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Beschäftigt ihr euch mit Schreibtheorie?

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    • Beschäftigt ihr euch mit Schreibtheorie?

      Huhu!

      Das würde mich mal interessieren: Lest ihr Bücher übers Schreiben? Beschäftigt ihr euch mit Strukturen, Szenenaufbau etc? Oder seid ihr aus dem Bauch-Schreiber?
      Ich lese recht gerne mal einen Ratgeber zum Thema Schreiben, grad die Amis haben da sehr nette. Dabei habe ich festgestellt, dass mir tatsächlich bei meinen Büchern die Szenen am Besten gefallen, die nach einem bestimmten Muster aufgebaut sind (durch Zufall oder gewollt). Oder andersherum - wenn ich als Testleser bei befreundeten Autoren feststelle, es zieht mich nicht richtig rein, liegt es oft am fehlenden Ziel der Figur, an Dialogen, die nicht weiterführen, an fehlenden Konflikten, am Infodump etc. Das find ich dann durchaus spannend, die Theorie hat also sehr wohl ihre Daseinsberechtigung.

      Wie sehr ihr das?

      Grüßle
      Karin

      :twisted:
    • Theorie ist, wenn alle wissen, wie's geht, aber keiner kriegt's hin. Praxis ist, wenn's geht, aber keiner weiß, wieso.

      Spaß beiseite, Schreibtheorie hat ihre Daseinsberechtigung. Allerdings meine ich, dass man sie mit Vorsicht genießen sollte, denn ein Buch zu schreiben, ohne sich vorher mindestens die Grundlagen zurechtgelegt zu haben, kann ein Rohrkrepierer werden, sich sklavisch an einem Leitfaden langzuhangeln, macht das Ergebnis aber auch nicht zwangsläufig besser. Ich finde, es kommt einfach auf die richtige Mischung aus Strukturiertheit und Bauch an.
      Meine öffentliche Akte: www.rene-bote.jimdo.de oder bei Facebook
    • Also Bücher über das Schreiben habe ich nie in die Hand genommen. Das heißt aber natürlich nicht, dass ich mich nicht mit dem Ganzen beschäftigt habe. Wie bei so ziemlich allem ist das Internet eine wahre Fundgrube, auch für Schreibtheorie - und dann gibt es ja auch noch eine Menge Kritiker, von denen man lernen kann, wenn man es zulässt :wink:

      Natürlich hat die Theorie ihre Daseinsberechtigung. Nicht umsonst habe ich vor einiger Zeit einmal dieses Thema eröffnet. Aber man sollte auch nicht daraus, dass man sich intensiv mit entsprechender Theorie beschäftigt hat, ableiten, dass man in der Lage sein muss, ein gutes Buch zu schreiben, denn neben dem Umsetzen von Theorie in die Praxis ist auch Talent gefragt.

      Was besonders auffällig ist: Autoren, die Schreibkurse mitgemacht oder Linguistik oder Journalistik studiert haben, schreiben nicht automatisch besser. Oftmals finde ich deren Leseproben sogar furchtbarer als die manches Autors, der nichts dergleichen gelernt hat. Ein Phänomen, dessen Herkunft zu untersuchen sich vielleicht lohnen würde :lol:
      "deine beschreiebung alleine lässt vermuten, dass es sich um schmöckerroman einzigartiger klasse handelt, nämlich übertriebenem bullshid, der mit der wirklichkeit keinene hinreichenden effekt auf die wirklichkeit erstreckt."(Simon Stiegler)
      Stimmt! Ich schreibe spannende Unterhaltungsliteratur, die den Leser aus der Wirklichkeit entführt, bis zum Ende gelesen wird und bei der der Leser am Ende fragt: Wann erscheint der nächste Band? Schreiben will halt gelernt sein
    • Ja, das ist klar, sklavisch einer Leitlinie zu folgen, bringt nichts. Bauch ist immer wichtig.
      Und vieles ist ja auch Geschmacksfrage.

      Mir macht es einfach Spaß, mich damit zu beschäftigen. Also ganz allgemein mit dem Schreiben. Bin z.B. darauf gestoßen, dass es Leser in unterschiedlichen Kategorien gibt. Manche lesen, weil sie sich gern in Figuren hineinversetzen, (da ist die Handlung fast egal, solang die Charaktere interessant sind). Andere wollen Spannung und ein Rätsel lösen. Wieder andere lieben fremde Welten siehe Herr der Ringe oder ähnliches.
      Wenn mir als reine Figurenleserin ein Buch gut gefällt, kann ich da noch lange nicht einer Freundin empfehlen, die zu den Thrillerleuten gehört. Obwohl manche Bücher uns beiden gefallen, aber eben dann aus unterschiedlichen Gründen. Sowas finde ich einfach interessant.

      Oder eben auch die Überlegung: wie baue ich eine Szene auf. Wo ist der Höhepunkt, welches Ziel hat die Figur...und so weiter. NAtürlich mache ich das nicht bei jeder. Aber ich merke manchmal beim Überarbeiten, dass mir eine Szene nicht gefällt oder sie nicht spannend ist. Dann klopfe ich diese Punkte ab und schreibe um. Früher fühlte ich zwar irgendwie, dass die Szene nicht soooo toll ist, konnte die Gründe aber nicht so gut greifen. Geht mir beim Korrekturlesen ähnlich. Ich merke viel eher WARUM etwas nicht gut funktioniert.
      (Was leider noch lange nicht heißt, dass ich das alles beherrsche, seufz...)

      Wobei man natürlich sehen muss, für welche Zielgruppe man schreibt. Bei meinen Erotikbüchern verkaufen sich die am Besten mit speziellen Themen. :P Schreibe ich die Zeitungsgeschichten für meine Agentur, muss ich mich natürlich an die Vorgaben der Redaktionen halten, da kann ich mich nicht Hochkünstlerisch auslassen. Auch das fällt übrigens vielen Autoren schwer, ich habe Kollegen, die prämierte Bücher geschrieben haben, aber keine passende Kurzgeschichte hinbekommen.
      Aber es macht Spaß, herauszufinden, was man beherrscht und was nicht. Ich schreibe ja noch nicht lange, sehe mich immer noch als Anfängerin und probiere vieles aus.

      Was ich spannend fand: Elisabeth George plant jede einzelne Szene bis ins kleinste Detail. Die arbeitet viele Wochen an einem ausgefeilten Schreibplan und fängt dann erst das Tippen an. Andere berühmte Autoren schreiben eher planlos und werfen manches Manuskript weg und fangen von vorne an.
      Und ich lese grad was über Humor, selbst da gibt es einige Tricks. Ich finde einfach gerne heraus, warum manches funktioniert und manches nicht. Nicht als strenges Konzept, sondern als Ergänzung zum Schreiben.

      Hat mich einfach interessiert, ob jemand da ähnlich herangeht...

      :winken:
    • Ich bin wohl eher der Planlosschreiber, berühmt aber noch lange nicht (was für ein Glück) :loool:
      Natürlich müssen auch für mich die Szenen funktionieren - und dann ist es wichtig, zu wissen, was warum nicht funktioniert und wie es besser gehen würde. Theoretische Kenntnisse können also helfen, müssen sie aber nicht. Ich habe auch schon ganze Szenen gelöscht, weil sie einfach nicht passten. Allerdings hätte da eine Überarbeitung nach theoretischen Gesichtspunkten auch nichts mehr gebessert, da lag dann mehr als das im Argen.

      Grundsätzlich sollte sich meiner Meinung nach jeder Autor auch mit den theoretischen Grundlagen beschäftigen, denn die sind das A und O des Schreibens. Schreiben ist ebenso ein Handwerk wie zum Beispiel tischlern. Es hilft ungemein, wenn man weiß, wie man Säge, Hobel und Hammer einsetzen sollte, um effektiv zu arbeiten und damit etwas Brauchbares herzustellen. Sicherlich schafft der eine oder andere es auch so, einen Tisch oder einen Schrank zusammenzubauen - aber wie viel besser könnte das Möbelstück aussehen, wenn der Erbauer das Wissen darum gehabt hätte. :wink:
      "deine beschreiebung alleine lässt vermuten, dass es sich um schmöckerroman einzigartiger klasse handelt, nämlich übertriebenem bullshid, der mit der wirklichkeit keinene hinreichenden effekt auf die wirklichkeit erstreckt."(Simon Stiegler)
      Stimmt! Ich schreibe spannende Unterhaltungsliteratur, die den Leser aus der Wirklichkeit entführt, bis zum Ende gelesen wird und bei der der Leser am Ende fragt: Wann erscheint der nächste Band? Schreiben will halt gelernt sein
    • Ich stimme vielem, was bisher gesagt wurde, zu. Ich denke, dass es für jeden Autor sehr wichtig ist, einen funktionierenden Mittelweg zwischen Planung, Konzeption und Struktur - eben auch mithilfe von durch Schreibratgeber erworbenen Handwerkswissens - und dem kreativen Fließenlassen beim Schreiben zu finden, das mehr durch Spontanität geprägt ist. Die Grundlagen des Schreibhandwerks zu kennen, z.B. in Bezug auf Prämisse und zentralen Konflikt der Hauptfigur, Show, don't tell, Figurenkonzeption und Dialoggestaltung, bei der Frage, wie Spannung und Empathie aufgebaut werden, u.a, halte ich für jeden Autor für elementar, weil man m.E. zuerst einmal mit den grundlegendsten Techniken einer Tätigkeit vertraut sein sollte, bevor man mit der Arbeit anfängt - und das sollte in meinen Augen für JEDE Tätigkeit gelten, nicht nur fürs Geschichten schreiben. Ich würde zumindest zu einem Handwerker, den ich in meine Wohnung hole, nicht wirklich viel Vertrauen haben, wenn er mir sagen würde, dass er gleich "aus dem Bauch heraus" mit seiner Arbeit beginnen will, ohne jemals eine Ausbildung in seinem Beruf gemacht zu haben.

      Aus dem selben Grund empfinde ich es auch als Hybris und Selbstüberschätzung, wenn ein Autor glaubt, ohne die geringste Kenntnis der fundamentalsten Schreibregeln "einfach so" mal einen Roman schreiben zu können (womöglich noch in der felsenfesten Erwartung, sofort einen Bestseller zu produzieren) - wobei Ausnahmen natürlich immer die Regel bestätigen, aber, so denke ich, auf jeden Autor, der spontan und "im flow" ohne vorherige Konzeption mit dem Schreiben beginnt und tatsächlich Hochklassiges zu Papier bringt, viele Tausende anderer kommen, bei denen die Unkenntnis der Schreibprinzipien und mangelnde Planung lediglich zu dilettantischem Schrott führt.

      Auch ich bin der Meinung, dass die Lektüre von Schreibratgebern oder der Besuch von VHS-Schreibseminaren nicht automatisch dazu führt, dass man plötzlich auf magische Weise alles richtig macht, da etwas theoretisch zu wissen und dieses Wissen dann in praktischer Übung umzusetzen, zwei völlig verschiedene Dinge sind. Dieses Wissen allerdings von vornherein komplett zu ignorieren, wäre für mich der falsche Weg, zumal es ja niemals so leicht war wie in der heutigen Zeit, an Basiswissen über das Schreibhandwerk heranzukommen. Für mich persönlich braucht jeder kreative flow beim Schreiben eine gute Struktur, innerhalb derer er sich entfalten kann, und diese Strukur kann m.E. nur durch das Wissen des Autors über die Prämisse der Geschichte und zumindest die grundlegenden Etappen der Figuren- und Handlungsentwicklung entstehen. Wenn ich nicht weiß, wohin ich mit einer konkreten Geschichte will, ob ich beispielsweise ein Eifersuchtsdrama schreiben will, das am Ende zum völligen persönlichen und sozialen Ruin des Protagonisten führt, oder vielleicht doch eher einen Roman über persönliche Selbstfindung, dann nützt mir auch die spontanste Kreativität nicht viel. Und wenn ich als Autor von solchen Prinzipien wie Prämisse, zentralem Konflikt der Hauptfigur und anderen theoretischen Konzepten noch niemals etwas gehört habe, bevor ich mit dem Schreiben beginne, dann ist m.E. die Gefahr sehr groß, dass ich eher zufällig eine gute Geschichte zu Papier bringe, bei der ich vielleicht selbst gar nicht genau sagen kann, warum sie denn nun gut ist oder von Kritikern derart gelobt wird. Aus diesem Grund denke ich, dass theoretisches Wissen beim Schreiben von Romanen einem Autor auch eine gute Portion psychologische Sicherheit verschafft, dass die Pflänzchen, die man im Begriff ist zu säen, auch auf einem fruchtbaren Boden gedeihen können.

      Darüber hinaus - auch das ist für mich ein wichtiger Punkt - bietet einem das theoretische Basiswissen die Möglichkeit, auf eine andere Weise als beim reinen "Bauchschreiber" Kriterien für Selbstkritik und Selbstreflexion zu entwickeln, anhand derer man das, was man schreibt, auf seine Qualität hin überprüfen kann. Wenn ich weiß, was beispielsweise einen guten von einem schlechten Dialog unterscheidet, bevor ich in meinem Roman den ersten Dialog schreiben muss, ist die Möglichkeit für einen konstruktiven Feedback-Prozess zwischen dem, was ich schreibe, und dem Wissen, das ich im Kopf habe, viel größer, als wenn lediglich mein - vielleicht nur sehr vages - Bauchgefühl dabei zu Wort kommt. Das ist natürlich auch wichtig, aber ich denke, nur wenn intuitives Gefühl und verstandesmäßiges Wissen eine Einheit bilden, bekommt man am Ende auch das beste Ergebnis heraus. Gerade beim Schreiben halte ich die BEWUSSTEN Lernprozesse - im Gegensatz zum Lernen, das mehr auf intuitiv-emotionaler Ebene stattfindet - für sehr bedeutsam, und theoretisches Schreibratgeber-Wissen kann dazu wertvolle Dienste leisten.

      Eine Aufgabe, um die letztlich kein Autor herumkommt, ist dabei m.E., dieses Schreibratgeber-Wissen und die Regeln für gutes Schreiben, die darin vermittelt werden, ihrerseits nicht unhinterfragt und kritiklos zu übernehmen, sondern stets zu schauen, WARUM eine bestimmte im Ratgeber empfohlene Technik die Wirkung beim Leser erzielt, die ihr unterstellt wird - oder warum das Ganze vielleicht doch zu einseitig und im schlimmsten Fall falsch dargestellt wird. Auch Schreibratgeber-Autoren sind ja Menschen und als solche vor lediglich subjektivem Geschmack und blindem Dogmatismus nicht gefeit, und eine Schreibregel, die in einem Ratgeber als universelle Wahrheit dargestellt wird, reflektiert vielleicht viel mehr die persönliche Meinung des jeweiligen Ratgeber-Autors als ein für alle Autoren und das Schreibhandwerk als Ganzes gültiges Prinzip.

      Ich kenne z.B. Schreibratgeber, die - in meinen Augen - vollkommen unreflektiert jeglichen Gebrauch von Adjektiven und Adverbien in die finsterste Hölle verdammen, ohne auch nur im mindesten zu erklären, was nun eine gute von einer schlechten Verwendung von Adjektiven unterscheidet und dadurch gerade dem Schreibanfänger nicht nur keinerlei brauchbare Hilfe an die Hand geben, sondern ihn schlimmstenfalls zu einem schlechteren Autor machen, indem sie ihm eine Angst vor dem Gebrauch eines kompletten Stilmittels einflößen. Statt zu differenzieren und jeweils auf konkrete Wirkung auf den Leser hin zu untersuchen, wird pauschalisiert und eine Schreibtechnik als solche als gut oder schlecht hingestellt. Von derartigen unkritischen Ratgebern zu lernen, wäre für mich etwas sehr Schlechtes, da man im schlimmsten Fall sein eigenes Bauchgefühl als Autor, das einem sagt, in welcher Art man seine Geschichten denn am liebsten schreiben möchte, vollständig zerstört und sich an eine dogmatische Lehre bindet, die vor jeglichem eigenen Denken für einen entscheiden will, was gut oder schlecht und was richtig oder falsch zu sein hat. Von daher hat der kritische Umgang mit Schreibtipps für mich einen sehr hohen Stellenwert. Als eine Möglichkeit, bewusst gedankliche Strukturen zu bilden, die mir bei der Konzeption und dem Schreiben meiner Geschichten helfen können, finde ich Schreibratgeber für mich persönlich unverzichtbar. Die Notwendigkeit, dabei diese Ratschläge und Tipps kritisch zu hinterfragen, kann mir allerdings kein Schreibratgeber abnehmen (und die, die das versprechen, sind meiner Meinung nach die schlechtesten überhaupt.).
    • Ich gebe euch in den meisten Dingen recht, aber ( :P ):

      Susanne G schrieb:

      u.a, halte ich für jeden Autor für elementar, weil man m.E. zuerst einmal mit den grundlegendsten Techniken einer Tätigkeit vertraut sein sollte, bevor man mit der Arbeit anfängt - und das sollte in meinen Augen für JEDE Tätigkeit gelten, nicht nur fürs Geschichten schreiben. Ich würde zumindest zu einem Handwerker, den ich in meine Wohnung hole, nicht wirklich viel Vertrauen haben, wenn er mir sagen würde, dass er gleich "aus dem Bauch heraus" mit seiner Arbeit beginnen will, ohne jemals eine Ausbildung in seinem Beruf gemacht zu haben.

      Ich halte gerade die Schriftstellerei für am wenigsten problematisch, was das betrifft. Vor allem, weil der Vergleich mit dem Handwerker in meinen Augen hinkt. Ich weiß zwar, was ihr damit sagen wollt, aber das Ergebnis ist halt fundamental anders, sprich: Ich richte mit meinen Zeilen keinen Schaden an. Es gibt ja bekanntlich Leseproben, anhand derer ein potentieller Käufer recht schnell erkennen kann, ob das Dargebotene seinen Vorstellungen entspricht - und wenn nicht, dann wird er es nicht kaufen.
      Ich kenne allerdings keinen Handwerker, der in eine Wohnung kommt und erst mal den halben Tisch auf Probe anfertigt und bei Gefallen gibt’s dann den ganzen. Das wäre zumindest ein recht neues Geschäftsmodell. :lol:

      Susanne G schrieb:

      Aus dem selben Grund empfinde ich es auch als Hybris und Selbstüberschätzung, wenn ein Autor glaubt, ohne die geringste Kenntnis der fundamentalsten Schreibregeln "einfach so" mal einen Roman schreiben zu können (womöglich noch in der felsenfesten Erwartung, sofort einen Bestseller zu produzieren)
      Nun, ich für meinen Teil bewerte das nicht, weil ich denke, dass das sein gutes Recht ist. Der Autor wird es wahrscheinlich an den Verkäufen merken, dass da etwas nicht stimmt. Und falls er doch einen Treffer landen sollte, wäre es falsch in so eine Art »Futterneid« zu verfallen. Vielmehr sollte man sich fragen, welchen Nerv derjenige beim Publikum getroffen hat.

      Divina schrieb:

      Wie bei so ziemlich allem ist das Internet eine wahre Fundgrube, auch für Schreibtheorie - und dann gibt es ja auch noch eine Menge Kritiker, von denen man lernen kann, wenn man es zulässt
      Stimmt, gerade auf Youtube gibt’s da ziemlich viel (wenn man das Englische nicht scheut). Ich persönlich besitze auch noch den »Frey«, halte mich aber nicht sklavisch an solche Vorlagen. Man sollte immer bedenken, dass ein Schreibratgeber halt ein »Ratgeber« ist.

      So etwas nimmt mir zum Beispiel die Luft zum Atmen:

      Hier eine kurze Übersicht des Sieben-Punkte-Systems:

      1. Aufhänger: Das Gegenteil von der Auflösung.
      2. Erste Wendung: Stellt den Konflikt vor, die Welt des Helden verändert sich, er lernt Neues.
      3. Erster Kniff: Etwas geht schief und veranlasst die Figuren zu handeln.
      4. Mittelpunkt: Übergang von der Reaktion zur Aktion
      5. Zweiter Kniff: Erhöht den Druck, bis die Situation hoffnungslos erscheint.
      6. Zweite Wendung: Der Held erhält die letzte fehlende Sache, um zu gewinnen.
      7. Auflösung: Der Hauptkonflikt wird gelöst.

      Ich hätte am Schreiben keine Freude mehr, wenn ich mich an so was halten würde. Ich verfolge bei meinen Geschichten zwar einen »roten Faden«, aber nur so lange, bis ich eine bessere Idee habe. Und vielleicht komme ich am Ende sogar unbewusst zu dieser Struktur, aber dann war das intuitiv (und somit ein Spaß für mich).
      Kurz: Ich bin dafür, meine Werkzeuge zu kennen, aber welche ich verwende, entscheide ich selbst. Letztendlich will man ja auch einen eigenen Stil entwickeln. Jeder Autor hat Eigenheiten, die man nicht einfach glattbügeln sollte. Das macht einen unterscheidbar. Ich möchte nicht von mir sagen müssen, dass ich Bücher von der Stange schreibe.
      Und - um beim »Handwerker« zu bleiben ( :P ): Es gibt einen Unterschied zwischen einem Kunsttischler und einem Tischler bei IKEA - das muss nicht immer das Können sein, man kann sich auch selbst beschneiden.

      Was die Kritiker betrifft: Du hast recht, nicht jeder lässt Kritik zu. Aber man sollte sich immer auch fragen, was mit der Kritik erreicht werden soll. Es meint ja nicht automatisch jeder gut mit einem. Ich bin sowieso der Meinung, dass man das Ganze etwas objektiver betrachten kann, wenn man vorher einen Schritt zurücktritt. In diesen Momenten sollte man mehr der »Geschäftsmann« als der »Künstler« sein. Viele sehen halt nur das Herzblut, das sie in diese Sache investiert haben und wollen dafür gelobt werden. Und dann kommt jemand daher, liest zwei Seiten, sagt, dass es Mist ist, und liefert dafür vielleicht nicht einmal eine Begründung.
      Ich glaube, dass die Schriftstellerei (oder Kunst im Allgemeinen) der falsche Ort ist, um nach Applaus zu haschen. Wie oben schon erwähnt, sollte man sich seine Glücksmomente meiner Meinung nach beim Schaffensprozess holen.
    • Bücher von der Stange will sicher niemand schreiben. Aber man sollte sich ein wenig anschauen, was der Leser erwartet. Deshalb finde ich es gefährlich einen roten Faden nur so lange zu haben, bis einem eine bessere Idee kommt. grins.

      Aber du hast schon recht, ein allzu starres Konzept wäre für mich auch nichts. Das war mir am Schreiben am meisten Spaß macht ist ja genau die Tatsache, dass Figuren manchmal störrisch sind und ein Eigenleben entwickeln. Manche Bestsellerautoren gehen aber tatsächlich nach dem von dir erwähnten (oder ähnlichen) Modellen vor, die berechnen sogar schon vorher genau, bei welcher Seitenzahl welcher der genannten Punkte kommt. Sie haben dann immer ein nahes Ziel, auf welches sie zuschreiben, das kann durchaus sinnvoll sein. Sie teilen ihr zu schreibendes Werk damit in kleinere Einheiten auf und haben automatisch eine funktionierende Struktur.
      Obs dem Leser mit der Zeit zu fad wird, muss der selbst entscheiden.
      Aber für jeden Autor passt das sicher nicht. Ich könnte mir das in dieser extremen Form auch nicht vorstellen. Aber eine Struktur habe ich natürlich im Kopf, der grobe Plot steht komplett, bevor ich den ersten Satz schreibe.

      Kritik ist natürlich nur sinnvoll, wenn sie konstruktiv ist, das ist sowieso klar.
      Applaus und Künstlertum? Da muss ich mich ganz klar als Außenseiter outen, ich unterwerfe mich (zumindest mit einem Teil der Schreiberei) durchaus dem Diktat der Redaktionen. Und sehe mich da als reine Handwerkerin, nicht als Künstlerin. Also eher Geldeingang auf dem Konto statt Applaus, lach...

      liebe Grüße
      Karin
    • Karin669 schrieb:

      Deshalb finde ich es gefährlich einen roten Faden nur so lange zu haben, bis einem eine bessere Idee kommt. grins.

      Aber du hast schon recht, ein allzu starres Konzept wäre für mich auch nichts. Das war mir am Schreiben am meisten Spaß macht ist ja genau die Tatsache, dass Figuren manchmal störrisch sind und ein Eigenleben entwickeln.
      Vielleicht hab' ich mich da zu missverständlich ausgedrückt. Dein letzter Satz ist genau der Grund, warum ich die Handlung öfter mal anpassen muss. Weil die Figuren eben nicht so tun, wie ich will und weil mir in der Situation des Schreibens oft bessere Ideen kommen, als vorher beim Plotten. Das macht das Überarbeiten langwierig und oft kompliziert, aber das heißt nicht, dass ich weniger Sorgfalt walten lasse. :wink:

      Karin669 schrieb:

      Und sehe mich da als reine Handwerkerin, nicht als Künstlerin.
      Ich möchte das gar nicht werten, ein jeder soll tun, wie er glaubt. Aber ich komme nicht von vornherein aus der schreibenden Zunft, ich bin kein Journalist, sondern Naturwissenschaftler. Und wenn's mit dem Schreiben partout nicht klappen will, dann kehre ich halt wieder in meinen angestammten Beruf zurück. Das heißt für mich im Umkehrschluss aber, dass ich die ganze Chose ein wenig freier angehe und so ausübe, wie es mir Spaß macht. :wink:
    • Beim Lesen dieses Threads fiel mir auf, dass sich die meisten Beiträge allein auf eine Beschäftigung mit Texten über Schreibtheorie befassen. So etwas ist natürlich hilfreich.
      Es gibt aber (mindestens) eine weitere und wichtige Herangehensweise an Schreibtheorie: Das reflektierende Lesen, selbst auszuknobeln, warum etwas in einem (am besten nicht nur von einem selbst) geliebten Buch wirklich gut funktioniert. Diese praxisorientierte Methode, immer wieder zu hinterfragen, was ein Autor da eigentlich gerade macht, ermöglicht ein viel tiefergehendes theoretisches Verständnis als es irgendeine ausformulierte Schreibtheorie allein könnte. Wenn sich (hier stellvertretend für Aspekte, die Schreibratgeber üblicherweise hervorheben) dann die Frage dazu gesellt, ob ein Autor eigentlich nach dem 7-Punkte-Schema vorgeht und ob das in diesem Fall eigentlich gut oder gar der einzig richtige Weg war, dann kann man wirklich etwas lernen, das sich auch auf die eigenen Texte anwenden lässt, ohne dass dazu die Aufgabe jeder Spontaneität oder sklavische Bindung an das, was irgendwer einmal als Schreibregel formuliert hat, nötig wäre.
    • Da bin ich voll bei dir. Romane von anderen Autoren (sowohl gute als auch schlechte) mit einem wachen Auge zu lesen, dabei zu schauen, welche Aspekte der Figurenkonzeption, der Handlung, der Beschreibungen und Dialoge einem gut gefallen - oder eben nicht - und selbst zu versuchen, die Gründe dafür herauszufinden, schult m.E. die eigenen Schreibfähigkeiten enorm. Und ich denke ebenso, dass einem theoretisches Wissen über das Schreibhandwerk, das man bei der Lektüre dieser Romane im Hinterkopf hat, dabei wertvolle Dienste leisten kann.

      Wenn ich z.B. die Grundprinzipien für Spannungsaufbau bereits theoretisch aus Ratgebern kennengelernt habe, habe ja schon eine sinnhafte Strukur gebildet, die meine Wahrnehmung und mein Nachdenken beim Lesen leiten kann, und das erleichtert das bewusste Lernen deutlich (etwa wenn ich in einem Buch plötzlich denke: "Oha, das ist aber eine bedrohliche Situation für den Helden. Da schau her, die Sätze werden ja mit einemmal ganz kurz. Das habe ich doch gerade erst als Tipp in einem Schreibratgeber gelesen."). Das gedankliche Vernetzen und Behalten neuer Informationen funktioniert auf eine solche Weise wesentlich schneller und effektiver, als würde ich mir ohne jegliches Vorwissen beim Lesen der Romane ein kognitives Netz erst Stück für Stück zusammenzimmern, indem ich z.B. die Prinzipien für Spannungsaufbau, für Identifikation mit den Figuren, für einen guten Dialog u.a. erst selbstständig entdecken müsste. Das ist natürlich ohne Weiteres ebenso möglich, nur ist es eben eine Frage des Aufwands, den man betreiben möchte. Von daher bin ich ganz klar ebenfalls ein Freund mehrgleisigen Lernens und Übens. Nur Schreibratgeber zu lesen, ohne das Bedürfnis zu haben, dieses neue Wissen auf fiktionale Erzählungen - seien es nun Romane anderer Autoren oder Filme und Fernsehserien - anzuwenden, sondern ausschließlich auf das Schreiben der eigenen Geschichten, empfinde ich als Reduktion. Auf die Lektüre von Schreibratgebern komplett zu verzichten und als Autodidakt in jeglicher Hinsicht seinen Weg als Autor zu beschreiten, ist in meinen Augen unnötig, weil viele kluge Menschen schon viele kluge Dinge über das Schreiben gesagt haben, die man sowohl als angehender als auch als bereits routinierter Autor durchaus nutzen kann.

      @Leo: Futterneidisch auf Autoren, die ohne Planung und Konzeption trotzdem einen guten Roman schreiben und diesen auch erfolgreich vermarkten, bin ich nicht. Wer eine gute Geschichte schreibt, soll auch damit Erfolg haben, finde ich. Es geht mir persönlich eher um die eigene Selbstwahrnehmung als Autor. Ich habe ja an meiner Schule jahrelang eine Schreib-AG geleitet, und dabei habe ich des öfteren erlebt, wie Schüler ohne das geringste Interesse, an ihren schriftstellerischen Fähigkeiten zu arbeiten, nur ein einziges Ziel hatten, nämlich eine exakte "Game Of Thrones"-Kopie zu schreiben, mit der sie innerhalb einer Woche Millionen scheffeln und von allen bejubelt werden. Ihre eigene Stimme als Autor zu entdecken oder die - durchaus mühselige - Anstrengung zu investieren, Schritt für Schritt bessere Geschichten erzählen zu können, war überhaupt nicht als Möglichkeit in ihrer Wahrnehmung existent. Und diese m.E. wachsende DSDS-Mentalität bei vielen Leuten ist das, was ich bei angehenden Autoren nicht mag (wie auch nirgendwo sonst). Und da finde ich den Vergleich mit dem Handwerker - auch wenn er zugegebenermaßen ein wenig hinkt - nicht unangebracht. Hier wie da geht es (auch) um die Bereitschaft, zu lernen und sich in seinen Fähigkeiten zu verbessern, und gerade bei den Künstlern - also Autoren, Sängern u.ä. - sehe ich in der heutigen Gesellschaft mehr als früher die Gefahr, dass sie - in der vielleicht durchaus irrigen Annahme, sie bräuchten nichts mehr zu lernen, weil sie ohnehin bereits mit göttlichen Fähigkeiten gesegnet seien - einfach planlos drauflos schreiben (oder sich in Casting-Shows zum Deppen machen).

      Wie gesagt, Ausnahmen bestätigen die Regel, und ich bin ganz gewiss die Letzte, die Autoren, die aus dem Bauch heraus gute Geschichten schreiben, weil sie einfach ein unglaublich gutes Gespür dafür haben, ihren Erfolg nicht gönnt. Die Einstellung zu meiner Tätigkeit ist das, was für mich entscheidend ist, denn sie bestimmt m.E. in nicht unbeträchtlichem Maße, wie selbstkritisch und realistisch ich meine eigenen Fähigkeiten einschätzen kann. Ist diese Fähigkeit zur Selbstkritik vorhanden, kann ein Autor ganz sicher auch spontan aus dem Bauch heraus mit dem Schreiben loslegen und hervorragende Ergebnisse erzielen.
    • Martin Hühn schrieb:

      Das reflektierende Lesen, selbst auszuknobeln, warum etwas in einem (am besten nicht nur von einem selbst) geliebten Buch wirklich gut funktioniert. Diese praxisorientierte Methode, immer wieder zu hinterfragen, was ein Autor da eigentlich gerade macht, ermöglicht ein viel tiefergehendes theoretisches Verständnis als es irgendeine ausformulierte Schreibtheorie allein könnte.
      Da stimme ich vollkommen zu. Auch wenn ich nicht so viel lese, wie ich eigentlich sollte. :) (Ich denk' mir viel lieber selbst etwas aus ...)

      Susanne G schrieb:

      Futterneidisch auf Autoren
      Zuallererst: Das mit dem Futterneid war nicht auf dich gemünzt, sondern allgemein formuliert. Man sieht das unter Kollegen halt relativ oft - nicht nur in der Schriftstellerei -, was ich persönlich recht dumm finde, da wir doch alle mehr oder weniger im selben Boot sitzen. Ich wollte dir also keinesfalls etwas unterstellen! Verzeihung, falls das so herübergekommen ist!

      Susanne G schrieb:

      ohne das geringste Interesse, an ihren schriftstellerischen Fähigkeiten zu arbeiten, nur ein einziges Ziel hatten, nämlich eine exakte "Game Of Thrones"-Kopie zu schreiben, mit der sie innerhalb einer Woche Millionen scheffeln und von allen bejubelt werden. [...] Und diese m.E. wachsende DSDS-Mentalität bei vielen Leuten ist das, was ich bei angehenden Autoren nicht mag (wie auch nirgendwo sonst).
      Ich gebe dir vollkommen recht bei dem, was du in Bezug auf die DSDS-Mentalität schreibst, und sehe mir solche Sendungen schon aus Prinzip nicht an. Nichtsdestotrotz halte ich das aber - gemeinsam mit dem fehlenden Respekt, der immer mehr um sich greift - für ein gesellschaftliches Problem, welches auf alle Berufsgruppen in mehr oder weniger großem Ausmaß zutrifft.
      Aber - um es überspitzt zu formulieren: Ein Depp wird in den meisten Fällen immer ein Depp bleiben - ob er jetzt dabei einen Ratgeber zur Hand nimmt oder nicht.


      Susanne G schrieb:

      die Gefahr, dass sie - in der vielleicht durchaus irrigen Annahme, sie bräuchten nichts mehr zu lernen, weil sie ohnehin bereits mit göttlichen Fähigkeiten gesegnet seien - einfach planlos drauflos schreiben (oder sich in Casting-Shows zum Deppen machen)
      Daran sind meiner Meinung nach in erster Linie die Medien schuld, die so etwas suggerieren, und in weiterer Konsequenz auch unsere schnelllebige Zeit samt Internet.
      Die Fernsehsender kokettieren doch ganz stark mit der Selbstentblößung von Kandidaten. Es ist doch genial (Achtung: Sarkasmus!), wenn sich mit der Dummheit der Leute (die ja grenzenlos sein soll) haufenweise Geld verdienen lässt. Wen interessiert es schon, ob sich da irgendjemand für seine 15 Minuten Ruhm vor aller Welt selbst zur Lachnummer degradiert, solange der Rubel rollt?

      Susanne G schrieb:

      Ihre eigene Stimme als Autor zu entdecken
      Das ist genau der Punkt, warum ich der Meinung bin, dass es jeder angehende Künstler zuerst auf seine eigene Art versuchen sollte. Ich bin der festen Überzeugung, dass man sich selbst eine Erfahrung nimmt, wenn man sich von Anfang an mit einer Vorlage zum Tisch setzt - auch wenn ich deine Ansichten nachvollziehen kann.
      Jeder, dem es damit ernst ist, wird später ganz automatisch versuchen, sich zu verbessern - mit welchen Mitteln auch immer. Alle anderen werden wahrscheinlich über kurz oder lang hinschmeißen.
    • Ich stimme dir zu. Bei der Vorlage, die du ansprichst, denke ich, dass es einen Unterschied gibt zwischen einer solchen Vorlage im Sinne von "Ich will unbedingt etwas Identisches wie Roman X oder Y schreiben, weil ich geil auf den Ruhm bin" (was ich, wie gesagt, relativ oft in meiner Schreib-AG erlebt habe) und einer Vorlage, die - für die jungen, unerfahrenen Autoren - eher eine persönliche Orientierung darstellt, um ihre eigenen Themen für ihre Geschichten zu finden. Bei meinen allerersten eigenen Geschichten - bei denen ich etwa elf oder zwölf war - hätten im Grunde alle Protagonisten statt ihres Namens auch Luke Skywalker heißen können, da Star Wars für mich als Kind die Art von Geschichte war, bei der ich die meisten Identifikationsmöglichkeiten hatte (und die ich deshalb geliebt habe). Trotzdem habe ich - auch wenn ich es damals natürlich noch nicht so hätte benennen können - auch mit diesen ersten Geschichten meine Stimme als (angehender) Autor gesucht und ausprobiert, und mir wäre niemals in den Sinn gekommen, diese ersten Schreibversuche bei irgendeinem Verlag einzureichen, um damit berühmt zu werden. Als (mehr halb bzw. unbewusste) Orientierung und Rahmen für meine Phantasie waren die Star Wars-Filme für mich damals genau das Richtige, und auch in meiner AG ist es bei den Schülern eher die Regel als die Ausnahme, dass sie sich bei ihren eigenen Geschichten an ihre Lieblingsbücher und -Romanfiguren anlehnen. Das finde ich gut und notwendig, um der eigenen Kreativität erst einmal eine kleine Stütze zu geben, bevor sie sich mutiger in die große weite Welt der Phantasie hinauswagen kann. Die DSDS-Mentalität, die ich oben angesprochen hatte, ist dagegen - wie du ja ebenfalls ausgeführt hast - etwas völlig anderes, da sie überhaupt nicht lernen und die eigene Kreativität entdecken WILL, sondern vollkommen außengesteuert ist.

      Und um jetzt wieder den Bogen zu schlagen: Mit Hilfe von Schreibratgebern etwas über das Schreibhandwerk zu lernen, engt, wie ich finde, die eigene Erfahrung beim Schreiben nicht ein, da dieses theoretische Wissen meine Kreativität ja nicht in ein Korsett zwängt, ebenso wenig wie die (gute und konstruktive) Orientierung angehender Autoren an ihren Lieblingsbüchern und -Autoren die Entdeckung der eigenen Stimme als Autor von vornherein abwürgt und verhindert. Bei beidem ist, denke ich, die persönliche Einstellung entscheidend. Wenn ich beispielsweise weiß, was man unter dem "Show, don't tell"-Prinzip versteht, kann ich meine Kreativität bewusst dazu benutzen, farbig und plastisch zu beschreiben. Das ist mir natürlich auch möglich, ohne jemals etwas von Show, don't tell gehört zu haben, aber die Erfahrung selbst wird, wie ich finde, nicht dadurch eingeschränkt, indem ich sie gezielt in bestimmte Richtungen lenke. Das tue ich ja ohnehin ununterbrochen, wenn ich als Autor an einer Geschichte arbeite, ob mit oder ohne das theoretische Wissen aus Schreibratgebern im Hinterkopf. In meiner AG habe ich zumindest oft die Erfahrung gemacht, dass Schüler, die sich bei ihren Geschichten an bestimmten Szenen oder Stellen ihrer Konzeption festgebissen hatten und kurz davor waren, das Ganze genervt aufzugeben, mit ein paar sinnvollen Handwerks-Tipps plötzlich wieder mit Spaß bei der Sache waren und die Strukturierung ihrer eigenen Kreativität mithilfe dieser Tipps nicht im Geringsten als Einschränkung, sondern im Gegenteil als willkommene Bereicherung empfunden haben. Auch wenn sie es - so wie du geschrieben hast - zuerst auf ihre eigene Art versucht und erst, als sie damit nicht mehr weiter kamen, auf meine Tipps zurückgegriffen haben, hätten sie, denke ich, kein Problem damit gehabt, wenn sie dieses theoretische Wissen bereits gehabt hätten, bevor sie mit ihrer jeweiligen Geschichte begonnen hätten. Die eigene Art würde in meinen Augen immer die eigene Art bleiben.
    • So ähnlich hab ich es in Seminaren oder in einer Schreibwerkstatt auch erlebt.
      Man knöpft sich ein Thema vor, z.B. "Wie schreibe ich einen guten Dialog", dann gibt es den Anfang einer Szene und jeder Teilnehmer macht etwas daraus. Gerade die unterschiedlichen Werke am Ende sind ja das Tolle! Ich fand es immer total spannend, wie anders jeder Autor an die Sache herangeht. Und die Persönlichkeit spürt man trotzdem heraus. Macht einfach Spaß.
      Danach in der Gruppe besprechen, was jeder gut oder weniger gelungen findet - das bringt jeden weiter. Was nicht heißt, dass man sich sklavisch irgendwelchen Meinungen unterwerfen muss.

      Übrigens: den weiter oben angesprochenen Futterneid unter Autoren gibt es tatsächlich, wie überall im Leben. Ich hab es schon in Foren mitbekommen, dass man sich gegenseitig schlechte Rezensionen schrieb und solche Dinge. Dabei ist der Markt doch groß genug für alle! Ich finde das sehr traurig. Statt dass man zusammenhält, machen sich viele das Leben schwer. (das meine ich natürlich allgemein, nicht auf buechertreff bezogen!!!)
    • Susanne G schrieb:

      Auch wenn sie es - so wie du geschrieben hast - zuerst auf ihre eigene Art versucht und erst, als sie damit nicht mehr weiter kamen, auf meine Tipps zurückgegriffen haben, hätten sie, denke ich, kein Problem damit gehabt, wenn sie dieses theoretische Wissen bereits gehabt hätten, bevor sie mit ihrer jeweiligen Geschichte begonnen hätten. Die eigene Art würde in meinen Augen immer die eigene Art bleiben.
      Das glaube ich nicht. Ha! :D
      Im Grunde unterscheiden wir uns in unseren Ansichten ja kaum: Uns geht es beiden um die Beschäftigung mit dem Text. Aber ich bin jemand, der sich nicht von vornherein gerne an der Hand führen lässt, ich probiere Dinge aus und hole mir dabei auch mal blutige Knie.
      Du bist der Meinung, dass Stilmittel eine Bereicherung beim Schreiben darstellen. Das unterschreibe ich vorbehaltlos. Aber einmal angenommen, man will als "Frischling" eine Geschichte zu Papier bringen und kennt bereits all diese Regeln. Dann wird man niemals herausfinden, wie man selbst an das Ganze herangegangen wäre, weil diese einen unterbewusst leiten. Ja, man wird vermutlich an seinem Text nicht scheitern, aber man wird sich auch nie die Fragen stellen müssen, die man sich stellen muss, wenn man das alles nicht kennt.
      Mir ist schon klar, dass niemand das Rad neu erfindet, aber der Lerneffekt und die Befriedigung, wenn man selbst auf etwas draufkommt, ist doch ungleich höher - und macht einen auch besser. Im Endeffekt meine ich damit doch nichts anderes als das "reflektierende Lesen", von dem Martin weiter oben gesprochen hat - halt nur auf den eigenen Text bezogen. Und die Regeln laufen einem deshalb ja nicht davon. Wenn man besser werden will, kommt man um das Erlernen der Stilmittel sowieso nicht herum. Aber gerade am Anfang einer Karriere ist das in meinen Augen eine Chance, die man ergreifen sollte, weil man sie später nicht mehr bekommt. Und was markttechnisch - in Bezug auf Bestseller und dergleichen - geht und was nicht, sagt einem spätestens der Lektor (sofern er genug Erfahrung mitbringt). Regelkenntnis ist zwar sehr hilfreich, um ein gutes Buch abzuliefern, aber halt auch kein Erfolgsgarant.
      Ich gebe zu, dass mein Ansatz vielleicht etwas philosophisch erscheinen mag - vor allem in einer Gesellschaft, in der alles nach größtmöglicher Effizienz schreit. Aber für mich war das z.B. der Grund, warum ich lieber auf die Uni als in die Schule gegangen bin: mehr Eigenverantwortung und weniger Vorkauen.

      Susanne G schrieb:

      die persönliche Einstellung entscheidend
      Darauf können wir uns glaub’ ich einigen. :wink:
    • Oh, ich denke, wir können uns auf eine ganze Menge einigen, da ich deine Einstellung ja überhaupt nicht verkehrt finde. Und gegen dein Argument, dass man als junger, unerfahrener Autor niemals wüsste, wie man ohne irgendwelche Schreibratgeber-Tipps geschrieben hätte, wenn man sich bereits bei seinen ersten Schreibversuchen nebenher mit dem Basis-Handwerk beschäftigt, kann man schlechterdings nichts einwenden, da man es ja tatsächlich niemals wissen wird. Das gilt auch für mich selbst, da ich bei meinen allerersten Gehversuchen als Autorin noch viele Jahre davon entfernt war, mir Schreibratgeber zu Gemüte zu führen, um bessere Geschichten schreiben zu können (wie gesagt, Luke Skywalker lässt grüßen). Von daher sind es sicherlich mehr persönliche Einschätzungen und Empfindungen als handfeste, wissenschaftlich erhobene Fakten, über die wir sprechen.

      Worin ich generell eine gewisse Gefahr sehe, ist die Möglichkeit, dass man sich durch die Tipps in den diversen Ratgebern als unerfahrener junger Autor so eingeschüchtert fühlt, dass man sich in dem Bewusstsein, was man beim Schreiben alles falsch machen kann, in seiner Kreativität selbst blockiert. Das wäre aber, denke ich, kein Problem, das in der Verwendung der Schreibratgeber als solcher läge, sondern eher in möglichen biographischen Ängsten des Einzelnen, mit denen er lernen müsste umzugehen, wenn er das Schreiben ernsthaft betreiben möchte (und die vermutlich spätestens mit den ersten kritischen Rückmeldungen seiner Probeleser ohnehin zum Problem geworden wären). Von daher ist es für manche Autoren sicherlich besser, erst einmal ohne Schreibratgeber ihre Geschichten zu schreiben, um von dem ganzen Bombardement an Tipps und Techniken nicht überfordert zu werden, und sich behutsam in ihrem eigenen Tempo dem theoretischen Basiswissen zu nähern - wenn sie es denn wollen.

      @Karin: Das mit dem Futterneid unter Autoren kann ich aus eigener schmerzlicher Erfahrung bestätigen. Den übelsten Verriss einer meiner Romane verdanke ich einem Teilnehmer in einem Schreibforum, der ebenfalls SF-Romane schrieb. Weil er eine meiner Geschichten wohl vom Thema her interessant fand, hatte er sich das entsprechende Buch gekauft und wollte - sofern ihm die Geschichte gefallen sollte - eine Rezension auf Amazon dazu veröffentlichen (was ich ziemlich nett von ihm fand). Das nächste, was ich von ihm hörte, war, als er auf Amazon in seiner Leser-Rezi verkündete, dass er meinen Roman so schlecht fand, dass er auf Seite 56 oder so aufhören musste zu lesen, weil er sich sonst hätte übergeben müssen (nicht in diesen Worten, aber die Botschaft war, finde ich, recht deutlich). Statt seine Meinung in dem Forum zu posten, wo wir ungezwungen darüber hätten diskutieren können, hat er es vorgezogen, sie gleich bei Amazon zu veröffentlichen, wo ich nichts mehr dazu sagen konnte. Auch wenn ich ein uneingeschränkter Befürworter von kritischen Rezensionen meiner eigenen Romane bin, hat dieses Verhalten doch einen äußerst schalen Beigeschmack für mich gehabt. Von daher denke auch ich, dass Neid und Missgunst unter Autoren durchaus nichts Ungewöhnliches sind.
    • Susanne G schrieb:

      Von daher sind es sicherlich mehr persönliche Einschätzungen und Empfindungen als handfeste, wissenschaftlich erhobene Fakten, über die wir sprechen.
      Natürlich, absolut. Das ist lediglich meine Meinung, die ich auch nie als unumstößliches Dogma darstellen wollte. Dafür bin ich doch noch viel zu grün hinter den Ohren. :wink: Und auch mit mehr Erfahrung würde ich mir das nicht anmaßen.
      Ich finde halt, dass das für mich persönlich der richtige Weg war. Ich weiß jetzt, wie ich ticke, wo ich Stärken und Schwächen habe. Und nun kann ich hergehen und gezielt an ihnen arbeiten.
    • Karin669 schrieb:

      die Theorie hat also sehr wohl ihre Daseinsberechtigung.
      Ja, absolut. Vor allem, wenn`s nicht läuft. Wenn`s klappt tritt die Theorie erst mal in den Hintergrund, dann hat der kreative Fluss erst mal Vorrang.
      Peter Waldbauer, Jahrgang 1966, ist Betriebswirt und wohnt als freiberuflicher Dozent und Autor in der Nähe von Heidelberg. Er veröffentlichte bisher Essays und fünf Bücher.
    • Karin669 schrieb:

      Lest ihr Bücher übers Schreiben? Beschäftigt ihr euch mit Strukturen, Szenenaufbau etc?
      Ich habe weiter oben bereits einen Beitrag zu diesem Tread verfasst, die eigentliche Frage habe ich darin aber unvollständig beantwortet.

      Die Antwort darauf lautet: Ja. Ich befasse mich mit Schreibtheorie. Auf dem Programm stand neben online verfassten Beiträgen zum Thema und dem Kursmaterial eines Schreibkurses, das mir in die Hände fiel auch manches Buch darüber. Genaugenommen: die ersten 10% so ziemlich jeden Schreibratgebers, der beim großen A. angeboten wurde, also die kostenlosen Leseproben, in denen meist einige lehrreiche Hinweise präsentiert werden.
    • Wer es nötig hat, sich händeringend mit einer Schreibtheorie zu befassen, bevor er ein Wort zu Papier bringt, dem fehlt etwas:
      Das innere Feuer und die Gabe, seine Phantasie in spontan-talentierte Worte zu kleiden.
      Gut, wer ein Sachbuch im Sinn hat, kann ja gerne zu den verstaubten Regeln greifen, die von Vielen so hochgelobt werden.
      Kreative Romanschreiber allerdings sollten sich nicht in ein mottenzerfressenes Korsett zwängen lassen, denn:
      Eine korrekte, schriftstellerische Vorgehensweise nach den starren Regeln der Literatur-Größen mag angesehen, richtig, gewöhnlich und anerkannt sein, aber eines ist sie nicht: Liebenswert!
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