Übernachtungsmöglichkeit sind. Diese versucht er sich zu eigen zu machen, zu "versklaven", wie er sich ausdrückt. Doch dies geht immer nur eine gewisse Zeitlang gut, denn Honka hat gewaltvolle und perverse Machtfantasien, die er auch an den Frauen auslebt.

      Heinz Strunk nimmt in seinem Roman kein Blatt vor den Mund. Er berichtet ungeschönt über den kranken Alltag von Honka, in dem sich alles nur um Alkohol und sexuelle Fantasien dreht, eine Hoffnungslosigkeit und ein Dahinvegetieren, das den Leser verstört.

      Ein weiterer Handlungsstrang erzählt von der Reederfamilie von Dohren, die sich dank der Judenverfolgung im 3. Reich bereichert hat und deren Familienmitglieder ebenso, ich nenne es mal kaputt sind wie Honka. Wie diese beiden Erzählstränge zusammenhängen, erfährt man als Leser recht spät, doch der Kern der Aussage bezieht sich darauf, dass sich Laster wie Alkoholabhängigkeit oder auch perverse Fantasien nicht nur auf die unterste Schicht der Gesellschaft beziehen, sondern diese auch in bessergestellten Schichten auftritt.

      Gut gefallen hat mir, dass hier nicht die Morde, die Fritz Honka begeht, im Vordergrund stehen. Diese werden erst auf den ca. letzten 50 Seiten explizit Thema. Vielmehr dreht sich das Buch um seinen Lebensweg und seinen Alltag, auch erfährt man mehr über seine Kneipenkumpanen, mit denen er im "Handschuh" verkehrt. Es ist schwer, als Leser dieses ganze Elend zu ertragen, aber Heinz Strunk schafft es durch seinen Erzählstil auch, eine gewisse Komik einzubauen, die zwar grotesk anmutet, aber die Handlung dadurch auch etwas leichter verdauen lässt.

      Fazit:
      Ein Roman wie ein Paukenschlag! Zartbesaiteten Lesern rate ich von dieser Lektüre ab, aber wer sich für die Seele und Gedankengänge eines Serienmörders, dessen Motivation und Lebensalltag in einer Umgebung, die nur schwer nachzuvollziehen ist, interessiert, dem kann ich diesen Roman nur weiterempfehlen.

      Wertung: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:
    • lesemaniac schrieb:

      Ein Roman wie ein Paukenschlag!
      Ich habe dieses Buch nicht gelesen, wundere mich aber etwas, dass es bei den Romanen eingeordnet ist. Ich hätte es eher bei den Biographien vermutet, oder hat der Autor vieles dazu gedichtet? :-k
      Fritz "Fiete" Honka ist mir seit meiner Jugend ein Begriff, in unserer Familie heißen die Aborte "Honka-Kabinett", seitdem es aufgrund eines Problems mit der Kanalisation im Gästeklo meines Bruders mal stank wie bei Fiete zuhause
      Spoiler anzeigen
      wegen der Leichenteile hinter der Wandverkleidung.
      :puker:
      "Books are ships which pass through the vast sea of time."
      (Francis Bacon)
      :study:
      Paradise on earth: 51.509173, -0.135998
    • €nigma schrieb:

      Ich habe dieses Buch nicht gelesen, wundere mich aber etwas, dass es bei den Romanen eingeordnet ist. Ich hätte es eher bei den Biographien vermutet, oder hat der Autor vieles dazu gedichtet?
      Dem schwer zu erfassenden Alltag eines Serienmörders wird sich hier in einer literarisch verdichteten Form genähert. Zwar auf der Grundlage von Gerichtsprotokollen, aber die vielen Dialoge und Kneipenszenen entstammen eher der Einfühlung des Autors. Der Roman ist keine echte Biografie, sondern ein exemplarischer Ausschnitt aus dem Alltag, dem obendrein eine völlig ausgedachte Nebenhandlung als Kontrast beigebeben wurde.
      Lucius Shepard "Das Leben im Krieg" (361/601)
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      Jahresbeste: Willa Cather (2017), Adrian Tomine (2016), Derek Raymond (2015), James Agee (2014), Ken Kesey (2013), Jim Nisbet & Richard Ford (2012) :king:
      Gelesen: 110 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
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    • Jean van der Vlugt schrieb:

      Dem schwer zu erfassenden Alltag eines Serienmörders wird sich hier in einer literarisch verdichteten Form genähert. Zwar auf der Grundlage von Gerichtsprotokollen, aber die vielen Dialoge und Kneipenszenen entstammen eher der Einfühlung des Autors. Der Roman ist keine echte Biografie, sondern ein exemplarischer Ausschnitt aus dem Alltag, dem obendrein eine völlig ausgedachte Nebenhandlung als Kontrast beigebeben wurde.
      Interessant. Wie kam der Autor denn an die Gerichtsprotokolle? Sind die denn öffentlich und einfach so für jeden zugänglich?
    • Benno schrieb:

      Interessant. Wie kam der Autor denn an die Gerichtsprotokolle? Sind die denn öffentlich und einfach so für jeden zugänglich?
      Er wird einen Archivar freundlich um Zugang gebeten haben ... :wink:
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    • Wie tief Menschen sinken können, macht sich die/der DurchschnittsbürgerIn meist kaum klar. Ab und zu sieht man solche geschlagenen Existenzen auf der Straße, gelegentlich kreist eine Gruselmeldung durch die Medien, wenn verwahrloste, auch alkoholkranke Menschen aus ihren Wohnungen geholt und in eine Klinik gebracht werden. Man schaudert sich dann wohlig beim Anblick dieser häßlichen, teils abstoßenden Gestalten und ist glücklich über das eigene, im Vergleich dazu doch schöne Leben. Doch was in diesen Menschen vorgeht, wie sie leben und fühlen, bleibt unbekannt, denn wer will schon zu solchen Personen in Beziehung treten?
      Heinz Strunk hat es gewagt und das Soziotop der Gaststätte 'Zum goldenen Handschuh' Mitte der Siebziger detailliert beschrieben. Hier finden sich die, die vom Alkohol bereits so zerstört sind, dass ein 'normales' Leben unerreichbar ist. Kriegsveteranen, Verlassene, Behinderte - aber auch Mancher aus der scheinbar so gut situierten Gesellschaft, wo Vieles nur Schall und Rauch ist. Allen gemeinsam ist, dass sie saufen um zu vergessen, um sich besser zu fühlen.
      Im Mittelpunkt der Geschichte steht Fritz Honka, ein erbarmungswürdiger Mensch, der zeit seines Lebens fast nur grausam misshandelt und verstümmelt wurde. Wenn er nicht arbeitet, säuft er bis knapp zur Bewusstlosigkeit im goldenen Handschuh, sodass es ihm noch gelingt, gelegentlich ein weibliches Wesen abzuschleppen, das noch weiter unten in gesellschaftlichen Skala steht (ja, das geht.) Älter sind sie, häßlich wie die Nacht und bar jeden Selbstvertrauens. Er misshandelt, missbraucht und versklavt sie, um sich selbst eine Stufe höher zu stellen.
      Daneben steht die Beschreibung einer alteingesessenen, ehrwürdigen Reedersfamilie, deren Glanz jedoch lange zurückliegt. Mittlerweile herrscht nur noch Gleichgültigkeit und Heuchelei und selbst der materielle Reichtum ist nur noch ein Trugbild. Der Senior ist zerfressen von Hass und Wut und wartet nur noch auf den richtigen Augenblick, um dem Allem Ausdruck zu verleihen. Sein Sohn, in einer gleichgültigen Ehe gefangen, verwaltet in der familieneigenen Reederei nur noch den Mangel und gibt sich im goldenen Handschuh regelmäßig dem Suff hin. Und sein Schwager, ein erfolgreicher lediger Rechtsanwalt, ist ein ebensolcher Alkoholiker wie Fritz Honka, von dem ihn lediglich unterscheidet, dass er ein schöneres Zuhaus und mehr Geld hat und damit besseren Alkohol und schönere Frauen bekommt.
      Kein sehr symphatisches Personal, das man in dieser Geschichte vorfindet. Und doch gelingt es Heinz Strunk, Mitgefühl für Fritz und die anderen Stammgäste im goldenen Handschuh zu wecken. Denn letzten Endes wollen sie nichts weiter, als ein bisschen Liebe und Respekt und wären mehr als glücklich, einen Menschen an der Seite zu haben, neben dem sie am Morgen aufwachen könnten. Es ist ein vulgäres, ordinäres und grausames Buch, und trotzdem gibt es immer wieder auch Szenen zum Lachen oder bei denen ich völlig gerührt war.
      Auch wenn sich das Ganze liest, als käme es von einem anderen Stern, sollte man sich klarmachen, dass wir sooo weit davon nicht entfernt sind. Wie es sich der Jüngste der Reedersfamilie denkt, als er das erste Mal im goldenen Handschuh ist: 'Wieviel davon steckt auch in mir, in jedem?...Werde ich auch so, wenn ich nur lange genug hier sitze?'
      :study: Evangelio von Feridun Zaimoglu
      :musik: QUALITYLAND von Marc-Uwe Kling
    • Auf die Frage, wie ich das Buch fand, würde mir als erstes "heftig" einfallen.
      Auf die weitere Frage, ob ich es empfehlen könnte, hätte ich zu Beginn "Nein" geantwortet, dann aber fiel mir ein guter Kollege ein, der es daraufhin quasi parallel zu mir las und mit dem ich mich darüber austauschen konnte.

      Der Schock, den dieser Roman versetzt, liegt weniger in den begangenen Morden, die beinahe nur wie eine Schlussfolgerung mehrerer verpfuschter Leben wirken, als vielmehr in folgenden Fragen:
      Wie tief kann man fallen? Wie dünn ist die Membran zwischen dem, was manche sich höchstens im stillen Kämmerlein denken und dem, was man laut ausspricht oder am Ende tut?
      Aus dem Grund fand ich die parallel erzählte Geschichte der Reeder - Familie wichtig, in der sich auch manche Perversion Bahn bricht, je nachdem wie schlecht es gerade um den sozialen Hintergrund bestellt ist.

      Letztlich ist es da nur konsequent, wie Strunk Honka und auch den allwissenden Erzähler reden lässt; so, wie man es tut, wenn einem nichts mehr am Leben hält außer dem nächsten Schluck Alkohol. Der nicht mehr steuerbare Trieb, eigentlich bar jeder sexuellen Erregung, der hierdurch entsteht, erinnerte mich an das Phänomen des Ritzens. Hauptsache, man spürt irgendetwas, auch wenn es weh tut, krank und ekelhaft ist.
      Die teils widerwärtige Sprache schützt auch vor "Sozialromantik". In solchen Milieus wird niemand Helfer sein können, der Mitleid empfindet, sondern in erster Linie jemand, der zupacken kann (verkörpert in der Frau von der Heilsarmee).

      Ich kann nach wie vor das Buch schwer weiterempfehlen, weil es derart abstoßend ist, bin aber froh, dass ich es gelesen habe.
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