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Henriette Schroeder - Ein Hauch Lippenstift für die Würde

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    Ein Hauch von Lippenstift für die Würde:...

    von

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    Verlag: Elisabeth Sandmann Verlag GmbH

    Bindung: Gebundene Ausgabe

    Seitenzahl: 160


    ISBN: 9783938045916


    Termin: September 2014

    • Henriette Schroeder - Ein Hauch Lippenstift für die Würde

      Klappentext:
      "Es geht dabei um Würde. Wenn man sich aus der Hand gibt, dann hat man natürlich keine Würde mehr." Herta Müller
      Ein wenig Puder, etwas Rouge, schöne Haare oder ein raffiniert geschlungener Gürtel – eine Selbstverständlichkeit in unbeschwerten Friedenszeiten. Aber warum ist dies im Krieg, im Gefängnis, im Lager, in einem unfreien Land - bei all den anderen Nöten noch wichtig? In »Ein Hauch von Lippenstift für die Würde« berichten Frauen aus ganz verschiedenen Kulturkreisen, welche Bedeutung es gerade in Zeiten größter Not für sie hatte, ein gepflegtes Äußeres zu bewahren.
      Diese Frauen haben in Sarajevo und Grosny versucht zu überleben; sind in Russland, China, der DDR, dem Iran verhaftet oder in Prag und Bukarest erniedrigt worden und haben die unmenschlichen Bedingungen in Lagern oft über Jahre erduldet. Bei ihrem Kampf zu überleben, ging es stets auch darum, Selbstachtung und weibliche Würde aufrechtzuerhalten – und hierfür konnten ein Hauch von Lippenstift oder eine saubere Bluse entscheidend sein.
      Auch die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, die die Drangsalierungen durch den rumänischen Geheimdienst immer wieder erdulden musste, hat für dieses Buch einen ergreifenden, sehr persönlichen und engagierten Text geschrieben. Die Interviews und ebenso persönlichen Beiträge sind u.a. von CNN-Starreporterin Christiane Amanpour und Bestsellerautorin Emily Wu.
      Das erste Buch zum Thema Weiblichkeit, Würde und Widerstand.
      Ein Tabuthema, das jeden Tag an Aktualität gewinnt.
      (von der Verlagsseite kopiert)

      Zur Autorin:
      Henriette Schroeder, 1961 in Bonn geboren, studierte Amerikanische Kulturgeschichte, Kunstgeschichte und Psychologie in München sowie Jewish Studies an der American University in Washington, D.C. Sie besuchte die deutsche Journalistenschule in München. Von 1999 bis 2002 arbeitete sie in der Abteilung »Media Affairs« der OSZE im Kosovo sowie in Bosnien und Herzegowina. Henriette Schroeder ist Journalistin und Dokumentarfilmerin, in ihren Arbeiten befasst sie sich meist mit Zeitgeschichte sowie mit zentraleuropäischer und jüdischer Geschichte und Tradition. Sie lebt heute in Wien. (von der Verlagsseite kopiert)

      Allgemeine Informationen:
      Henriette Schroeder hat Gespräche mit 23 Frauen geführt, die Kriege, Belagerungen, Flucht und Erniedrigungen überlebt haben. Die Erfahrungen dieser Frauen sind als Interviews, Briefe oder Aufzeichnungen der Betroffenen gedruckt, dazu jeweils eine kleine Fotoserie in Schwarz-Weiß zu jeder Frau.
      Umschlagmotiv von Daniel Biskup, der diese junge Frau 1999 in einem Flüchtlingslager in Mazedonien fotografierte.
      Vorwort der Autorin, 23 Erfahrungsberichte, Dank, Zitat- und Quellennachweis, Bildnachweis, Literaturverzeichnis
      303 Seiten

      Eigene Meinung / Bewertung:
      Was braucht man in Lagern, Gefängnissen oder auf der Flucht in ein unbekanntes Leben sicher nicht? Schminke, Make up oder Accessoires. (Denkt man. Wenn man sicher, geborgen und ohne Angst und Not lebt.)
      Was braucht man am nötigsten, um in Folter, Vergewaltigung und Lebensgefahr durchzuhalten? Die persönliche Würde. Um sich als Mensch noch zu spüren, um die eigene Stärke zu mobilisieren, um sich der Gewalt nicht ausgeliefert zu fühlen.

      Würde … in einer ausweglosen Situation … wie bekommt man sie … wie bewahrt man sie?
      Sich selbst als individuellen Menschen sehen, als unverwechselbare Person, mit ein wenig mehr als gar nichts sich selbst, die eigene Schönheit und Einzigartigkeit unterstreichen.

      Frauen hatten und haben von jeher ein besonderes Gefühl für den eigenen Körper und seine individuelle Schönheit. Kosmetik ist neben Kleidung seit Jahrtausenden ein Mittel, um diese Schönheit oder die Freude an sich selbst zu betonen und darzustellen. Insofern ist der titelgebende Lippenstift ein Synonym für alle Möglichkeiten, mit denen Frauen sich selbst, ihr Aussehen und ihre Kleidung gestalteten, um so für sich ein Stück ihrer Würde zurück zu gewinnen.
      Nicht grundlos scherten die Nazis den Frauen die Haare, konfiszierte die Stasi Spiegel.

      Schroeder stellt Beispiele aus verschiedenen Ländern, Kulturkreisen und historischen Epochen vor: Chinesinnen, die unter der Einheitskleidung bunte Blusen trugen, muslimische Frauen, die unter der Burka geschminkt sind, Frauen, die in Stöckelschuhen und schicken Röcken durch das belagerte und zerschossene Sarajevo eilten.
      Sie stellt Frauen vor, die Schreckliches überstanden haben, sie interviewt Frauen, sie sammelt Erinnerungen in Wort und Bild.
      Im Vordergrund der Gespräche, Texte und autobiographischen Zeugnisse steht nicht das Martyrium, sondern das Überleben.

      Ein Interview mit Herta Müller schließt das Buch ab. Man ahnt nun, warum die Nobelpreisträgerin ihre Lippen – im Verhältnis zu ihrem blassen Teint - so grell schminkt.
      Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. (Oscar Wilde)

      Bücher sind auch Lebensmittel. (Martin Walser)
    • Spielt das Aussehen für Frauen in der Krisenzeit eine Rolle? Aber ja. Selbst in Kriegszeiten achten sie darauf, wie sie das Haus verlassen. In Gefangenschaft ist es für sie geradezu überlebenswichtig, ihre Würde und Weiblichkeit bewahren zu können. Man sollte meinen, dass es in Zeiten von Not Wichtigeres gibt als das Aussehen. Doch "schon ein Hauch von Lippenstift lässt Frauen sich in fast jeder Notlage besser fühlen".

      Wer sind diese Frauen, die Henriette Schroeder dem Leser hier vorstellt?

      Emily Wu kommt als erste zu Wort. 1958 kam sie in Peking zur Welt. Mao Tse-tung wollte die Landwirtschaft kollektivieren und China in eine industrialisierte kommunistische Großmacht verwandeln. Dabei nahm er in Kauf, dass innerhalb von vier Jahren 45 Millionen Menschen verhungerten. Emily kannte nur eine graue, triste Welt. Keine Farben oder elegante Kleidung. Mit 23 Jahren emigrierte sie in die USA und schrieb ihre Memoiren: "Feder im Sturm - Meine Kindheit in China". Bis heute stehen sie dort auf dem Index.

      "Kulturrevolution" bedeutete in China auch, die "Vier alten" (die Kurzform für alte Ideen, alte Kultur, alte Bräuche und alte Gewohnheiten) zu zerstören oder zu konfiszieren. 5000 Jahre alte chinesische Traditionen sollten eliminiert werden.

      Als junges Mädchen verbrachte Emila viele Stunden damit zu stricken, sticken oder nähen oder Dekorationen zu basteln. "Unser Leben war so elend, langweilig und farblos, dass wir alles taten, um es erträglicher zu machen."

      Henriette Schroeder interviewt Frauen, die Schreckliches erlebt haben. Zum Beispiel die Belagerung von Sarajevo (1992), während der die Stadt 1425 Tage eingeschlossen blieb, Scharfschützen auch auf Frauen und Kinder zielten. 11.541 Menschen starben während dieses Krieges, der inmitten des friedlichen Europas stattfand. Tausende wurden schwer
      verletzt und über 30.000 Menschen werden immer noch vermisst.

      Wenn man gelesen hat, was diese Frauen erlebt haben, dann versteht man, dass schon ein Hauch von Lippenstift zum Überleben beitragen kann.

      Alle Frauen zu benennen, wäre hier zu viel. Daher werde ich nur einige der Frauen mit einem Zitat zu Wort kommen lassen.

      Senka Kurtović: "Sich schminken, sich gut kleiden, war auch Schutz gegen das Grauen..."

      Samra Luckin: "Ich hatte am ersten Tag des Krieges genauso viel Angst wie am letzten. Ich wollte aber auch nicht hinnehmen, dass mich jemand zu einer Lebensweise zwingt, die unter meiner persönlichen Würde ist. Auch deshalb habe ich mich um mein Aussehen gekümmert. Es ging um Würde und um Auflehnung gegen diese Primitiven, die uns umzingelt hatten und auf uns schossen."

      Christiane Amanpour: "Ich lernte, dass unter Beschuss, unter den mittelalterlichen Bedingungen, unter denen die Frauen leben musten, schön sein zu wollen, nichts mit Eitelkeit zu tun hatte. Es ging ihnen darum, ihre Menschlichkeit zu bewahren."

      Die Iranerin Yalda (Name geändert) lebt seit 2012 in völliger Anonymität in Wien: "Die Mullahs sagen, der Islam schreibe die Kleiderordnung vor. Aber in Wirklichkeit bestehen sie darauf, weil sie so dreckige, pervertierte Seelen haben. Und sie behaupten, alle anderen hätten ähnliche Gedanken; also erlassen sie viele Verbote. So wird Druck aufgebaut. Sie haben eine so schmutzige Fantasie, dass eine weibliche Fessel sie bereits anmachen würde. Mit all ihren Vorschriften verbreiten sie Angst und Schrecken und können so ihre Herrschaft zementieren."

      Wir hier im Westen sind mit Urteilen immer schnell bei der Hand. Gerade was das Kopftuch, die Kleider der Frauen aus anderen Kulturen betrifft. Dass vermummte und kopftuchtragende Frauen ihre ganz persönliche Revolution durchführen, das sehen wir nicht. Deshalb wünsche ich diesem Buch ganz viele Leser. Damit der ein oder andere sein vorschnelles Urteil vielleicht doch noch revidieren kann.

      Ich bin in diesem äußerst interessanten Buch auf so viele Frauen gestoßen, die ich bisher nicht mal vom Namen her kannte. Daher stelle ich es auch nicht gleich wieder ins Regal zurück, sondern versuche mal, noch mehr über diese Frauen zu erfahren.
      Lesende Grüße
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