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Lily King - Euphoria

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    Euphoria

    von

    4.8|6)

    Verlag: dtv Verlagsgesellschaft

    Bindung: Taschenbuch

    Seitenzahl: 272


    ISBN: 9783423145800


    Termin: Juli 2017

    • Lily King - Euphoria

      Ob sich einzelne Szenen so oder ähnlich tatsächlich zugetragen haben, wie sie in dem vorliegenden mit dem Kirkus Preis ausgezeichneten Roman der Amerikanerin Lily King beschrieben werden, ist möglich, aber für die literarische Beurteilung des Buches nicht wichtig.

      Wenn die New York Times ein Buch unter die fünf besten literarischen Bücher wählt, wie sie es mit „Euphoria“ im Jahr 2014 getan hat, als das Buch im Original erschien, dann ist das eine große Ehre.

      Die Geschichte, die Lily King erzählt, hat nicht nur wegen ihres leidenschaftlichen Stils all diese Auszeichnungen verdient. Offenbar seit langem von der berühmten Ethnologin Margaret Mead, ihrem Leben und ihren Forschungen fasziniert und mit der im Anhang des Buches aufgelisteten Literatur wohl vertraut, hat sich Lily King inspirieren lassen zu einem spannenden und schönen Roman, der sich nicht nur mit den fantastisch beschriebenen Beziehungen und dem von ihrer jeweiligen Geschichte geprägten Innenleben ihrer Protagonisten beschäftigt, sondern auch einen hervorragenden Einblick gibt in das Leben und Arbeiten führender Ethnologen Anfang der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

      Lily King konstruiert eine Begegnung und Beziehungsgeschichte zwischen der schon durch Veröffentlichungen berühmten amerikanischen Ethnologin Nell Stone, ihrem Ehemann Fen und dem Briten Andrew Bankson in Neuguinea in den Siedlungsgebieten verschiedener eingeborener Stämme im Flussgebiet des Sepik.

      Eine leidenschaftliche Dreiecksbeziehung entwickelt sich, gepaart mit professionellen Konkurrenzen, insbesondere zwischen Nell und ihrem Mann. Andrew Bankson, in dem man unschwer Margaret Meads späteren zweiten Ehemann Gregory Bateson erkennen kann, ist nicht nur von Nells Arbeit und ihrer wissenschaftlichen Leidenschaft und Stringenz begeistert, sondern er nutzt auch eine Abwesenheit Fens, die noch dramatische Folgen haben wird, sich Nell sexuell zu nähern. Die erwidert sein Begehren, doch ob all das eine Zukunft haben kann und wird in dem Buch, soll hier offen gelassen werden.

      Wenn man sich irgendwann gelöst hat nach einigen Dutzend Seiten von dem dauernden Vergleich mit den Menschen, deren Leben Lily King zu diesem leichtfüßig erzählten Roman inspiriert hat, taucht man ein in eine sinnliche Geschichte von drei Menschen, die aufbrachen, die Fremde zu erkunden auf den Spuren nach den Ursprüngen der Menschheit und des Menschseins, und dabei ohne es wirklich zu wollen, in den „Dschungel ihres eigenen Inneren eingedrungen“ (Ilija Trojanow) sind.

      Ein Roman, in dem es neben der Ethnologie und ihren Methoden hautsächlich geht um Begierde, Liebe und um unterschiedliche Lebensformen und Herrschaft.
    • Anfang der 30er Jahre treffen in Neuguinea drei junge Anthropologen aufeinander. Nell Stone ist wohl die berühmteste von ihnen, nachdem sie mit einem aufsehenerregenden Buch für Furore gesorgt hat. Fen, ihr Ehemann, neidet ihr den Erfolg und verfolgt voller Ehrgeiz seine Pläne, selbst einen großen Durchbruch zu erzielen.

      Der Dritte im Bunde ist Andrew Bankson, ein Engländer um die dreißig, der schon zu viel erlebt und zu viele Verluste durchlitten hat, um sich noch über irgendetwas große Illusionen zu machen. Kurz bevor es sich ergab, dass das Ehepaar sein Boot als Mitfahrgelegenheit zu ihrer nächsten Wirkungsstätte nutzen wollten, hatte er schon beinahe mit seinem Leben abgeschlossen.

      Doch die Begegnung mit Nell und Fen wird zu einem einschneidenden Ereignis in Andrews Leben. Er ist fasziniert von der zart wirkenden Nell, die anfangs noch stark unter den Nachwehen einer Erkrankung leidet, von ihrem Einfühlungsvermögen im Umgang mit den Einheimischen, deren Gebräuche sie erforscht, von ihrem Scharfsinn und ihrem Sachverstand. Sein Verhältnis zu Fen ist eher angespannt, denn der wittert in Bankson einen weiteren Rivalen - nicht nur um akademischen Ruhm, sondern auch um Nells Zuneigung.

      Das ist nicht gänzlich unbegründet, denn Bankson und Nell werden das, was sie und Fen nie waren: ein ebenbürtiges, gleichberechtigtes Team ohne Rivalitäten und Eifersucht, das gemeinsam in seiner Forschung aufgeht. Kein Wunder also, dass Fens Ehrgeiz, einen Meilenstein in der Geschichte der Anthropologie setzen zu wollen, noch mehr angestachelt wird, mit schwerwiegenden Folgen.

      "Euphoria" ist kein Liebesroman vor einer schillernd bunten, aber letztendlich flachen exotischen Kulisse, wie man angesichts der Inhaltsangabe womöglich vermuten könnte.

      Ja, es handelt sich um eine Art Dreiecksgeschichte zwischen der charismatischen Nell, ihrem in mehrerer Hinsicht eifersüchtigen Ehemann und dem verschlossenen, ein wenig zynischen Bankson, aber dieses Buch ist noch viel mehr als das. Es ist auch ein spannender Einblick in das Fachgebiet der Anthropologie, auf dem sich zu dieser Zeit die Wahrnehmung fremder Völker grundlegend zu wandeln begann, weg von westlicher Überheblichkeit hin zu mehr Respekt für die Einheimischen, und es ist ein wunderbarer Reisebericht, in dem mit meist ganz wenigen Worten die Eigenheiten und Besonderheiten der Stammesdörfer Neuguineas geschildert werden. Romantisiert und verklärt wird dabei überhaupt nichts, im Gegenteil wird rasch klar, dass Forschungsexpeditionen wie diese ganz und gar kein Zuckerschlecken, sondern aus den verschiedensten Gründen ziemlich ungemütliche und oft gefährliche Unternehmungen waren.

      Lily King blickt ihren Protagonisten tief in die Seele und verdeutlicht das noch, indem sie Andrew weitestgehend als Ich-Erzähler auftreten lässt, der im Rückblick berichtet, und Tagebucheinträge von Nell einstreut, so dass wir auch beider Vorgeschichten nach und nach erfahren. Und obwohl sich Dramatisches zuträgt, bleibt ihr bzw. Andrews Erzählton doch stets ruhig, fast resigniert, was die Ereignisse für sich sprechen und wirken lässt.

      Bewegend, faszinierend, auf lakonische Art mitreißend. Eins meiner Highlights dieses Jahr!
      Why say 'tree' when you can say 'sycamore'?
      (Leonard Cohen)
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