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Jim Nisbet - Tödliche Injektion / Lethal Injection


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    Tödliche Injektion (Pulp Master)

    von

    4.7|3)

    Verlag: Pulp Master

    Bindung: E-Book Download

    Seitenzahl: 272


    eISBN: 9783927734791


    Termin: Juli 2014

    • Jim Nisbet - Tödliche Injektion / Lethal Injection

      Klappentext:

      Dr. Franklin Royce ist ein alkoholabhängiger Gefängnisarzt, der mit einer unangenehmen Aufgabe belastet ist; mit der Beaufsichtigung der Hinrichtung eines jungen Schwarzen, der in Anbetracht seines schrecklichen Schicksals sonderbar unbeteiligt erscheint. Dr. Royce glaubt durch seine Anwesenheit an dem Tod des jungen Mannes mitschuldig zu sein, da er an seine Unschuld glaubt. Auf der Flucht vor seiner kaputten Ehe und seiner ruinierten Praxis zieht Royce los, um die Herkunft des exekutierten Sträflings zu erforschen. Seine ständigen Begleiter werden die Ex-Kumpane des Hingerichteten. Ein tätowierter, bisexueller Psychopath und eine apathische, heroinsüchtige Hure, deren Schönheit Royce fasziniert und einfängt. Er ist bereit ihr zu folgen.

      "Als sie die Tür öffnete, war Colleen Valdez so stoned, dass sie kaum stehen konnte. Sie hatte rabenschwarzes Haar, das bis auf ein paar gekräuselte Strähnen glatt auf ihre Taille fiel, und einen aprikotfarbenen Morgenmantel, der von ihrem Haar mehr oder weniger soviel verbarg, wie er im gleichen Verhältnis von ihrem Körper mehr oder weniger zur Schau stellte. Obwohl sie zu ihrem unerwarteten Besucher sprach, waren ihre Augen geschlossen ... Während sie murmelte, beobachtete Royce eine dünne Blutspur, die an der Innenseite ihres Unterarms entlangkroch."

      "Im Vergleich zu Nisbets Story wirkt der Film >Blue Velvet< wie eine Disney-Produktion ... Dieses Buch ist voller düsterem, beklemmendem Rock 'n' Roll mit dem Drang zum Abgrund" The Oklahoma Daily

      Meine Meinung:

      Eine interessante Geschichte, die der Autor hier auf knapp 150 Seiten ausbreitet. Die einleitende Beschreibung der Hinrichtung über 33 Seiten, der Weg des die Hinrichtung begleitenden Arztes nach Hause, zu einem Heim, zu dem er schon lange keine Bindung mehr hat, zu einer Frau, der er schon seit Jahren entfremdet ist, zeigen die Zerrissenheit des Dr. Royce und machen die Triebkräfte plausibel, die ihn bei seiner Suche nach den Menschen aus dem Umfeld des Todeskandidaten zu seinem morbiden Abstieg in den Bodensatz der Gesellschaft veranlassen. Und seine Faszination. Spannung pur von Anfang bis Ende.
    • Ein kurzer Roman von großer (am eigenen Leib beim Lesen fast sprübaren) Körperlichkeit und Getriebenheit. Ganz wunderbar finde ich, dass sich viele Dinge ganz anders ereignen, als es in den jeweiligen Situationen, die aus einschlägigen Genretexten bekannt zu sein scheinen, zu erwarten wäre. Ich denke da zunächst an die Szene in der Raststätte an der Autobahn, wo das Gespräch über den hingerichteten schwarzen Häftling mit den (dem Alkohol gegenüber aufgeschlossenen) Hinterwäldnern nicht in rassistischer Pöbelei endet, sondern in einem gemeinsamen Toast "auf die Unschuldigen" - als Trinkspruch auf das Schreckgespenst der eigenen Ungewissheit. Danach geht dann eigentlich alles den Bach runter. Ein beeindruckender Roman einer Selbstzerstörung.

      PS: Wenn man sich vorstellt, dass diese düstere Geschichte voll Tod und Verbrechen, Gewalt und Drogen von dem auf seinem Verlagsfoto so freundlich lächelnden, akademisch wirkenden Jim Nisbet geschrieben wurde, kann man eigentlich nur schelmisch in sich hineinkichern ... :)
      Lucius Shepard "Das Leben im Krieg" (361/601)
      Thomas Gaschler & Eckhard Vollmer "Dark Stars - 10 Regisseure im Gespräch" (53/300)
      John Casey "Der Traum des Dick Pierce" (54/392)

      Jahresbeste: Willa Cather (2017), Adrian Tomine (2016), Derek Raymond (2015), James Agee (2014), Ken Kesey (2013), Jim Nisbet & Richard Ford (2012) :king:
      Gelesen: 110 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
      Letzter Buchkauf am 15.11.2017: Lucia Berlin "Was ich sonst noch verpasst habe"
    • Achso: Der Roman ist im BT momentan fälschlicherweise der Wyatt-Reihe von Gerry Disher zugeordnet (im Infobreich, nicht in der Serienseite selber). Ist natürlich ein Standalone und hat nix mit Disher zu tun (außer, dass beide hierzulande bei gleichen Verlag erscheinen: Pulp Master).
      Lucius Shepard "Das Leben im Krieg" (361/601)
      Thomas Gaschler & Eckhard Vollmer "Dark Stars - 10 Regisseure im Gespräch" (53/300)
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      Letzter Buchkauf am 15.11.2017: Lucia Berlin "Was ich sonst noch verpasst habe"
    • Die erste Hälfte dieses Buches war physisch anstregend - nicht nur fast - und emotional auslaugend.
      Die zweite Hälfte, nachdem Royce Frau und Heim verlässt, hat mich zunächst ein wenig enttäuscht.

      Mit welchen Superlativen wurde dieses Buch nicht angepriesen: So noir wie es nur geht, extrem düster, brutal und nihilistisch. Und während ich so las, dachte ich mir: "Aber, aber, aber... das geht doch eine ganze Ecke düsterer, brutaler, nihilistischer. Das hier ist doch Streichelzoo." An Drogen-, Sex- und Gewaltexessen habe ich nun schon einiges gelesen, und Lethal Injection erschien da im Vergleich recht zahm. So gar nicht das, was ich erwartet hatte.
      Bis ich merkte: Das ist gar nicht so ein Buch. Das ist eben nicht das, was man von Drogen-, Sex- und Gewaltexessen gemeinhin erwartet (oder was ich gemeinhin erwarte). Wie Nisbet meine sensationslüsternde Erwartungshaltung - mehr, mehr, mehr und immer mitten in die Fresse rein - unterlaufen hat, ist dann doch sehr bemerkenswert.

      Darüber hinaus mag ich seinen Stil. Ich habe eine Weile gebraucht, um mich einzulesen, in diese für noir-Verhältnisse extrem langen und verschachtelten Sätze, in Nisbets Vorliebe für große Worte (von denen ich im Englischen nicht mal alle kannte; gemeinerweise kommen Print-Bücher ohne eingebautes Wörterbuch), in die Vergleiche, die selbst für noir komplett abgehoben sind. Sprachlich schlägt das Buch ziemlich über die Strenge. Aber genau das passt, und noch dazu ist es komisch, wirklich richtig rabenschwarz komisch.

      So noir wie es nur geht? Das vielleicht nicht, aber schon klein, gemein und gut geschrieben.
      :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertungHalb:
      "Selber lesen macht kluch."

      If you're going to say what you want to say, you're going to hear what you don't want to hear.
      Roberto Bolaño
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