Heinrich Böll - Die verlorene Ehre der Katharina Blum


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    Die verlorene Ehre der Katharina Blum

    von

    4|46)

    Verlag: eBook by Kiepenheuer&Witsch

    Bindung: Kindle Edition


    eISBN: 9783462300567


    Termin: September 2009

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    • Heinrich Böll - Die verlorene Ehre der Katharina Blum

      Eigentlich müsste ich den Untertitel
      noch anführen: Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder: Wie
      Gewalt entstehen und wohin sie führen kann

      Inhalt:
      Katharina
      Blum ist eine junge hübsche Haushälterin, die sich eine kleine Eigentumswohnung und einen Volkswagen leisten kann. Sie hat ein heiter-bescheidenes Wesen und wird, weil sie Zudringlichkeiten der Männer verabscheut, in ihrer Umgebung die "Nonne" genannt. Diese Frau verliebt sich spontan in einen jungen Mann, einen von der Polizei gesuchten radikalen Rechtsverbrecher. Sie verhilft ihm zur Flucht und gerät in den Mittelpunkt der Sensationsmache einer großen Boulevardzeitung...
      (aus dem Buch übertragen)

      Und auch nochmal der Klappentext:
      Am Vorabend von Weiberfastnacht veläßt eine Junge Frau von siebenundzwanzig Jahren gegen 18.45 ihre Wohnung, um an einem privaten Tanzvergnügen teilzunehmen. Vier Tage später klingelt sie an der Wohnungstür des Kriminaloberkommissars Walter Moeding und gibt zu Protokoll, sie habe mittags gegen 12.15 Uhr in ihrer Wohnung den Journalisten Werner Tötges erschossen...

      Zum
      Aufbau:

      Die Erzählung umfasst in meiner Ausgabe 137 Seiten, die dann noch durch ein Nachwort Bölls selbst ergänzt werden. Eingeteilt ist die Handlung, die nicht chronologisch abläuft, da die Hergänge eher rekonstruiert werden, in 58 kurze Abschnitte.
      Böll berichtet mehr, als dass er erzählt und erwähnt stellenweise, dabei ein gewisses "Niveau" dringlichst aufrecht
      erhalten zu wollen.
      Der Leser weiß zu jeder Zeit, was geschehen wird (wenn er denn den Klappentext gelesen hat). Es geht in der Erzählung nicht um die Tat selbst; einzig und allein das, was zur Tat führt, wirkt auch im Nachhinein und ist das, worauf Heinrich Böll aufmerksam machen wollte.

      Meine Meinung dazu:
      Großartig, ich glaube, das ist so ein Buch, dass man gelesen haben muss. Nicht (nur), weil Heinrich Böll der Autor ist oder Ähnliches, sondern weil die Medien noch immer so agieren, wie in dem Werk dargestellt. Man selbst bekommt sowas, wenn man von gewissen Tageszeitungen Abstand nimmt, vielleicht gar nicht so mit. Aber die Widerwärtigkeit der Boulevardpresse kommen einem nicht fremd vor, obwohl das Werk "schon" vor guten 30 Jahren erschienen ist.

      Das Buch ist dabei keinesfalls trocken, es lebt an vielen Stellen vom Witz und "stillem Humor", wie damals die Neue Züricher Zeitung schrieb. Dennoch berührt es den Leser auf sehr unangenehme Weise, wie sehr
      Spoiler anzeigen
      das Leben der Katharina Blum umgekrempelt, jedes einzelne Detail ihres so geordneten und ja vorbildlichen Lebens zerrupft und analysiert wird.
      . Nicht nur das, man merkt auch, wie das Umfeld in die Geschehnisse reingezogen wird. Gerade daher empfinde ich es als wichtig, sich diesem Werk mal anzunehmen. Zu sehen, was die Folge von Rücksichtslosigkeiten und dem perversen Zurschaustellen von Menschen sein kann.

      Den Erzählstil empfand ich als angebracht. Die Art der Berichterstattung, die zwanghaft versuchte, sich sozusagen von den Gepflogenheiten der ZEITUNG (die Boulevardzeitung der Erzählung, deren Ähnlichkeiten mit den Praktiken der "Bild"-Zeitung "weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich" (Aus dem Vorwort) sind) abzuheben.

      Die Fragmentierung der Erzählung hat den Lesefluss und damit mich nicht beeinträchtigt. Wen das also bisher abgeschreckt haben sollte, den ermutige ich, es durchaus noch einmal zu versuchen.


      Fazit:
      Um ehrlich zu sein, finde ich es schwer, einen solchen Klassiker zu bewerten; nicht umsonst hat auch dieser Titel die dreißig Jahre "überdauert". Ich kann aber ohne Probleme :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: Sterne geben, so sehr lohnt es sich, Zeit für die paar Seiten eines Buches freizuschaufeln, wegen dem aus einigen Zeitungen die Bestsellerlisten für eine Zeit verschwanden - weil es es in die Liste geschafft hatte. Ein Werk, das sowas anrichten konnte, wird es zu lesen immer wert sein. ;)



      PS.: An die, die es schon gelesen haben: Ich war mir beim Setzen des Spoilers nicht sicher, ob er notwendig ist - was meint ihr?
      in another way, from another point of view...
    • Ich habe das Buch damels mit der Schule gelesen. Ich glaube, das war so in der 9./10. Klasse. Wir haben damals auch parallel dazu die Verfilmung gesehen. Wir haben das Buch wirklich auseinander genommen und jede Stelle 5 mal gelesen, trotzdem fand ich es nie öde. ;)

      Ich fand es damels sehr beunruhigend zu lesen. Irgendwie ging mir das Buch einfach nahe, vermutlich weil die ganze Geschichte so realistisch klang. Außerdem hat man in dem Alter, wie ich finde, ein noch ausgeprägteres Gerechtigkeitsempfinden, bevor man mit dem Alter eher abstumpft. Deswegen hab ich mich auch immer wieder sehr über die dort dargestellten Machenschaften aufgeregt. Es gab auch sehr rege Diskussionen in der Klasse und wir haben erschreckenderweise auch Parallelen zu im Buch dargestellten Praktiken der Presse in der Realität entdeckt. Das aufgrund des Buches die Bestsellerlisten rausgenommen wurden, wusste
      ich allerdings nicht oder habe es wieder vergessen. Das ist schon ein starkes Stück.

      Ich halte das Buch für großartig, weil es mich "schon" mit 15 Jahren ernsthaft zu Nachdenken gebracht hat. Es gehört für mich wie auch schon funke geschrieben hat, definitiv zu den Büchern, die man gelesen haben sollte.
      Mir hat die Art, wie das Buch geschrieben ist, sehr gut gefallen. Ich fand es gar nicht trocken oder langweilig, vielmehr hat Böll sehr oft mit den Fakten und trockenen Daten "gespielt":

      Spoiler anzeigen
      Wie gleich zu Beginn, als er schreibt wie Katharina an der Tür des Kommissars klingelt, "[...]der eben dabei ist, sich aus dienstlichen, nicht privaten Gründen als Scheich zu verkleiden [...]" Ebenso kurz darauf, als er davon spricht, dass nicht so viel von Blut gesprochen werden soll und kurz darauf schreibt, dass eine Pistole bei einem Menschen der etwas Weißes trägt notwendigerweise fast zur Spritzpistole wird.

      Ich weiß nicht, das hat einfach was.:lol: Auch wenn es aus dem Zusammenhang gerissen nur halb so schön ist.

      Insgesamt bin ich also ganz mit funke auf einer Wellenlänge.

      Ich denke, ich werde es bei Gelegenheit nochmal lesen, einfach um zu sehen, wie ich heute dazu stehe. Danke, dass du mich an dieses Buch erinnert hast, funke.
      :D Ich finde den Spioler übrigens nicht sooo notwendig. Also, es verdirbt einem nicht das ganze Buch. Aber ich würd ihn zu Vorsicht lieber drinlassen. Ich hoffe, ich gehe nicht zu sehr ins Detail und hab alles richtig gemacht, bin noch ziemlich neu.
      "Ich frage mich, ob die Sterne leuchten, damit jeder eines Tages den Seinen wiederfinden kann." - Der kleine Prinz

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    • "Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der BILD-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich."

      Damit beginnt Heinrich Böll seine Erzählung über die Haushaltsgehilfin Katharina Blum. Die junge Frau ist 27 Jahre alt, schön, fleißig und zielstrebig. Zudem vereint sie, wie eine Freundin einst über sie sagte, zwei lebensgefährliche Eigenschaften: Treue und Stolz. Als sie sich auf einem Ball Hals über Kopf in Ludwig Götten verliebt, einen gesuchten Banditen, gerät sie zwischen die Mühlensteine von Justiz und Boulevardpresse. Vier Tage später erschießt sie den dafür verantwortlichen Journalisten in ihrer Wohnung.

      Was dazwischen geschieht, berichtet Böll nüchtern und immer mal wieder mithilfe von Rückblenden. Seine Erzählung lebt wenig von Überraschungseffekten und Spannung, dafür umso mehr vom Schrecken, der den sachlichen Stil in der Form eines Berichtes begleitet. Ich war vom ersten Moment an vollkommen gefangen in der dichten Atmosphäre, die er um Katharina und die Menschen, die ihr nahe standen, herum kreiert hat. Ich spürte förmlich, wie das Geschehen sich auf die Eskalation zubewegte und wann der Punkt erreicht und überschritten war, an dem das, was Böll vorwegnimmt, nicht mehr abzuwenden war.

      Das Buch gab Gedankenanstöße, die ich heute für aktueller denn je halte - und dabei erschien Die verlorene Ehre der Katharina Blum bereits 1976 in seiner Erstausgabe:

      Was ist uns die persönliche Sphäre eines Menschen wert? Entlang welcher ethischer Grundlinien handelt die Presse? Kann Sensation mehr wiegen als Privatsphäre? Welche Spuren hinterlassen Verleumdung, Gerüchte und Sensationsgeilheit in der Seele? Wer glaubt dem gedruckte Wort und wo erscheint es? Und was treibt den Menschen in seinen Handlungen an?

      Interessant war auch, wie dem Nachwort Bölls zu entnehmen war, die Reaktion der BILD-Zeitung auf seine Erzählung, die sich schnell den Vorwürfen stellen musste, ein Pamphlet zu sein und den Terrorismus zu verherrlichen:

      Sie nahmen einfach die wöchentliche Bestseller-Liste aus ihrer Zeitung, denn Die verlorene Ehre der Katharina Blumwäre darin aufgeführt gewesen. Es wäre lustig, wenn es nicht so traurig und brandaktuell wäre.

      Letztendlich war diese Erzählung Bölls sehr beeindruckend. Ein Buch, das es wert ist, auch heute noch immer und immer wieder gelesen zu werden - überall auf der Welt, wenn man nur in die Nachrichten schaut.


      :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:
      merveille.

      It was that kind of a crazy afternoon, terrifically cold, and no sun out or anything,
      and you felt like you were disappearing every time you crossed a road.

      Catcher in the Rye. ♥
    • Sommerregen03 schrieb:

      "Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der BILD-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich."

      :thumleft:
      Und daran wurde in neueren Ausgaben noch nicht herumzensiert?
      "Books are ships which pass through the vast sea of time."
      (Francis Bacon)
      :study:
      Paradise on earth: 51.509173, -0.135998
    • Und wieder mal bin ich diejenige, der Die verlorene Ehre der Katharina Blum nicht gefällt, so ist das nun mal ... :lol:

      Die Geschichte erscheint mir bezüglich des Wissens der Katharina Blum um geheime Ausgänge durch irgendwelche Leitungs-und Abwasserschächte aus dem Wohnkomplex viel zu konstruiert, denn zum einen wäre ein so komplizierter Weg an irgendwelchen Stromkabeln vorbei kein alternativer Fluchtweg in einem Brandnotfall oder ähnlichem gewesen, und zweitens kann ich mir Katharina nicht vorstellen, wie sie der Architektin ggü. Interesse für die Installationspläne des Wohnkomplexes zeigt und es bei ihr für die mentale Umsetzung solcher abstrakter Pläne auf die "Innereien" des Wohnkomplexes ausreichen würde, das ist doch völig abstrus.
      Außerdem: warum sollte sie vermuten, dass ein Gebäude wegen eines Bundeswehrdeserteurs polizeilich umstellt würde, sodass sie Ludwig Götten einen "geheimen Ausweg" zeigen müsste? Einen solchen Aufwand der Exekutive hat man doch sogar in den 70er Jahren nicht wegen einer Type betrieben, die nicht mehr zum Bund wollte, oder?
      Das passt für mich überhaupt nicht zusammen - auf der einen Seite ist Katharina so naiv, dass sie die Story mit dem Deserteur glaubt und auf der anderen Seite stellt Böll sie technisch so interessiert hin, dass sie sich über die Installationspläne von der Archiktektin aufklären lässt.

      Dann kommt der scheußlich überhebliche Ton Bölls in diesem Buch, der Mann klingt für mich durchgehend cholerisch und hasserfüllt. Ich finde das Herumgehacke auf der Presse in dem Stil, wie Böll es in seinem Buch Die verlorene Ehre der Katharina Blum zeigt, eigentlich um keinen Deut besser als die Boulevardpresse selbst, wenn ich ehrlich sein soll. Was macht Böll in seinem Buch denn? Er bringt zu einem (schlecht konstruierten, sh. oben) fiktiven Vorfall sämtliche relevante Details der direkt und indirekt Beteiligten, die aufzeigen sollen, wie unfair und reißerisch verlogen die Boulevardpresse mit dem Privatleben der Personen umgeht, über die sie berichtet. Und wie bringt er das? In Kapitel 49 zum Beispiel so:
      Da man nicht sicher sein kann, dass bestimmte, relativ deutliche Hinweise auf Handlungs- und Tatzusammenhänge nicht doch möglicherweise als bloße Andeutungen verlorengehen oder missverstanden werden, sollte man hier doch noch einen Hinweis gestatten: Die ZEITUNG, die ja durch ihren Reporter Tötges den zweifellos verfrühten Tod von Katharinas Mutter verursachte, stellte nun in der SONNTAGSZEITUNG Katharina als am Tod ihrer Mutter schuldig dar und bezichtigte sie außerdem - eben nur mehr oder weniger offen - des Diebstahls an Sträubleders Schlüssel zu dessen Zweitvilla! Das sollte doch noch einmal hervorgehoben werden, denn man kann da nie sicher sein.
      Auch der Teil mit dem Herrenbesuch durch Sträubleder erscheint für mich wieder furchtbar konstruiert, aber von solchen Konstruktionen gibt es einfach zu viel im Buch ...

      Ich sehe ja durchaus ein, dass die Medien nur sehr selten objektive Berichte veröffentlichen, und dass viele Menschen Kommentare abgeben, die oftmals keine Ahnung von der betreffenden Sachlage haben (sh. Skiunfall Michael Schumacher, sh. aktuelles Flugzeugunglück etc.); soweit bin ich einverstanden. Dennoch: warum veröffentlichen die Medien denn so etwas? Nur, weil durch und durch böse, gehässige Menschen bei den Medien arbeiten? Ehrlich?
      Nein, ganz klar: die Morbidität im Normalbürger und damit im Zeitungsleser oder Fernehzuschauer als Medienkonsument erhöht die Wirtschaftlichkeit für die Medienkonzerne. Wären wir alle nicht so verflucht erpicht darauf, zu lesen und zuzusehen, wie andere Menschen hin und wieder scheitern, dann wäre doch mit reißerischer Berichterstattung gar kein so lohnenswertes Geschäft zu machen. Aber darauf geht Böll überhaupt nicht ein ...

      Auf der wikipedia-Seite zum Buch ist zu lesen:
      In einer Vorbemerkung erläutert Böll:

      „Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der Bild-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.“

      In diesem Sinne betrachtete Heinrich Böll seine Erzählung tatsächlich als ein Pamphlet, wie er in seinem Nachwort erläutert. Er wollte damit auch auf die seiner Meinung nach negative, konfliktverstärkende Rolle des Sensationsjournalismus im Zusammenhang mit dem linken Terrorismus der 1970er Jahre (besonders der Rote Armee Fraktion) hinweisen. Böll sah sich selbst wegen früherer, missverstandener Publikationen als Opfer einer Medienkampagne, die ihn als Sympathisanten der Terroristen darstellte.

      Heinrich Böll sah sich seit seiner kritischen Stellungnahme „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“, die 1972 im Magazin Der Spiegel erschien, selbst als Opfer einer Rufmord- und Hetzkampagne, die in ihm einen Sympathisanten des Terrorismus der Rote Armee Fraktion (RAF) erkennen wollte. Er reagierte mit „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ auf die Berichterstattung der BILD-Zeitung und auf die Gewaltdebatte der 1970er Jahre, prangerte mit seiner Erzählung den Sensationsjournalismus an und veranschaulichte die möglichen Folgen.

      Ich persönlich habe den Eindruck, der Drang Bölls, seiner erlittenen Ungerechtigkeit durch die Medien Luft zu machen, ist seiner Schreibweise in Die verlorene Ehre der Katharina Blum von der ersten bis zur letzten Seite anzumerken.
      Und was Böll dem Leser in seiner "Erzählung" vermittelt, wirkt auf mich ziemlich billig: er stellt dem Leser jede Menge Einsichten zur Verfügung, wie sie erstens der Presse nur schwerlich zur Verfügung stehen werden in egal welchen Vorfällen, und zweitens tut er es in einem Stil, der dem der Sensationspresse in nichts nachsteht. Er stellt uns nämlich all diese schön zu lesenden, privaten Details um die beteiligten Personen, ihre Motive und ihre Reaktionen zur Verfügung, die den Leser in einer objektiven Berichterstattung eigentlich gar nichts angehen sollten; BÖLL schreibt genauso wie die von ihm immer in Großbuchstaben erwähnte ZEITUNG! Und warum? - weil er weiß, dass er am besten die Sympathie der Leser auf seine Seite und damit gegen die ZEITUNG aufbringt, wenn er die Morbidität des Lesers befriedigt, was er in seinem Büchlein ausreichend tut. ,
      Ich sag's ganz ehrlich: so billig möchte ich mich von niemandem auf seine beleidigte Seite ziehen lassen. Ich persönlich finde dieses Buch ziemlich schlimm.

      Aber ich will ja nicht nur motzen, ich möchte wenigstens mit einem konstruktiven Vorschlag abschließen: Ich bin damit einverstanden, dass es nicht angeht, wie sich die Presse oft genug auslässt. Ich glaube nur nicht, dass diese beleidigte Art von "Erzählung" eine angemessene Antwort ist. Man hätte statt dessen aus der Sicht eines verantwortlichen Redakteurs der Regenbogenpresse schreiben können, unter Verwendung der Figur des "unzuverlässigen Erzählers", der sich ständig damit rechtfertigt, man sei der Öffentlichkeit gegenüber verpflichtet, ihr die Augen über solch gefährliche und hintertriebene Individuen zu öffnen. Gleichzeitig müsste in der Erzählung klarwerden, dass dieser Redakteur auf eine solch billige Weise die Auflagenzahl seines Blattes, und damit einhergehend die Gewinne der Zeitungseigner erhöhen würde, was sich natürlich für ihn selbst in Form von Beförderung, Firmenwagen etc. niederschlüge. So hätte ein Buch zum Thema ungerechtfertigte Verunglimpfung durch die Medien meiner Meinung funktionieren können, aber was BÖLL in Die verlorene Ehre der Katharina Blum vorgelegt hat, kann ich nicht für gutheißen, auch wenn ich jetzt wieder mal dem verknöcherten Literaturkanon des letzten Jahrhunderts komplett widerspreche.
      » Unexpected intrusions of beauty. This is what life is. «

      Saul Bellow, (1915-2005 ), U.S. author,
      in Herzog
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