Ich kann nicht glauben, dass hier im BücherTreff über dieses Buch noch keine Rezension geschrieben wurde… Dann tue ich das hiermit!
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Die 13-jährige Briony Tallis hat sicher viele Talente. Eins davon ist ihre rege Fantasie. Ein Theaterstück will das junge Mädchen inszenieren im Landhaus der Familie, in jenem heißen Sommer 1935, der die Gemüter und Gefühle aller so sehr erhitzt. Warum sonst sollte sich Brionys Schwester Cecilia am Brunnen mit Robbie treffen und derart merkwürdige Dinge tun? Warum benutzt Robbie ein derart unflätiges Wort? Und was ist da am Abend Schreckliches im Garten geschehen? So schreibt das Schicksal ein ganz anderes Drama in Ian McEwans Abbitte, in dem Briony mit ihrer großen Fantasie eine eher tragische Rolle spielt. Denn sie deutet die Situation völlig falsch und zerstört durch eine Anklage gleich mehrere Menschenleben. Als Briony bereits eine erfolgreiche Schriftstellerin geworden ist und begreift, wie falsch ihre Anschuldigungen gewesen sind, ist es bereits zu spät.
Eine Freundin lieh mir das Buch mit der Empfehlung, es passe zu den heißen Sommertagen, da ein Großteil des Romans an einem heißen Sommertag spiele. Und in der Tat wurde ich beim Lesen ein wenig in die träge Stimmung dieses Sommertags versetzt. Anfangs wusste ich nicht recht, was ich von der Geschichte halten sollte. Der Sommertag auf dem englischen Landsitz zieht sich träge dahin, die Personen treiben ebenso ziellos dahin, gelangweilte Aristokraten, die nichts mit sich anzufangen wissen. Ich langweilte mich beim Lesen auch etwas und wartete darauf, dass etwas passiert. Nach der im Klappentext so hervorgehobenen „Schlüsselszene“ am Brunnen begann es tatsächlich interessanter zu werden. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, alles passierte irgendwie „innerlich“, während äußerlich weiterhin alles ruhig blieb. Man bekam Einblick in die wirren Gedankengänge Brionys, man begleitet die Mutter Emily bei ihrem beinahe hellseherischen „Rundgang“ durch das Haus, während sie mit einer Migräneattacke im Bett liegt und man ist beim Erwachen von Robbies Gefühlen dabei. Den Höhepunkt hat dieser erste Teil natürlich in der bereits im Klappentext erwähnten Ankklage Brionys, die das Leben mehrer Menschen verändern wird.
Im zweiten Teil wird man völlig abrupt und unerwartet mit Robbie als Soldat ins Kriegsgeschehen des Jahres 1940 hineinkatapultiert und aus dem beschaulichen Gesellschaftsroman wird plötzlich ein erschreckender, abstoßender Kriegsroman. Dies setzt sich im dritten Teil fort, in dem man Briony in ihrem Alltag als Schwesternschülerin begleitet.
Das Ende, in dem Briony als alte Frau auf ihr Leben zurückblickt und dieses aufgeschrieben hat, ist für meinen Geschmack zu kurz, da hätte ich mir eine ausführlichere Zusammenführung der Handlungsstränge gewünscht, aber das Geheimnisvolle soll wohl erhalten bleiben. So bleibt z. B. unklar, ob das Leben von Cecilia und Robbie tatsächlich so weiterging wie beschrieben, oder ob Briony das in ihrem Bericht, quasi also einem „Roman im Roman“ zum Wohle des Lesers beschönigt hat.
Ein seltsames, rätselhaftes, widersprüchliches und fesselndes Buch. Am Anfang langweilte es mich, dann stieß es mich ab und trotzdem war ich gefesselt und konnte am Schluss nicht mehr aufhören.
Hier haben dieses Buch doch schon einige gelesen, aber niemand hat sich bisher geäußert. Was denkt Ihr denn darüber? Schade, dass es nicht für die aktuelle Leserunde gewählt wurde, denn ich glaube, dazu hätte es viel zu diskutieren gegeben!