Die Lesung von Isabel Abedi war wunderschön, mit "Lucian" bin ich gestern Abend auch fertig geworden.
Ich habe mittlerweile schon von vielen gehört, wie schwierig sie es finden Isabel Abedis Roman „Lucian“ zu rezensieren, da man dieses Buch einfach nicht in eigene Worte fassen könne. Nachdem ich das Buch gestern Abend beendet hatte, kam mir genau der gleiche Gedanke. Wie soll ich nur ein Buch rezensieren, das mir so dermaßen die Sprache und sämtliche Gedanken verschlagen hat?! Das mich selbst jetzt in diesem Moment noch so in seinen Fängen hat, sodass ich an nichts anderes mehr denken kann? Ich weiß es nicht. Aber gerade eben versuche ich es.
„Lucian“ handelt von der anfangs 16-jährigen Rebecca, die mit ihrer Mutter Janne und deren Lebensgefährtin Patrizia „Spatz“ in Hamburg lebt. Rebecca hat eigentlich ein sehr glückliches, erfülltes und normales Teenagerleben: Sie geht zusammen mit ihrer besten Freundin, der etwas aufgedrehten Suse, in die 11.Klasse, hat sich vor kurzem erst von ihrem Freund Sebastian, der ihr sehr nahe steht, getrennt. Mit ihrem Englischlehrer Morton Tyger kommt sie überhaupt nicht klar, obwohl sie perfektes Englisch spricht, da ihr Vater Amerikaner ist. Nachmittags verbringt Rebecca ihre Zeit gerne in der Schwimmhalle, um ihrem Lieblingssport nachzugehen und ihrem Element, dem Wasser, ganz nahe zu sein.
Eines Abends jedoch spürt Rebecca plötzlich einen ungekannten Schmerz in der Brust, der sich anfühlt wie ein feiner Riss. Dieses Gefühl hält sich die ganze Zeit über aufrecht, bis sie Lucian begegnet. In seiner Nähe fühlt sie sich einfach gut, so als wäre sie wieder ganz. Auch Lucian fühlt denselben Schmerz wie Rebecca, wenn sie nicht bei ihm ist. Doch dem ist nicht genug: Als Rebecca herausfindet, dass Lucian jede Nacht sonderbare Träume von ihr hat, steht ihre Welt völlig auf dem Kopf. Was ihre Bindung zueinander wirklich bedeutet, erfahren die beiden viel zu spät…
Lucian hat Rebeccas Welt auf den Kopf gestellt. Isabel Abedi hat meine Gedanken und meine Empfindungen auf den Kopf gestellt. So könnte man es ganz einfach bezeichnen. Schon lange nicht mehr hat mich ein Buch so tief in der Seele berührt, und das meine ich vollkommen ernst. Die letzten Bücher, die mich nur ansatzweise so berührt haben, waren die der Mortal-Instruments-Reihe von Cassandra Clare, aber diese Bücher kann man mit Isabel Abedis Werk mit keinem Deut vergleichen.
Aber fangen wir lieber mal von vorne an…
Die Charaktere in „Lucian“ fand ich sehr facettenreich gestaltet. Jeder ist für sich sehr sympathisch, sogar die vermeintlichen Nebencharaktere wie Morton Tyger, Suse oder Sebastian habe ich ins Herz geschlossen.
Die Welt der jugendlichen Rebecca im heutigen Deutschland hat Abedi perfekt dargestellt. Mit Anspielungen auf Schüler-VZ oder YouTube fühlte ich mich sofort angesprochen.
Die Autorin verarbeitet auch viele Literaturanspielungen und Songtexte in ihre Handlung, die jedes Mal perfekt zur jeweiligen Situation passen. Zu Beginn wird Beethovens „Mondscheinsonate“ erwähnt, die eine wunderbare Leitmelodie für die gesamte Buchhandlung bietet. Als gegen Ende des Buches das Stück noch einmal erwähnt wurde, fühlte ich mich in diesem Gedanken bestätigt. Bei Isabel Abedis Lesung, die Kari, MmeCullen und ich diese Woche besucht haben, hat sie uns Zuhörern auch eine Diashow mit Impressionen zum Buch gezeigt, die unter anderem von der „Mondscheinsonate“ unterlegt war. Das Musikstück passt einfach perfekt zur Stimmung im Buch.
Die zentralen Motive die Abedi in „Lucian“ aufgreift, haben mich ganz stark berührt, da sie viele Themen vereinen, die mich persönlich ansprechen: Träume – Was bedeuten Träume für uns? Was sagen sie über uns aus? Was ist Traum, was ist Wirklichkeit? Licht – Licht ist warm, es tut unserem Körper und unserer Seele gut. Was passiert, wenn das Licht verschwindet und nur noch Dunkelheit da ist? Leben und Tod – Das Leben ist wertvoll. Jeder Tag, jeder Augenblick ist wichtig und muss gelebt werden! Was geschieht wenn wir sterben? Wasser – Für mich das faszinierenste und gleichzeitig erschreckenste aller Elemente. Das Wasser gibt uns ein Gefühl von Freiheit und Ruhe, wir fühlen uns ausgeglichen und befreit. Wasser kann uns aber auch in seine Tiefen ziehen, uns nicht mehr loslassen und für immer verschlingen. Es hat so viele verschiedene Gesichter wie kaum ein anderes Element.
Rebecca ist eine sehr liebenswerte Protagonistin. Ihre Gefühle und Gedanken sind so perfekt und authentisch geschildert, dass ich oft meinte, selbst in ihrer Situation zu sein. Das führte auch das eine oder andere Mal dazu, dass meine eigenen Gefühle einfach überschwappten…
Mich rühren nur wenige Bücher zu Tränen. Ganz wenige bringen mich wirklich zum Heulen: „Lucian“ ist eines davon.
Gerade weil das Buch in der Realität spielt, ging mir die Geschichte so nah wie kaum eine. Ganz oft hatte ich das Gefühl, dass die Handlung wirklich so in unserer Welt passieren könnte. „Lucian“ steht zwar in der Buchhandlung beim Genre Fantasy, aber es ist auf keinen Fall einer der typischen Fantasy-Romane, die man heute kennt.
Isabel Abedi vereint gekonnt witzige, nachdenkliche, traurige, romantische, und tragische Szenen miteinander. Doch alleine die Handlung macht ein umwerfendes Buch noch nicht umwerfend. Erst Abedis gänsehauterzeugender Schreibstil macht „Lucian“ zu einem Buch, das ich nicht so schnell vergessen und bestimmt wieder lesen werde.
Ich muss die ganze Zeit über das Buch nachdenken, und das ist es doch auch, was ein gutes Buch ausmacht, oder?
Daher mein Tipp: Lest das Buch am besten nur, wenn ihr ganz viel Zeit habt, also im Urlaub, den Ferien oder an einem verlängerten Wochenende! Ich hatte leider nicht so viel Zeit, sonst hätte ich das Buch innerhalb weniger Tage verschlungen. Und nachdem ihr es beendet habt, werdet ihr höchstwahrscheinlich genau wie ich in Gedanken immer wieder zu Lucian und Rebecca schweifen…
Die fünf Sterne verstehen sich von selbst.
Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Meli« (13. November 2009, 17:07)