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Heinrich Böll - Der Engel schwieg

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    Der Engel schwieg

    von

    3.4|6)

    Verlag: dtv Verlagsgesellschaft

    Bindung: Taschenbuch

    Seitenzahl: 212


    ISBN: 9783423124508


    Termin: November 1997

    • Heinrich Böll - Der Engel schwieg

      Klappentext:
      Am 8. Mai 1945 kehrt ein junger Soldat, mit falschen Papieren desertiert, in seine zerbombte Heimatstadt zurück. Er ist auf der Suche nach Brot, nach einer Bleibe und nach Menschen.
      »Es wird nichts vom Krieg erzählt, kaum etwas von der Nachkriegszeit, diesem Dorado des Schwarzhandels und der Korruption: es zeigt nur die Menschen dieser Zeit, ihren Hunger, und berichtet von einer Liebesgeschichte ...« Heinrich Böll
      (von der Verlagsseite kopiert)

      Zum Autor:
      Heinrich Böll, geboren am 21. Dezember 1917 in Köln, nahm nach dem Abitur eine Lehre im Buchhandel auf, die er bald abbrach. Nach einem gerade begonnenen Studium der Germanistik und klassischen Philosophie wurde Böll 1939 zur Wehrmacht eingezogen.1945 kehrte er aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft nach Köln zurück, wo er sein Studium wieder aufnahm und in der Schreinerei seines Bruders arbeitete. Ab 1947 publizierte er in Zeitschriften und wurde 1951 für die Satire ›Die schwarzen Schafe‹ mit dem Preis der Gruppe 47 ausgezeichnet. Fortan war er als freier Schriftsteller tätig und veröffentlichte Romane, Erzählungen, Hör- und Fernsehspiele sowie Theaterstücke.
      Als Publizist und Autor führte Heinrich Böll Klage gegen die Grauen des Krieges und seine Folgen, polemisierte gegen die Restauration der Nachkriegszeit und wandte sich gegen den Klerikalismus der katholischen Kirche, aus der er 1976 austrat. 1983 protestierte er gegen die atomare Nachrüstung. Insbesondere engagierte sich Böll für verfolgte Schriftsteller im Ostblock. Der 1974 aus der UdSSR ausgewiesene Alexander Solschenizyn war zunächst Bölls Gast.
      Der Verband deutscher Schriftsteller wurde 1969 von ihm mitbegründet, und er war Präsident des Internationalen PEN-Clubs (1971 bis 1974).
      Böll erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Georg-Büchner-Preis (1967), den Nobelpreis für Literatur (1972) und die Carl-von-Ossietzky-Medaille (1974).
      Heinrich Böll starb am 16. Juli 1985 in Langenbroich/Eifel. Sein gesamtes Werk liegt im Taschenbuch bei dtv vor.“ (von der Verlagsseite kopiert und gekürzt)

      Allgemeine Informationen:
      „„Der Engel schwieg“, 1949-1951 geschrieben, ist Bölls erster Roman, der im Nachkriegsdeutschland spielt. Er … führt mitten hinein in die Trümmerlandschaft einer deutschen Großstadt. Vielleicht war das der Grund, weshalb das Manuskript, das ein Jahr lang zur Veröffentlichung vorlag, dann doch nicht erschien. Der damalige Verlag nahm auf den Wandel des Publikumsgeschmacks Rücksicht: Man wollte nicht mehr an das unmittelbar zurückliegende Elend erinnert werden. …“ (von der vorderen Klappe kopiert)
      Das Typoskript, das Böll seinerzeit an den Verlag geschickt hatte, wimmelte von Fehlern, für die er sich entschuldigte. Unter Einbeziehung der handschriftlichen Entwürfe wurden für den Druck dieses Buches die Fehler ausgemerzt, sowie eine Anzahl Satzzeichen (Anführungszeichen bei Dialogen) für die bessere Lesbarkeit zugefügt.
      Aus dem Nachlass herausgegeben von Annemarie, René, Vincent und Viktor Böll. Der Roman erschien posthum 1992 zum 75. Geburtstag des Autors.
      191 Seiten plus Geschichte des Textes plus 17seitiges Nachwort von Werner Bellmann.

      Inhalt:
      Hans kommt nach dem Krieg in seine zerstörte Heimatstadt – vermutlich Köln - zurück. Durch eine Verwechslung wurde ein anderer Mann, Willi, statt seiner erschossen, und Hans sucht nun dessen schwer kranke Ehefrau, um die Todesnachricht und das Testament zu überbringen. Zuerst kommt er in ein Krankenhaus, zieht sich irgendeinen Mantel über seine verräterische Uniform und entdeckt in der Manteltasche einen Zettel mit der Adresse einer gewissen Regina, die er besucht. Regina hat kürzlich ein Kind bekommen, das kurz nach der Geburt gestorben ist. Hans kriecht bei ihr unter; er traut sich nicht nach draußen, bis sie ihm falsche Papiere besorgt. Die beiden kommen knapp über die Runden, Regina kümmert sich um Lebensmittel, Hans besorgt Heizmaterial.
      In einem zweiten Erzählstrang geht es um das Testament. Die Witwe des erschossenen Soldaten will das beträchtliche Vermögen ihres Mannes nach ihrem Tod wohltätigen Zwecken spenden. Doch der reiche Kunstsammler Dr. Fischer, ein Verwandter Willis, sucht das Testament in seinen Besitz zu bringen.

      Eigene Meinung / Bewertung:
      Die Skulptur des titelgebenden Engels rahmt das Buch ein: Hans stößt im ehemaligen Foyer des Krankenhauses auf einen Marmorengel, bzw. dessen Reste. Im letzten Abschnitt wird der Engel von Dr. Fischer in den Dreck getreten, nachdem seine miesen Tricks erfolgreich waren.
      Nicht umsonst hält der Engel eine Lilie, ein doppelbödiges Symbol, in der Hand (Blume der Unschuld und Reinheit / Blume des Todes).

      Über „Böll und seine Liebesgeschichten“ könnte man lange Abhandlungen schreiben, und ein Wort wie „gefühlvoll“ käme sicher nicht vor. So ist auch die langsame Annäherung zwischen Hans und Regina in typischer Böll-Manier eher spröde und distanziert erzählt. Zwei traumatisierte Menschen finden zueinander: Der Ex-Gefreite, der nicht „heim“kommen kann, weil „Heim“ zertrümmert und zerstört ist, und die Frau, die gerade ihr Kind verloren hat. Beide in einer Wüste aus zerbombten Häusern, ohne Kontakte nach außen, stets auf der Suche nach dem Überleben für den nächsten Tag, ein paar Lebensmitteln, ein paar Kohlen, ein wenig Geld.
      Der Krieg ist kein Thema. Das Buch erzählt nicht von Kämpfen, nicht von der Angst oder dem Tod. Das Thema heißt „Überleben“. Wenn nichts mehr ist, wie man es gekannt hat, wenn man nicht weiß, wie man die nächsten Tage übersteht und es doch wieder schafft.

      Obwohl beide Stränge zu Ende erzählt sind, obwohl das Motiv des Engels am Ende in den Anfang mündet, wirkt das Buch seltsam unfertig, als wäre das letzte Kapitel noch nicht gefunden worden.

      Fazit:
      Starke deutsche Nachkriegsliteratur, wegen seiner späten Veröffentlichung ein eindrucksvolles Zeugnis deutscher Zeitgeschichte.
      Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. (Oscar Wilde)

      Bücher sind auch Lebensmittel. (Martin Walser)
    • Den Rezis von Marie gibt's selten was zuzufügen, doch gerne hole ich gerade dieses Jahr noch einmal diesen Fred stellvertretend hervor. Denn immerhin wäre der liebe Heinrich in diesem Jahre 2017 100 Jahre alt geworden. Ist sein Werk teils auch sehr zeitgschichtlich bedingt, sei es als Trümmerliteratur, sei es als Auseinandersetzung mit dem Nachkriegsdeutschland, denke ich doch, dass etwas davon "bleibend" sein kann oder gar sollte: eben als Zeugnis dieser Zeit, aber auch teils anmahnend, wenn wir daran denken, in welch prekären Situationen gerade auch heute noch viele Menschen leben müssen. Zur Feier des Jahres griff ich also zu diesem Buch und einem Reread.

      Ja, sicher ist es ein "Nachkriegsbuch", doch mit dieser Trümmerlandschaft als Hintergrund, und dem Krieg als Ursache der derzeitigen Mühen unserer Protagonisten ist jener eben doch präsent. Nicht als reißerisch dargestelltes Front- und Kampfereignis, sondern als etwas, was die Menschen nun suchend, verstört, fast zitternd, aber immer auch "leidend" zurücklässt. Steht die Liebesgeschichte im Vordergrund, so erwarte man eben nicht unter diesen Voraussetzungen eine leidenschaftlich, pfeffrige, Pep-Liebesgeschichte, sondern etwas viel "Feineres". Das Wort spröde mag ich da irgendwo nicht so sehr, denn von dieser wachsenden Beziehung von Hans und Regina geht eine Form der sanften Zärtlichkeit aus, die zumindest auf mich einen ungeheuren Eindruck macht.

      Hans ist eben Heimkehrer und, wie Böll selber, ehemaliger Buchhändler. Natürlich verarbeitet der Autor hier wohl seine Eindrücke bei der Rückkehr in die Heimat...

      Wenige Elemente beherrschen das Szenario, einige Gegenstände sind omnipräsent: die Zigaretten, der Schmutz, die Gerüche..., aber vor allem auch das Brot, selbst der Wein, Blut. Dabei steht hinter dem Brot hier auch konkret das der Kommunion. Der Glaube ist in dieser Welt doch sehr präsent. Wird vor allem der "Geldfischer" als Pharisäer dargestellt, so gibt es unter jenen "armen Menschen" doch eine authentische Suche, die sich allen Firlefanz' entledigt hat.

      Empfehlenswert!
      Panait Istrati - Kyra Kyralina
      Alex Stock - morgen: theologie einer tageszeit
      Esther Kinsky - Naturschutzgebiet

      (Un-)Gelesenes: buechertreff.de/user/2161-tom-leo/#shelf
    • Sieh mal einer an! Ein Buch von Böll, von dem ich noch nie gehört habe. In frühester Jugend habe ich sehr viel Böll gelesen und sein Gruppenbild gehörte lange zu meinen Lieblingen. Die späte Veröffentlichung ist die Erklärung, denn irgendwann wandte ich mich ganz von Böll ab. Ein Grund war die Religiosität, die mich immer mehr störte, bei den Ansichten eines Clowns war es am Schlimmsten. Und wenn ich das Obige richtig interpretiere, ist es wohl auch in diesem Werk so, dass die Religion immer mitschwingt. Daher schwanke ich sehr, ob ich mich noch einmal an Böll wagen soll.
    • Klaus V. schrieb:

      ....irgendwann wandte ich mich ganz von Böll ab. Ein Grund war die Religiosität, die mich immer mehr störte, bei den Ansichten eines Clowns war es am Schlimmsten. Und wenn ich das Obige richtig interpretiere, ist es wohl auch in diesem Werk so, dass die Religion immer mitschwingt. Daher schwanke ich sehr, ob ich mich noch einmal an Böll wagen soll.
      Dann wirst Du wohl auch mit diesem Buch nicht glücklich werden. Böll unter Ausschluss seines Glaubens anzugehen halte ich für sehr schwer. Allerdings sehe ich bei ihm weniger "Religion" als vielmehr einen schlichten Glauben. Das kommt hier sehr stark durch. Ich meine mit Bölls Religiösität (wenn man es denn so nennen will) eigentlich etwas, was viele ansprechen kann, die ansonsten dem eher zurückhaltend oder skeptisch gegenüberstehen. Böll selber war ebenfalls gleichzeitig luzide, und prangert auch hir gewisse Abarten oder Charaktäre an, die man in diesen Sphären antreffen kann (aber nicht immer zu 100 % tut).
      Panait Istrati - Kyra Kyralina
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    • Klaus V. schrieb:

      Und wenn ich das Obige richtig interpretiere, ist es wohl auch in diesem Werk so, dass die Religion immer mitschwingt.
      Sie schwingt mit, weil Böll sich durch seine Figuren und in seinem politischen Leben immer wieder stark mit Religion auseinandersetzte und auch Konflikte mit der katholischen (Kölner) Kirche provozierte. Man findet einige Artikel im Netz, z.B. hier, hier, die vor 50, 60 Jahren oft hohe Wellen schlugen.

      tom leo schrieb:

      Allerdings sehe ich bei ihm weniger "Religion" als vielmehr einen schlichten Glauben.
      Wobei das Wort "schlicht" bei mir die Assoziation zu "unkritisch", "nicht zu hinterfragen" weckt. Und Bölls Glaube war ja gerade das Gegenteil von unkritisch, 1976 trat er aus der Kirche aus, nannte sich aber weiterhin gläubig. Heute kein Problem, aber damals schlug sein Vorgehen hohe Wellen.
      Er passte in kein Schema, gehörte zu den Linksintellektuellen, denen seine Religiosität nicht gefiel, und zu den Katholiken, denen sein politisches Engagement nicht gefiel.
      Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. (Oscar Wilde)

      Bücher sind auch Lebensmittel. (Martin Walser)
    • Das gefällt mir, wie Ihr es beschreibt. Ich kann das für mich auch kaum fassen, was mir da so aufstösst, vielleicht ist es eine Kritik (die ja tatsächlich bei ihm sehr deutlich ist), die aber den Glaubensinhalt als Prämisse eisern beibehält. Und ich kann auch, bei aller dezizierten Kritik, die er übt, den Ausdruck "schlichter Glaube" gut annehmen. Ich weiß, glaube ich, was gemeint ist.
      Vielleicht ist es auch so, dass ich persönliche Schwierigkeiten habe, weil ich den Menschen und homo politicus früher sehr bewundert habe und ich ihn mir dann als Gläubigen nicht "passend machen konnte".
      R.I.P.
    • Marie schrieb:

      Wobei das Wort "schlicht" bei mir die Assoziation zu "unkritisch", "nicht zu hinterfragen" weckt. Und Bölls Glaube war ja gerade das Gegenteil von unkritisch, 1976 trat er aus der Kirche aus, nannte sich aber weiterhin gläubig. Heute kein Problem, aber damals schlug sein Vorgehen hohe Wellen.

      Er passte in kein Schema, gehörte zu den Linksintellektuellen, denen seine Religiosität nicht gefiel, und zu den Katholiken, denen sein politisches Engagement nicht gefiel.
      Vielleicht war die Hinterfragung der Kirche, und den damit zusammenhängenden "Erbschaften" oder Ideen ein Streitpunkt, doch ich glaube schon, dass der Wesenskern von Bölls Glaube (und eben nicht Religion als Bindung an...) tatsächlich im guten Sinne "schlicht" war. Das meint dann irgendwo "geerdet" zb, oder auch "Vertrauen".

      Wird das nicht gerade auch in diesem Roman ziemlich deutlich? Mögen einige nur die Kritik an... sehen, so gibt es bei diesen Protagonisten einen letztlich bleibenden Anker. Und ich denke, dass Böll im Grunde ähnlich gestrickt war. Das ist nicht abhängig zu machen von einem Austritt aus der kath Kirche (auch wenn ich diese Entscheidung nicht als die Lösung verstehe...) und seiner ansonsten sicheren Kritikfähigkeit. Gerade dadurch ist er mir so sympathisch.

      Da scheint mich Klaus V. wohl verstanden zu haben?!
      Panait Istrati - Kyra Kyralina
      Alex Stock - morgen: theologie einer tageszeit
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