David Foenkinos - Charlotte

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    Charlotte

    von

    3.8|5)

    Verlag: Penguin Verlag

    Bindung: Taschenbuch

    Seitenzahl: 240


    ISBN: 9783328100225


    Termin: November 2016

    • David Foenkinos - Charlotte

      Charlotte Salomon, eine jüdische Künstlerin, die 1943 in Auschwitz vergast worden ist, ist lange von der Kunstwelt und Kunstkritik kaum beachtet worden. Dabei hätte sie neben Paula Modersohn-Becker, Marc Chagall und anderen in einem Atemzug genannt werden und zu einer der bedeutendsten Künstlerinnen de 20. Jahrhunderts gezählt werden können.
      Als der Schriftsteller David Foenkinos zum ersten Mal von ihr erfährt und ihre Bilder sieht, treibt die Lebensgeschichte dieser jungen Frau ihn um, sie raubt ihm nachts den Schlaf, wie er berichtet, und sie geistert durch viele seiner letzten und erfolgreichen Romane. „Die Vorstellung, was aus ihr hätte werden können, wäre sie nicht ihrer jüdischen Herkunft wegen von den Nazis ermordet worden, ist zum Verzweifeln.“

      Jahrelange Recherchen führen schlussendlich zu einem Roman, mit dem Foenkinos erfolgreich versucht, diesem Leben und dieser Lebensgeschichte gerecht zu werden. Es ist ein Roman geworden, der aus relativ kurzen Sätzen besteht, nach denen er jedes Mal eine neue Zeile beginnt. So entsteht ein sehr dichtes und unter die Haut gehendes Leseerlebnis, das Charlotte Salomon dem Leser ganz nahe kommen lässt.

      Charlotte Salomon wird 1917 als Tochter jüdischer Eltern in Berlin geboren und wächst als einziges Kind einer bürgerlichen Familie auf, deren Geschichte vom Dunkel zahlreicher Suizide überschattet ist, die auch Charlotte eine tiefe Traurigkeit eingeprägt haben. Als sie neun Jahre alt nimmt sich die Mutter das Leben und Charlotte wird fortan von wechselnden Kindermädchen betreut, von denen einzig das Fräulein Hase ihr Herz erreicht. Nach der Heirat des Vaters, eines angesehene Chirurgen mit der gefeierten Opernsängerin Paula Lindberg gehen eine Zeitlang berühmte Künstler und Wissenschaftler bei den Salomons ein und aus. Doch die Machtergreifung der Nazis beendet das alles schlagartig. Der Vater verliert die Lehrbefugnis, die Stiefmutter ihre Engagements. Kurz vor dem Abitur muss Charlotte die Schule verlassen. Genau in dieser Zeit entdeckt sie ihre Begeisterung für die Malerei und findet in ihr einen Weg, der düsteren Wirklichkeit zu entfliehen. Foenkinos beschreibt das so:

      "Künstler erreichen in ihrem Leben einen bestimmten Punkt.
      Einen Punkt, an dem sich eine innere Stimme zu Wort meldet.
      Etwas in ihnen breitet sich unaufhaltsam aus, wie Blutstropfen im Wasser."
      Als eine der letzten Jüdinnen wird sie 1935 an der Berliner Kunstakademie zugelassen, doch 1939 muss sie zu den Großeltern nach Villefranche in Südfrankreich fliehen. Dort malt sie wie im Rausch einen Zyklus mit über tausend Gouachen expressionistischen Stils, in denen sie ihr ganzes Leben erzählt. „Leben? Oder Theater?“ betitelt sie dieses „Singspiel“, das sie 1942 mit den Worten „Das ist mein ganzes Leben“ einem Vertrauten übergibt.
      Das Versteck in Frankreich, wo sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Alfred Nagel lebt, wird bald zum Verhängnis. Als die SS die schwangere Charlotte Salomon am 21. September 1943 abholt, ist sie 26 Jahre alt.

      Ihre Bilder sind heute im „Joods Historisch Museum“ in Amsteramm ausgestellt. Dort hat sie Davoid Foenkino vor vielen Jahren gesehen und hat sie später zur Grundlage seines Romans gemacht, der ihm lange stilistisch Kopfzerbrechen bereitete:
      "Ich spürte ständig das Verlangen, eine neue Zeile zu beginnen.
      Um durchatmen zu können.
      Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genau so schreiben muss".
      Jede Zeile ein Satz. Es ist ihm damit ein überaus lebendiges Porträt gelungen. In seinem literarischen Andenken meldet sich Foenkinos immer wieder selbst zu Wort und gibt Rechenschaft über seine Arbeit als Autor. Er überwindet Konzeptionen und gängige Normen für eine Biografie und schafft so ein eigenes Kunstwerk, das dem der Charlotte Salomon gerecht wird.
      Seine poetisch-reduzierte Sprache, seine hohe Emotionalität, seine Mischung von Tatsachen und Fiktion verschafft dem Leser ein einzigartiges Erlebnis. Die hohen Auflagen in Frankreich und die Auszeichnungen, die das Buch erhalten hat, kommen nicht von ungefähr.

      Ein ganz außergewöhnliches Buch.
    • Das Buch ist zwar schon älter, aber ich stolpere gerade zufällig über Deine Rezension.
      Vielen Dank dafür!
      Ich sehe das auch so: Der Autor nähert sich in sehr persönlicher Weise der Malerin und folgt mit großer
      Empathie ihrem kurzen Leben: der großbürgerlichen Herkunft, der Überschattungen durch die Erkrankung der
      Mutter, ihrem Exil und ihrem Sterben. Die poetische Sprache, mit der er dem Leser diese junge Malerin nahebringt,
      hatte mir auch gut gefallen.
      Aber: Foenkinos tut so, als habe er Charlotte Salomon entdeckt. Dem ist jedoch in keiner Weise so. Sie ist eine
      anerkannte Malerin, sie hat/hatte mehrere Ausstellungen, es gibt hinreichend Fachliteratur über sie - und als mir
      das klar wurde, hat mich die selbstgefällige Art Foenkinos sehr gestört. Und diese Distanzlosigkeit, mit der diese
      Künstlerin für ihn einfach "Charlotte" wird! Kein Wunder, dass ihm bei seiner
      Spurensuche in Frankreich keiner die Tür aufgemacht hat...
      Das Beste am Buch ist für mich inzwischen das Titelbild, das eindrucksvolle Selbstportrait Charlotte Salomons.
      :study: Vincent Klink, Sitting Küchenbull
      :study: Terry Pratchett, Klonk!
      :study: Daniel Kehlmann, Tyll
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